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CD-Besprechung

cpo 999 898-2

1 CD • 48min • 2002

17.09.2004

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 10
Klangqualität:
Klangqualität: 10
Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 10

Klassik Heute
Empfehlung

Man könnte bei anfänglicher Lektüre des wie immer so kundigen wie geistreichen Booklets von Eckhardt van den Hoogen sarkastisch fragen, welchen Wert eine Musik denn eigentlich habe, wenn man sie so einsichtsvoll erklären muß wie diese. Die Antwort erschließt sich sofort beim Hören dieser Produktion... Übrigens wirkt die Musik natürlich auch ohne Erläuterungen, doch sind diese aus verschiedenen Gründen tatsächlich notwendig. Wer wüßte heute denn noch von der Rivalität zwischen Emil Nikolaus von Reznicek und Richard Strauss, aus der die 1913 vollendete Tondichtung Der Sieger ihre Motivation bezog? Van den Hoogen wirft ein bezeichnendes Licht auf zwei gegensätzliche Persönlichkeiten – hier der Erfolgsmensch, da der Verlierer – bei unbestreitbar höchstem Talent beider. Der Text beschreibt das Leben von E.N., wie sich Reznicek selbst nannte, treffend als dem des Sisyphus ähnlich: „Immer wenn die nächst höhere Ebene zum Greifen nahe ist, geschieht etwas, das einen wieder an den Anfang zurückbefördert und dazu zwingt, die ganze Geschichte von vorn duchzugehen.“ Der arme E.N. muß sich praktisch bis ans Lebensende gefühlt haben wie Bill Murray im Kino-Hit „...und täglich grüßt das Murmeltier“. Leider war für seine Musik noch weit über seinen Tod im Jahr 1945 hinaus „Murmeltiertag“: Einmal im Jahr wurde die Ouvertüre zu Donna Diana aus der Kiste geholt, und das war’s – es blieb Winter für die übrigen Werke von E.N. – bis sich das Label cpo wieder einmal eines Unbekannten erbarmte und mit dem WDR-Orchester unter Michail Jurowski Spitzenkräfte an einige seiner großformatigen Orchesterwerke ließ.

Mit größtem Erstaunen konnte man bereits die sinfonische Lebensgeschichte Schlemihl zur Kenntnis nehmen (cpo 999 795 2), ein fünfteiliges Drama mitsamt einem von Liszt’s Faust-Sinfonie inspirierten Solotenor-Schluß-Epilog, das den genannten persönlichen Murmeltiertag des E.N. auf das Spannendste realistisch beschrieb. Nun folgt mit den gleichen Kräften ein „Symphonisch-Satyrisches Zeitbild“, welches das Staunen des Rezensenten noch vergrößert: Mit Fug und Recht darf man Der Sieger als dreisätzige Sinfonie bezeichnen, die in der Ausdrucksvielfalt, aber auch der kompositorischen Könnerschaft Werken eines Gustav Mahler nicht nachsteht. Wenn man seinen Strauss kennt, sind die kritischen Anspielungen auf beispielsweise die exhibitionitische Sinfonia Domestica oder das Heldenleben nicht zu überhören.

Aber vielleicht lenkt die Konzentration auf Strauss als Gegenspieler auch ein wenig davon ab, daß man dieses Werk viel allgemeiner verstehen könnte und wohl auch sollte – denn es hat uns heute noch genau so viel zu sagen wie dem Publikum der Uraufführung. Nicht umsonst nannte E.N. es ein Zeitbild. Hier werden Untertanen-Mentalität, bürgerliche Lebens-Konvention und Gewinnsucht, die das Zeitalter der Aufklärung bis heute prägen, thematisiert und kritisiert. Im Mittelsatz, der nicht zufällig Der Tanz um das goldene Kalb heißt, hören wir die sinnentleerte Lebens-Groteske des modernen Menschen nicht weniger eindringlich als in der Burleske von Mahlers Neunter, nachdem der Kopfsatz (Der Aufstieg und die Gefährtin) in bitterster Ironie ein Bild jener Emporkömmlinge zeichnete, die uns mit ihrer Abzocker-Mentalität auch heute das Leben schwer machen. Doch vor dem Tod sind alle Menschen gleich: Es ist beeindruckend, wie im Finalsatz (Der Tod) die Musik in bitteren Ernst umschlägt und apokalyptische Trauermärsche in Mahler’scher Manier mit Friedensvisionen konfrontiert werden. Es ist ein Lehrstück in kompositorischer Dramaturgie, wie Reznicek es hinbekommt, den Epilog – diesmal gesungen von einem tröstlichen Alt – organisch aus dem Vorhergehenden zu entwickeln, ohne daß die Musik wegen des wie die Moral von der Geschicht’ auftretenden Textes irgendwie peinlich wirkte; sie ist im Gegenteil ernst, tröstlich und angemessen: „Ist einer Welt Besitz für dich zerronnen, sei nicht im Leid darüber, es ist nichts; und hast Du einer Welt Besitz gewonnen, sei nicht erfreut darüber, es ist nichts. Vorüber gehen die Schmerzen und die Wonnen, geh an der Welt vorüber, es ist nichts.“

E.N. handhabt das große Orchester mit ausgeprägtem Sinn für Farbwirkungen. In manchem erinnert mich das Werk an die monumentale Gothic Symphony von Havergal Brian. Zugleich ist der brutale Realismus dieser Musik ein passendes Pendant zu den besten Werken von Schostakowitsch und Prokofieff und deshalb bei Michail Jurowski wiederum in besten Händen.

Die Musikwelt sei mit allergrößtem Nachdruck auf diese großartige Musik aufmerksam gemacht, auch wenn ein solcher Appell bei den Jetset-Maestri wohl ungehört verhallt. Umso dankbarer muß man für diese Produktion sein, die für mich die Entdeckung des Jahres ist. Angesichts des musikalischen Gewichts verschmerzt man übrigens sogar die Spielzeit von 48 Minuten. Es bleibt zu hoffen, daß noch die 1915 in Berlin aufgeführte, seither verschollene „Fortsetzung“ wieder auftaucht – eine groß besetzte Kantate namens Frieden, die in den Archiven von Bote&Bock in Berlin bisher unauffindbar war. Wer also zufällig in einer Bibliothek oder auf dem Dachboden auf einen Klavierauszug oder gar eine alte Partitur dieses Werkes stößt, kann sich sehr verdient machen.

Dr. Benjamin G. Cohrs [17.09.2004]

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Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.Komponist/Werkhh:mm:ss
CD/SACD 1
Emil Nikolaus Reznicek
1Der Sieger für Alt, Chor und Orchester (Symphonisch-satyrisches Zeitbild)

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