Klassik Heute - Ihr Klassik-Portal im Internet

Über uns | Impressum | Kontakt | Sitemap

Suche

CD-Besprechung

Vienna 1789

Vienna 1789

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 7

Klangqualität:
Klangqualität: 8

Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 10

Besprechung: 04.12.13

Berlin Classics 0300551BC

1 CD • 76min • 2013

Schon rein konzeptionell ist das Album „Vienna 1789“ eine überaus ansprechende Produktion: Drei Werke dreier Komponisten werden versammelt, die zufälligerweise im Revolutionsjahr 1789 komponiert wurden: das letzte Klavierkonzert Mozarts, das erste Klavierkonzerts Beethovens und eine unglaublich gute, späte Klaviersonate Haydns. Es sei jedoch nicht verschwiegen, dass das Frühwerk Beethovens im Direktvergleich am schwächsten abschneidet: Der frühe Beethoven war in seiner Erfindung noch nicht so frei wie Haydn zu Beginn seiner Spätphase oder der Mozart der letzten Lebensjahre.

Doch auch interpretatorisch wirft diese Produktion einige Fragen auf. Denn es ergeben sich nicht nur musikhistorische Spannungsfelder zwischen dem späten, sublimen Mozart und dem frühesten, noch epigonalen Beethoven. Nein, bis hinein in die Interpretation setzen sich die Spannungen fort. Sebastian Knauer spielt durchgehend auf einem modernen Konzertflügel, einem wunderbar intonierten Steinway, also gerade nicht auf einem jener historischen Instrumentennachbauten, die so klingen, als ob ihre klangliche Beschränktheit von einem noch nicht einmal besonders guten Synthesizer nachgeahmt würde. Das Zürcher Kammerorchester hingegen spielte 2011 ältere Musik auf Darmsaiten und mit Barockbogen. Damit durchzieht der Kontrast zwischen modernem Solo-Instrument und historisierender Begleitung die gesamte Produktion.

Tatsächlich ergibt sich ein spürbares Ungleichgewicht, da das von Sir Roger Norrington geleitete Kammerorchester in Bezug auf den klanglichen Modifikationsreichtums dem Pianisten deutlich nachsteht. Das läßt sich am Beispiel des langsamen Satzes „Larghetto“ des letzten Klavierkonzertes Mozarts Nr. 27 B-Dur KV 595 nachvollziehen: Vibratoarm und auf Darmsaiten realisiert, wirken etwa die orchestralen Begleitfiguren stumpfer als diejenigen, die im Flügel deutlich klangvoller angeschlagen werden; Gesangslinien werden nach den Vorgaben der „Klangrhetorik“ im Orchester kurzatmig phrasiert, während Sebastian Knauer sie aufblühen und leuchten läßt. Im Finalrondo hat Knauer eine Vielzahl allein von Staccati zur Verfügung, federnde, atmende oder stärker gebundene, während das orchestrale Staccato bloß kurz ist und als Abschneiden des Klanges wirkt. Ähnliches gilt für die dynamische Palette: ein echtes Forte gestattet Norrington nicht. Geradezu mißlich ist die Furcht der Musiker vor einer klanglichen Ausbreitung im Finale des Beethoven-Konzertes, da etwa in den energischen melodischen Gestalten des Orchesters Töne nicht ausgehalten, sondern nur angerissen und sofort wieder weggenommen werden, wodurch in den Linien fast Löcher entstehen. Am stärksten können sich generell die Bläser entfalten, welche etwa im Mozart-Finale gut zur Geltung kommen.

Dieser Verzicht auf klangliche, artikulatorische und phrasierende Möglichkeiten ist natürlich freiwillig und als ein Resultat der sogenannten Historischen Aufführungspraxis auch weit verbreitet. Unter musikalischen Gesichtspunkten ist es freilich fragwürdig, sich so vieler Möglichkeiten zu benehmen, nur, um die vielzitierte „historische Informiertheit“ zu demonstrieren, von der man ja doch nie wissen kann, ob sie wirklich zutrifft – methodisch wird im Diskurs der Historisierer ja viel zu wenig beachtet, dass das, was in theoretischen Traktaten überliefert und gefordert wird, mitnichten automatisch auch für eine Musizierpraxis gelten muss, die letztlich immer reicher ist als alle Theorie. Das macht dieses Album so instruktiv: Weil sich zwischen Sebastian Knauer, der alle pianistischen Möglichkeiten nutzt, und dem Orchester, das eigentlich unter seinen Möglichkeiten spielt, solch ein greifbarer Kontrast auftut, kann man die Interpretationen als implizite Kritik an der historischen Aufführungspraxis hören. Gerade Knauers Deutung der späten Haydn-Sonate Es-Dur Hob. XVI: 49, einem Geniestreich voller Witz und komponierten Überraschungen, zeigt beispielhaft und alternativ, wie ein flexibles, sinnlich sprechendes und auch historisch adäquates Spiel möglich ist, ohne die ästhetischen Möglichkeiten einzuschränken. Es ist, etwa fünfzig Jahre nach dem Siegeszug der Historisierer höchste Zeit, deren Dogmen und Ideologien neu zu überdenken und gegebenenfalls zu verändern und vor allem zu erweitern. Diesen Umstand zu veranschaulichen, macht die Relevanz dieses Albums aus.

Dr. Michael B. Weiß [04.12.2013]

Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.KomponistWerkhh:mm:ss
1 W.A. Mozart Konzert Nr. 27 B-Dur KV 595 für Klavier und Orchester 00:28:27
4 J. Haydn Klaviersonate Nr. 49 Es-Dur Hob. XVI:49 00:19:00
7 L.v. Beethoven Klavierkonzert Nr. 2 B-Dur op. 19 00:28:11

Interpreten der Einspielung

Interpret(en)Besetzung
Sebastian Knauer Klavier
Zürcher Kammerorchester Orchester
Sir Roger Norrington Dirigent
 
0300551BC;0885470005515

Bestellen bei jpc

 

Das könnte Sie auch interessieren:

 

⇑ nach oben

Impressum Kontakt AGBs Datenschutz Haftungsausschluss Mediadaten Sitemap

© Klassik Heute GbR

jpc