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CD-Besprechung

Pletnev live at Carnegie Hall

DG 471 157-2

2 CD • 1h 42min • 2000

01.06.2001

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 10
Klangqualität:
Klangqualität: 10
Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 10

Klassik Heute
Empfehlung

Im österreichischen Rundfunk beeindruckte kürzlich eine vierteilige Radiokolleg-Serie von Albert Hosp über das Phänomen des "Fehlers" in der Musik und in der musikalischen Praxis. Viele Ängste, Überlegungen und Spekulationen im Umfeld dieses unerschöpflichen Reizthemas beziehen sich auf Probleme, mit denen sich auch ein Interpret wie Mikhail Pletnev konfrontiert sieht, wenn er ein waghalsiges, nur bedingt korrigierbares Live-Abenteuer zu Publikationszwecken mitschneiden läßt. Pletnev im Beiheft dieser DG-Edition: "Für die Wahrhaftigkeit einer Interpretation nehme ich gerne auch ein paar Fehler in Kauf. Das ist meine Philosophie, und mein oberstes Ziel ist es, den Menschen zu zeigen, wie Musik - ich meine wirklich große Musik - ihre Lebensqualität verbessern kann." Große, anspruchsvolle, vielleicht im letzten Teil etwas vollmundige Worte, aber wir wissen, was gemeint ist. Und nebenbei staunen wir auch, daß ein trotz Intellektualität geradezu brennender Pianist wie Pletnev erst im November in der New Yorker Carnegie Hall sein Debüt feiern konnte.

Pletnev als einer der wirklich prägenden, auch Unruhe stiftenden Pianisten des späten 20. Jahrhunderts erinnert mich in vielen seiner irritierenden, von manischer Motorik, aber auch von sensibelster Klugheit gereizten darstellerischen Entscheidungen an Ivo Pogorelic - freilich in abgeschwächter Form eines halbwegs berechenbaren, eines umgänglicheren Exzentrikers. Sicher ist dieser Carnegie-Mitschnitt samt einer Bonus-Zugaben-CD nicht von jener überwältigenden Klang- und Ausdrucksintensität wie die beiden Horowitz-Recitals von 1965 und 1966, aber Pletnev vermag zu fesseln. Er legt umfangreiche und kleinformatige Werke frei wie ein Gerichtspathologe eine Leiche, mit dem Unterschied freilich, daß sich diese Repertoireleichen ewigen Lebens erfreuen.

Mit bewundernswerter Übersicht entfaltet Pletnev den Verlauf des Chaconne-Themas - dynamisch beherrschter als Kissin in seinen Konzerten! -, linientreu, ohne metaphysisches Brimborium die beiden Sätze der Beethoven-Sonate, ätzend die dramatischen Turbulenzen der vier Chopin-Scherzi. Im Zugabenteil folgt er in weiten Teilen bewährter Horowitz-Praxis.

Pletnev zaubert und zeigt uns staunenden Hörern, wie schön es ist, wenn einer seine Finger auch einmal völlig selbstzweckhaft laufen lassen kann (Moszkowski!). Im Fall von Balakirevs Islamey ziehe ich zwar die beiden Cziffra-Versionen und auch die beiden Gawrilow-Aufnahmen vor, doch markiert diese hochvirtuose Steppen-Studie auch in Pletnevs Deutung einen Höhepunkt frenetische Virtuosität.

Peter Cossé † [01.06.2001]

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Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.Komponist/Werkhh:mm:ss
CD/SACD 1
Johann Sebastian Bach
1Chaconne (aus der Partita Nr. 2 d-Moll für Violine solo BWV 1004)
Ludwig van Beethoven
2Klaviersonate Nr. 32 c-Moll op. 111
Frédéric Chopin
3Scherzo Nr. 1 h-Moll op. 20
4Scherzo Nr. 2 b-Moll op. 31
5Scherzo Nr. 3 cis-Moll op. 39
6Scherzo Nr. 4 E-Dur op. 54
Sergej Rachmaninow
7Etudes Tableaux es-Moll op. 39 Nr. 5
Alexander Scriabin
8Poème Fis-Dur op. 32 Nr. 1 – Andante cantabile
Domenico Scarlatti
9Sonate d-Moll K 9
Moritz Moszkowski
10Étude de virtuosité op. 72 Nr. 6
Mily Alexejewitsch Balakirew
11Islamey op. 18 (orientalische Fantasie) – Presto con fuoco

Interpreten der Einspielung

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