Anzeige

Teilen auf Facebook RSS-Feed Klassik Heute
Klassik Heute - Ihr Klassik-Portal im Internet

CD • SACD • DVD-Audio • DVD Video

CD-Besprechung

BIS BIS-CD-1062/1064

2 CD • 3h 54min • 1983

01.06.2000

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 8
Klangqualität:
Klangqualität: 8
Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 8

Noch vor zwanzig Jahren konnte Kaikhosru Shapurji Sorabji (1892-1988) als unbekanntester Komponist des 20. Jahrhunderts gelten; nur Insidern und Freunden geläufig, lebte er völlig zurückgezogen, von Legenden umwoben, deren eine behauptete, er habe sogar die Aufführung seiner Werke verboten. Ein Autodafé zu Lebzeiten? Keineswegs: Sorabji hatte lediglich seriöse Interpreten und Zuhörer verlangt und behielt es sich persönlich vor, wem er seine Noten aushändigte und wem nicht; der moderne Musikbetrieb war ihm verhaßt - in galligen Sottisen hatte er jahrelang als Musikkritiker Interpreten, Komponisten wie auch das Publikum verrissen; dem wollte er sein Œuvre nicht ausliefern. Schon gar nicht dasjenige, welches - obwohl keineswegs sein umfangreichstes! - als Herzstück seines Komponierens galt: das 1929-30 entstandene, knapp vierstündige Opus Clavicembalisticum, von ihm selbst am 1. Dezember 1930 in Glasgow aus der Taufe gehoben.

Einem seiner Freunde, dem bekannten Pianisten Egon Petri, hatte er eine Aufführung anvertrauen wollen, doch der spielte es nie (ein entsprechender Hinweis im Booklet der jetzigen Edition ist irreführend). Aber in den siebziger Jahren kam es zu einem freundschaftlichen Kontakt Sorabjis mit dem in den Niederlanden lebenden australischen Pianisten Geoffrey Douglas Madge, dessen Spiel vor Sorabjis Ohren Gnade fand, und so stellte Madge 1982 beim Holland Festival das um vier gigantische Fugenkonstrukte herum gebaute O. C. der staunenden Öffentlichkeit vor. Ein Mitschnitt erschien seinerzeit auf vier LPs; über ein CD-Remake konnten sich Interpret und Firma nicht einigen.

Das CD-Privileg konnte ein anderer genießen, den ohnehin mit dem O. C. schon ein langes und inniges Verhältnis verband: John Ogdon. Er hatte das Werk schon als Student in den fünfziger Jahren einstudiert und privat, wenn auch nie öffentlich, gespielt; 1985, nachdem er von einer längeren Krankheit vorübergehend genesen war, ging er mit Sorabjis umfänglichen Noten ins Studio und 1988 auch an die Londoner Öffentlichkeit. Die Studioaufnahme hat ihre pianistischen und durch die hervorragende Ausstattung auch editorischen Meriten; aber Ogdons Wiedergabe dauert fast eine Stunde (!) länger als die von Madge. Der Grund dafür ist aber keineswegs der, daß Ogdon die schnellen, unendlich anspruchsvollen Partien des in Dschungeln der Kontrapunktik sich ergehenden Werkes etwa nicht "gepackt" hätte, im Gegenteil, hier ist er teilweise sogar schneller als Madge. Aber Ogdon läßt sich bei den getragenen Partien viel Zeit, Zeit auch für eine weit differenzierte Anschlagskultur, welche die unterschiedlichen Traditionen des O. C., die zu Bach, Liszt und Busoni zurückweisen, aufscheinen läßt. Auch erhält das Werk auf Ogdons Bösendorfer ganz erstaunliche Sonoritäten, wohingegen der Yamaha, den Madge in seinen beiden Aufnahmen verwendete, etwas kühl und "zweckrational" klingt, wenn auch von bestechender Klarheit, vor allem in den mittleren Registern.

Nun gibt es also die dritte Gesamteinspielung des Opus Clavicembalisticum, der Mitschnitt eines Konzertes, das Madge 1983 in Chicago gab. Wenn die alte LP-Aufnahme sicherlich den Reiz des Erstmaligen, Authentischen hat, so ist nun die Aufzeichnung einer der etwa ein halbes Dutzend Folgeaufführungen souveräner, abgeklärter, technisch noch abgerundeter und in der unerhörten Kraftentfaltung und der beeindruckenden Spannungs-Dramaturgie ganz gewiß eine kolossale Leistung. Madge zieht sozusagen durch das Dickicht der posttonalen Klangwelt Sorabjis, gleichsam eines Superlativs von Busoni, ein Strukturnetz der Kenntlichkeit, wo Ogdon sich oft eher liebevoll um Details kümmert, auch wenn seine technischen Fähigkeiten denen Madges überhaupt in nichts nachstehen.

Die vorliegende Einspielung durch G. D. Madge ist die zur Zeit einzig erhältliche und ohne wesentliche Einschränkung empfehlenswert, um den kauzigen Komponisten Sorabji angemessen kennenzulernen. Weniger zur Nachahmung zu empfehlen ist, daß im Booklet u.a. auch ein hämischer Text über Ogdon zu lesen ist, quasi die Rezension einer Konkurrenzaufnahme. Auf gut englisch würde man derartiges als "unappetizing" bezeichnen...

Dr. Hartmut Lück † [01.06.2000]

Anzeige

Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.Komponist/Werkhh:mm:ss
CD/SACD 1
Kaikhosru Shapurji Sorabji
1Opus clavicembalisticum

Vorherige ⬌ nächste Rezension

21.02.2006
»zur Besprechung«

100 Transcendental Studies, Fredrik Ullén / BIS
100 Transcendental Studies Fredrik Ullén

06.10.2009
»zur Besprechung«

100 Transcendtal Studies, Fredrik Ullén / BIS
100 Transcendtal Studies Fredrik Ullén

zurück zur Liste

Das könnte Sie auch interessieren

13.05.2005
»zur Besprechung«

 / BIS
/ BIS

20.09.2004
»zur Besprechung«

 / BIS
/ BIS

01.10.1999
»zur Besprechung«

 / BIS
/ BIS

Anzeige

Klassik Heute - Ihr Klassik-Portal im Internet

Anzeige