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CD-Besprechung

Stabat Mater

Stabat Mater

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 9

Klangqualität:
Klangqualität: 10

Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 9

Besprechung: 27.08.09

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BIS 1546

1 CD/SACD stereo/surround • 75min • 2005, 2006

Bach war ein großer Freund der italienischen Musik: Nicht zuletzt bearbeitete er Concerti seines venezianischen Kollegen Vivaldi für Orgel und Cembalo, um etwas über die brandneue Form des Concerto grosso zu lernen, die damals über die Alpen ins nördliche Europa vordrang und die Zukunft der deutschen Musikgeschichte entscheidend prägen sollte. Doch auch die Musik des früh verstorbenen Giovanni Battista Pergolesi (1710-1736) hat ihm offenbar gefallen, ihn möglicherweise sogar angerührt, war der Italiener doch gleichaltrig mit Bachs ältestem Sohn Wilhelm Friedemann, der ihm besonders am Herzen lag.

An die Noten von Pergolesis Stabat Mater kam Bach möglicherweise über seinen Dresdner Kollegen Jan Dismas Zelenka. Dem Bach-Spezialisten Christoph Wolff zufolge ist für die Entstehung von Tilge, Höchster, meine Sünden, Bachs Bearbeitung des Stückes, der Zeitraum zwischen 1739 und 1742 anzunehmen. Da war Pergolesi bereits tot, und Bach sichtete als nach den Umständen seiner Zeit alter Mann von über 50 Jahren seine Hinterlassenschaft als Komponist. Im Lichte dieser gewissermaßen selbstkritischen Epoche ist es kaum ein Wunder, dass er auch an Pergolesis Komposition „konstruktive Kritik“ (Wolff) übte, indem er der weitgehend im Einklang mit dem Continuo geführten Bratschenstimme des Originals eine eigene, kontrapunktisch gesetzte Rolle gab.

Für seine Version des Seelendramas der Gottesmutter unter dem Kreuz wählte Bach eine Umdichtung des Psalms 51 aus, eines Bußpsalms, der den Schmerz der Maria im katholischen Hymnus Stabat Mater gut in die Gefühle eines lutherischen Christen umdeuten kann, der unter dem Kreuz des Heilands die einzig selig machende Gnade Gottes findet und in ihr das Ziel seiner Hoffnung auf Erlösung.

David Taylor, Kontratenor und Gründer sowie musikalischer Leiter des Ensembles Theatre of Early Music, kontrastiert seine Einspielung von Bachs Psalm 51 mit Vivaldis Stabat Mater in f-Moll und Pergolesis Salve Regina in der gleichen Tonart. Gleich im ersten Track der CD wird der Hörer mit Vivaldis Sonata ‘Al Santo Sepolcro’ RV 130 auf den ernsten Gehalt der Einspielung eingestimmt; eine Feststellung, die auch für die Interpretation des berühmten Stabat Mater des abbate rosso gilt: Taylor betont die innigen, andächtigen Akzente des Stückes, wo Andreas Scholl und Chiara Banchini mehr auf Dramatik setzen. Vergleichbares gilt für die beiden Interpretationen der Sonata ‘Al Santo Sepolcro’: Eine introvertierte, stille Atmosphäre liegt über dem Spiel von Taylors Ensemble, während Banchini ihr Klangbild in dunklen, tragischen Farben malt.

Theatralik bestimmt hingegen in hohem Maß Taylors Version des Salve Regina von Pergolesi – der Hymnus an die Gottesmutter ist gewissermaßen das theologische Bindeglied zu Bachs Bußpsalm, wird doch hier Maria als Hoffnung und Zuflucht der „verbannten Kinder Evas“ angerufen, wo das evangelische Verständnis auf Gottvertrauen und Heilsgewissheit setzt. Neben dem theatralischen Aspekt setzt Taylor sehr schön die Süße von Pergolesis Tonsprache um, die an die Fresken Tiepolos gemahnen mag und Bach vielleicht besonders gereizt hat.

Für Bachs Psalm 51 hat Taylor sich die Mitwirkung von Dame Emma Kirkby versichert (ja, die Sängerin wurde 2007 von Queen Elizabeth in den Ritterstand erhoben!) Durch mannigfache Zusammenarbeit sind beide Sänger miteinander seit Jahren vertraut, und das kommt diesem Werk sehr zugute: So entsteht gemeinsamer geistiger Raum, in dem die Botschaft des Stückes sich vermitteln kann. Da wird die Frage nebensächlich, wie frisch Dame Emmas Stimme nach nahezu 40 Jahren im Dienste der Kunst noch ist – hier macht Erfahrung wahrhaft wett, was an Glanz mittlerweile fehlen mag. Gewichtiger ist freilich das Problem, dass Bach vermutlich die Paarung zweier Knabenstimmen vor Ohren hatte, als er das Stabat Mater von Pergolesi bearbeitete: Der Einsatz einer Sopranstimme und eines Kastraten kam ja im evangelischen Leipzig nicht infrage, möglicherweise hat Bach, trotz gelegentlicher Ausflüge nach Dresden, wo er die Operarien („Dresdner Liederchen“) sehr schätzte, Kastraten nie gehört. Die Gleichförmigkeit der Timbres zweier Frauenstimmen, wie sie in der vorzüglichen Vergleichsaufnahme mit Nancy Argenta und Guillemette Laurens zu erleben ist, kommt der Vorstellung zweier Knabenstimmen vermutlich näher als das Miteinander von Frauenstimme und Kontratenor und weist dieser CD den ersten Rang möglicher Vergleichsaufnahmen zu, doch kann die Interpretation unter Diego Fasolis an seelischem Tiefgang mit der Aufnahme von David Taylor und Dame Emma Kirkby nicht mithalten.

Vergleichsaufnahmen: Andreas Scholl (Kontratenor), Ensemble 415, Chiara Banchini (Leitung), harmonia mundi HMC 901571 (für Vivaldi: Stabat Mater u. Sonata ‘Al Santo Sepolcro’); Nancy Argenta (Sopran), Guillemette Laurens (Mezzosopran), Coro della Radio Svizzera, I Barrocchisti, Diego Fasolis (Leitung); Arts 47694-2 (für Tilge, Höchster, meine Sünden).

Detmar Huchting [27.08.2009]

Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.KomponistWerkhh:mm:ss
1 A. Vivaldi Sonata Es-Dur RV 130 (Al Santo Sepolcro) 00:04:20
2 Stabat Mater f-Moll RV 621 für Alt, Streicher und B.c. 00:19:02
11 G.B. Pergolesi Salve Regina 00:13:40
17 J.S. Bach Tilge, Höchster, meine Sünden BWV 1083 (Psalm 51; Bearbeitung von Pergolesis "Stabat Mater") 00:36:45

Interpreten der Einspielung

Interpret(en)Besetzung
Emma Kirkby Sopran
Daniel Taylor Countertenor
Theatre of Early Music Ensemble
 
1546;7318599915463

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