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CD-Besprechung

Franz Schubert Winterreise

Franz Schubert<br />Winterreise

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 8

Klangqualität:
Klangqualität: 9

Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 8

Besprechung: 04.04.14

ATMA Classique ACD2 2536

1 CD • 63min • 2011

Erster Gedanke: Da wagt sich einer zu hoch hinauf. Beim Abhören des ersten Stücks scheinen sich solche Bedenken zu bestätigen. Der helle Klang der Tenorstimme wird recht zaghaft eingesetzt, auch stören einige Mängel der Artikulation, wie das Verschlucken von Silben: Bei „Das Mädchen sprach von Liebe“ und den analogen Stellen bleibt die Anfangssilbe fast unhörbar. Das Ganze sozusagen ohne Haut und Haar, wie aus den Noten abgelesen.

Allerdings bietet speziell „Gute Nacht“, das Eingangslied der Winterreise, tatsächlich manche Probleme, weil es durch seine Länge und die vielen Strophen aus dem Rahmen der zyklischen Komposition fällt, in der zumeist kürzere und prägnante Stücke vorherrschen. Nur mit schärferer Artikulation und Differenzierung kann man hier überbrückend wirken, und gerade diese Nuancen fehlen hier.

Beim weiteren, vollständigen und vor allem beim mehrmaligen Anhören des Liedervortrags verflüchtigen sich die anfänglich skeptischen Eindrücke. Der deutsche Tenor Jan Kobow, bekannt und geschätzt als Konzert- und Oratorientenor bietet in summa eine Wiedergabe von starker Eindringlichkeit, obwohl – oder gerade weil sie ganz ohne Gefühlsdruck, ohne Pathos auskommt. Das ist wohlüberlegte emotionelle Zurückhaltung, die nicht mit Ausdruckslosigkeit zu verwechseln ist. Klar und deutlich, wie in der Form sauberer Schriftzeichen – so erscheint diese Interpretation. Und die Botschaft erreicht uns intensiver als in Fettdruck oder mit faustdicken Unterstreichungen. Jan Kobow ist gewiß kein Gesangsriese, aber wie klug und konzentriert er seine Mittel einsetzt, das verdient Hochachtung.

Und noch etwas: Schuberts Winterreise wird viel öfter in der Bariton- oder Baß-Version gesungen als in der originalen Tenorlage. Durch die Herabsetzung der Tonart erhält der Zyklus ein Übergewicht von Trauer- und Friedhofsstimmung. Schubert wünschte sich aber eine höhere Stimmlage, keinen ganz hohen Tenor wie für die Müllerin, aber doch ein Organ, das Kraft und Jugend ausstrahlen kann. Und der einsame Wanderer ist ja kein gebeugter Greis, sondern ein junger Mensch in seiner vollen Lebenskraft. Somit ist ein jugendlich-heller Stimmtypus, wie ihn Jan Kobov vertritt, die absolut richtige Besetzung. Und nicht zuletzt: Originaltonarten sind bei Schuberts Liedern wichtig, sie sind Teil der Komposition und ergeben erst im Zusammenklang von Gesangsstimme und Begleitinstrument das richtige Bild.

Auffallend, dass in dieser Wiedergabe einige Stücke äußerst schnell genommen werden, etwa „Die Post“. Da wird manches geradezu verhetzt. Hier scheint mehr der Begleiter als der Sänger den Ton anzugeben. Christoph Hammer, der ein Hammerklavier aus Schuberts Zeit verwendet, betont die dramatischen Vorgänge, geht aber in Lied Nr. 8 („Rückblick“) mit dem Fortissimo entschieden zu weit, denn da wird die Gesangsstimme zugedeckt. In den lyrischen Momenten erweist er sich als feiner, mitfühlender Musiker.

Ein Rat an die Hörer dieser Aufnahme: nicht bloß ein wenig darin herumkosten, sondern das Ganze in sich aufnehmen. So bringt die Aufnahme Gewinn.

Clemens Höslinger [04.04.2014]

Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.KomponistWerkhh:mm:ss
1 F. Schubert Gute Nacht op. 89 Nr. 1 D 911 (aus: Die Winterreise) 00:05:14
2 Die Wetterfahne op. 89 Nr. 2 D 911 (aus: Die Winterreise) 00:01:39
3 Gefrorne Tränen op. 89 Nr. 3 D 911 (aus: Die Winterreise) 00:02:21
4 Erstarrung op. 89 Nr. 4 D 911 (aus: Die Winterreise) 00:02:43
5 Der Lindenbaum op. 89 Nr. 5 D 911 (aus: Die Winterreise) 00:04:07
6 Wasserflut op. 89 Nr. 6 D 911 (aus: Die Winterreise) 00:03:23
7 Auf dem Flusse op. 89 Nr. 7 D 911 (aus: Die Winterreise) 00:03:05
8 Rückblick op. 89 Nr. 8 D 911 (aus: Die Winterreise) 00:01:51
9 Irrlicht op. 89 Nr. 9 D 911 (aus: Die Winterreise) 00:02:23
10 Rast op. 89 Nr. 10 D 911 (aus: Die Winterreise) 00:03:07
11 Frühlingstraum op. 89 Nr. 11 D 911Nr. 11 (aus: Die Winterreise) 00:03:32
12 Einsamkeit op. 89 Nr. 12 D 911 Nr. 12 (aus: Die Winterreise) 00:02:27
13 Die Post op. 89 Nr. 13 D 911 (aus: Die Winterreise) 00:02:00
14 Der greise Kopf op. 89 Nr. 14 D 911 (aus: Die Winterreise) 00:02:25
15 Die Krähe op. 89 Nr. 15 D 911 (aus: Die Winterreise) 00:01:49
16 Letzte Hoffnung op. 89 Nr. 16 D 911 (aus: Die Winterreise) 00:01:56
17 Im Dorfe op. 89 Nr. 17 D 911 (aus: Die Winterreise) 00:02:58
18 Der stürmische Morgen op. 89 Nr. 18 D 911 (aus: Die Winterreise) 00:00:50
19 Täuschung op. 89 Nr. 19 D 911 (aus: Die Winterreise) 00:01:20
20 Der Wegweiser op. 89 Nr. 20 D 911 (aus: Die Winterreise) 00:03:29
21 Das Wirtshaus op. 89 Nr. 21 D 911 (aus: Die Winterreise) 00:03:32
22 Mut op. 89 Nr. 22 D 911 (aus: Die Winterreise) 00:01:19
23 Die Nebensonnen op. 89 Nr. 23 D 911 (aus: Die Winterreise) 00:02:18
24 Der Leiermann op. 89 Nr. 24 D 911 Nr. 24 (aus: Die Winterreise) 00:03:37

Interpreten der Einspielung

Interpret(en)Besetzung
Jan Kobow Tenor
Christoph Hammer Hammerflügel
 
ACD2 2536;0722056253628

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