Über sechzig Jahre lang war er Titular-Organist an der Cavaillé-Coll-Orgel der Pariser Kirche Saint Sulpice. Er war der Nachfolger César Francks für den Lehrstuhl für Orgel am Pariser Conservatoire. Zu seinen Studenten zählten bekannte Komponisten und Organisten wie Nadia Boulanger, Louis Vierne, Arthur Honegger, Charles Tournemire, Darius Milhaud, Marcel Dupré, Edgar Varèse und Albert Schweitzer. Am 12. März vor 80 Jahren ist er gestorben, der französische Komponist und Organist Charles-Marie Widor. Er wurde am 21. Februar in Lyon geboren. Von seinem Vater, der ein bekannter Organist, Komponist und Musiklehrer war, erhielt er den ersten Orgelunterricht. Bereits mit elf Jahren konnte er seinen Vater an der Kirche Saint-François vertreten. Ab 1863 erhielt er in Brüssel Unterricht bei Jacques-Nicolas Lemmens. Nach seiner Rückkehr nach Lyon förderte Cavaillé-Coll den jungen Widor und veranstaltete in seiner Orgelbauwerkstatt in Paris vierzehntäglich Konzerte, bei denen sich Widor als Komponist und Organist präsentieren konnte. Auf diese Weise verbreitete sich Widors Ruf allmählich als Virtuose und Komponist, was ihm Konzertauftritte im In- und Ausland verschaffte. Im Januar 1870 wurde er zum Titular-Organisten von Saint-Sulpice ernannt. Die Cavaillé-Coll-Orgel mit ihrem orchestralen Klangreichtum inspirierte ihn zu seinen Orgelsinfonien, für die er heute noch hauptsächlich berühmt ist. Zwischen 1873 und 1880 entstanden zahlreiche Kompositionen für Orchester und kammermusikalische Besetzungen, Orgelwerke und geistliche Werke. Viele seiner frühen Kompositionen hat Widor später leider vernichtet. Um 1880 begann Widor, sich auch literarisch als Musikkritiker und Essayist zu betätigen und trat 1891 schließlich sogar als Herausgeber einer Musikzeitschrift (Le Piano Soleil) in Erscheinung. Als Mitbegründer der Pariser Laienchorgesellschaft La Concordia, die Bachs Kantaten und Oratorien (u.a. 1885 die Matthäus-Passion) sowie klassische und zeitgenössische Oratorien zur Aufführung brachte, war er auch als Dirigent sehr erfolgreich. 1907 ernannte ihn die Preußische Akademie der Künste in Berlin zum Mitglied. Widor erhielt weitere zahlreiche Ehrungen. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde sein spätromantischer Kompositionsstil allerdings nicht mehr als zeitgemäß empfunden, seine Auftritte wurden immer seltener. 1920 heiratete er 76jährig noch einmal und zog sich mehr und mehr ins Privatleben zurück. 1934 trat er hochbetagt zum letzten Mal öffentlich als Dirigent mit seiner dritten Sinfonie für Orgel und Orchester und Marcel Dupré als Organist auf. 1937 starb Widor in Paris. Er hinterließ zahlreiche Orgelwerke, darunter zehn Orgelsinfonien, eine musikalische Gattung, die er geschaffen hat. Besonders bekannt wurde die Toccata aus der fünften Orgelsinfonie. Darüber hinaus schrieb er mehrere Messen, außerdem Opern, Ballette, Vokalmusik, Kammermusik und Orchestermusik sowie Bücher über die Orgel und 1904 ein Buch über die Technik des modernen Orchesters, das zu einem Standardwerk für Instrumentation wurde. Zusammen mit seinem Schüler Albert Schweitzer bereitete er eine Gesamtausgabe von J.S. Bach vor und schrieb das Vorwort zur deutschen Ausgabe von Albert Schweitzers Bach-Biographie von 1907.
»Charles-Marie Widor: Biographie und Einspielungen«
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