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CD-Besprechung

Vitus (Original Motion Picture Soundtrack)

Sony Classical 82876859022

1 CD • 62min • 2006

17.01.2007

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 9
Klangqualität:
Klangqualität: 6
Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 8

Ein Film über ein Wunderkind, ob dieser nun eine naive, eine sentimentale, oder aber eine kritische Haltung einnimmt, ist ohne echtes Wunderkind kaum zu haben: Egal, ob der jeweils ausgesuchte Kinder-Schauspieler die in der Erzählung geschilderten Fähigkeiten tatsächlich aufweist oder aber diese nur mimt, unweigerlich tritt er in den Filmbetrieb in eben jenem Alter ein, das ja nicht zuletzt ein wichtiges Moment der Geschichte selbst ist. Im Falle des Hauptdarstellers des Filmes Vitus, einer Produktion des Schweizers Fredi M. Murer, liegen die Dinge denn auch entsprechend dialektisch verzahnt: Laut offizieller Inhaltsangabe hört der Bub Vitus, ein hochbegabter Pianist, „so gut wie eine Fledermaus, spielt wunderbar Klavier und liest schon im Kindergarten den Brockhaus“, träumt jedoch, wie es im Beiheft des Soundtracks etwas altväterlich heißt, „von einer normalen Jugend“.

Teo Gheorghiu, der Darsteller, der die Filmfigur Vitus im Alter von zwölf Jahren spielt, ist auch im wirklichen Leben eine Art Wunderkind, wenngleich sich wohlgemerkt die Umstände für nicht volljährige Musiker seit dem 18. und 19. Jahrhundert stark verändert haben dürften. Gheorghiu begann im Alter von fünf Jahren mit dem Klavierspiel und studiert seit dem Jahre 2001 an der Purcell School in London als Schüler von William Fong. Er hat bereits erfolgreich an internationalen Wettbewerben teilgenommen, und konnte, wie etwa in San Marino (2004) oder Weimar (2005), namhafte Preise verbuchen. Sein Zürcher Debüt von 2004 etwa fiel mit den Aufnahmen zu dem Film Vitus zusammen – Dreharbeiten und Konzertleben, filmische Fiktionalität und reales Leben scheinen sich also zu vermischen.

So ist der Soundtrack zu Vitus nicht zuletzt eben auch ein Dokument der tatsächlichen Frühkarriere eines echten Wunderkinds. Er besteht nämlich im Wesentlichen aus zwei Schichten: zum einen der original komponierten Filmmusik Mario Berettas, zum anderen den bemerkenswert reifen Interpretationen klassischer Stücke durch den kleinen Teo Gheorghiu. Wie es im Falle eines veritablen Musikerfilms wohl auch nicht anders zu erwarten ist, beschränkt sich dabei die eigens komponierte Filmmusik auf ein Minimum. Der 1942 geborene Mario Beretta, der die Musik zu allen Spielfilmen von Fredi M. Murer geschrieben hat, steuerte insgesamt sechs ruhige Stücke bei, in welchen das Klavier, ausgehend von sanften Dissonanzen, sich innerhalb einer traurigen Streicheratmosphäre individuiert – ein einfaches, doch wirkmächtiges Sinnbild für die Künstlerseele, die einsam gegenüber der Welt steht, genauer gesagt der Kinderseele, die zu Etüden getrieben wird, während sie doch lieber durch die Natur streifen würde.

Nur selten hingegen vermischen sich die beiden Ebenen der originalen Filmmusik und der vom kindlichen Protagonisten Vitus interpretierten Musik, dann jedoch mit gesteigerter Aussagekraft: wenn etwa das originale „Lacrimosa“ aus Mozarts Requiem KV 626, eingespielt von Chor und Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks unter einem nicht genannten Dirigenten, übergeht in die von Vitus/Teo Gheorghiu quasi selbst gehörte und gespielte Klavierversion, und das klassische Werk Mozarts damit – so wird zumindest suggeriert – damit tatsächlich zu einer ganz eigenen, persönlichen Angelegenheit des kindlichen Musikers zu werden scheint.

Solche Momente des Soundtracks zeigen vor allem, daß Teo Gheorghiu nicht nur ein begabter Kinderschauspieler ist, der eben auch hervorragend Klavier spielen kann, sondern, daß in seiner frühreifen Persönlichkeit bereits jetzt eine interessante und vor allem eigenwillige künstlerische Physiognomie aufscheint. Die von Teo Gheorghiu dargebrachten Solostücke: Scarlatti, Liszt, Ravel, lassen auf sehr eindrucksvolle Weise die bereits höchst individuelle Stimme des jugendlichen Interpreten hören. Besonders gut ist Ravels Alborada del gracioso gelungen, in welchem Gheorghius Spielfreude und seine makellose Technik sich gegenseitig befeuern wie auch kontrollieren; die Solostücke sind allesamt Konzertmitschnitte, was wohl auch deren wenig modulationsreiche und viel zu direkte klangtechnische Abbildung erklärt.

Im Falle des Klavierkonzertes Robert Schumanns ist es überdies auch sehr zu bedauern, daß Gheorghius Interpretation dieses Werkes nur in zwei kürzeren Ausschnitten auf dieser Platte dokumentiert ist, spielt er doch den Beginn des Kopfsatzes gerade nicht ungestüm, sondern unvergleichlich poetisch, indem er etwa innerhalb der berühmten Einleitungskaskaden noch einmal Decrescendi und Crescendi setzt, auf dem Höhepunkt der Erregung gleichsam noch einmal träumerisch verharrt. Es spiegeln sich in dieser leider nur fragmentarischen Version des Konzertes also nicht etwa aufführungsgeschichtliche Klischees; vielmehr wird hier eine herrliche Musik mit kindlicher Sinnlichkeit ausgekostet. Nichts dürfte Schumann angemessener sein. Wenn also auch der Soundtrack narrativ verstanden werden sollte, dann steht an dessen Schluß ein großer Konzerterfolg: Vitus hätte sich, dieser Interpretation gemäß, mit seinem frühreifen Künstlertum abgefunden. Der Musikfreund hingegen wartet auf eine integrale Version des gesamten Schumann-Konzertes von Teo Gheorghiu.

Dr. Michael B. Weiß [17.01.2007]

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Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.Komponist/Werkhh:mm:ss
CD/SACD 1
Robert Schumann
1Konzert a-Moll op. 54 für Klavier und Orchester
Mario Beretta
2Lonely Vitus
Franz Liszt
3Ungarische Rhapsodie Nr. 6 Des-Dur S 244/6
Mario Beretta
4Sad Vitus
Maurice Ravel
5Alborada del gracioso (aus: Miroirs)
Mario Beretta
6By The Creek
Domenico Scarlatti
7Klaviersonate K 263
Johann Sebastian Bach
8Goldberg-Variationen BWV 988
Mario Beretta
9Stock Exchange Game
10The Big Love
Franz Liszt
11Grande Étude de Paganini Nr. 3 gis-Moll S 141 Nr. 3 (La Campanella)
Mario Beretta
12Grandfather's Farewell
Wolfgang Amadeus Mozart
13Requiem d-Moll KV 626
Mario Beretta
14Light Piece No. 4
Wolfgang Amadeus Mozart
15Rondo a-Moll KV 511
Robert Schumann
16Konzert a-Moll op. 54 für Klavier und Orchester

Interpreten der Einspielung

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