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CD-Besprechung

Fredrik Ullén plays Kaikhosru Sorabji

100 Transcendental Studies: Nos. 84-100

BIS 2433

2 CD • 1h 58min • 2018, 2019

12.01.2021

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 10
Klangqualität:
Klangqualität: 10
Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 10

Klassik Heute
Empfehlung

Es ist vollbracht! Der für technisch extrem anspruchsvolles Repertoire (Ligeti!) bekannte, schwedische Pianist Fredrik Ullén legt als Doppel-CD die letzte von sechs Folgen mit dem wohl umfangreichsten und über weite Strecken schwierigsten Etüdenwerk der gesamten Klavierliteratur vor: Die Nummern 84-100 der Études transcendantes des britischen Exzentrikers Kaikhosru Sorabji (1892-1988), die in den Kriegsjahren 1940-44 entstanden sind. Der Komponist – wohl wissend, dass seine Klavierwerke kaum von zeitgenössischen Pianisten adäquat umzusetzen waren – hielt ab Mitte der 1930er Jahre seine komplette spätere Musik zurück und belegte die wenigen gedruckten Werke faktisch fast 40 Jahre lang mit einem Aufführungsverbot, das er erst um 1975 lockerte. Nach seinem Tode begann man, die Manuskripte nach und nach in Computersatz herauszugeben; ein Prozess, der – was die Soloklavierwerke betrifft – fast abgeschlossen ist. Dennoch sind viele seiner teilweise monumentalen Kompositionen – allein 15 dauern jeweils über 4 Stunden – noch unaufgeführt.

100 ganz individuelle, dennoch historisch verwurzelte Etüden

Der im Original französische Titel bezieht sich klar auf Liszts 12 Etudes d'execution transcendante; speziell mit Liszt hat die Faktur jedoch eher wenig zu tun. Bei den anfänglich kurzen Etüden, die in der Tat sehr spezielle manuelle, technische Probleme oder solche des Anschlags bzw. der Pedalisierung thematisieren, bezieht sich Sorabji mehr auf die „klassische“ Etüde, etwa von Czerny und Chopin, dann sicher auf Skrjabin oder Debussy: dies alleine bereits eine Enzyklopädie des Klavierspiels. Im weiteren Verlauf tauchen aber neben oft witzigen Halsbrechereien immer wieder auch großformatige Stücke auf, die schon allein wegen ihres Umfangs kaum noch der Gattung zuzurechnen wären: Nr. 44 (Nocturne), Nr. 63 (Walzer), Nr. 69 (Orgelpunkt), Nr. 71 (Aria), Nr. 73 (Choralvorspiel) und Nr. 75 (Passacaglia). Dieses Doppelalbum beginnt mit dem sicher äußerst publikumswirksamen, facettenreichen Tango habanera (Nr. 84). Die folgenden, knappen Etüden dieser Serie sind ebenfalls musikalisch durchgehend erfreulich konsistent und überraschen mit interessanten Klangkombinationen. Nr. 99 (Quasi Fantasia) schließlich will direkt an Bachs Chromatische Fantasie und Fuge BWV 903 anknüpfen, ohne daraus zu zitieren: für die Substanz des Materials leider etwas lang; Ullén hält trotzdem die Spannung. Den krönenden Abschluss bildet – wie bei vielen Riesenwerken Sorabjis – eine gewaltige, 55-minütige Quintupelfuge, die die einzelnen Subjekte in sich sukzessive von der Zwei- bis zur Sechsstimmigkeit steigernden Fugen exponiert, um sie dann in einem finalen Stretto magistrale kompromisslos zu kombinieren – eine nicht nur intellektuelle, sondern ebenso pianistische Tour de Force von echter Transzendenz.

Fredrik Ullén – klanglich überzeugend und mit Tiefgang

Ullén überzeugt, wie beim gesamten Großprojekt, das schon 2003 begann, mit geradezu unglaublicher manueller Sicherheit, enormer Übersicht und durchsichtigem Klang, auch wo der sorabjische Klaviersatz eine für die Entstehungszeit unfassbare Dichte erreicht. Gerade die kurzen, reinen Etüden faszinieren: Bei aller demonstrierten Virtuosität entdeckt der Pianist, der zudem Professor für kognitive Neurowissenschaften ist, die – selten genug – humorvollen Seiten Sorabjis, die dann umso mehr begeistern. Besagter Tango habanera hat wirklich das Zeug zum Konzertkracher, mit einer irrwitzigen Steigerung gegen Ende. Die Fuge – die formal ein direktes Vorbild zur Schlussvariation der 8½-stündigen Sequentia cyclica (1949) darstellt, für deren Einspielung Jonathan Powell zuletzt den Deutschen Schallplattenpreis erhielt –, gelingt Ullén gleichermaßen auf einsamem Niveau. Zwar sind die einzelnen Themen hier für sich schon markanter als bei vielen der Monsterfugen Sorabjis, was die Fasslichkeit ungemein erleichtert. Aber der Leistung des Schweden gebührt in jedem Fall allerhöchste Anerkennung: Das ist Weltklasse, und Ullén erschließt schwierigstes Terrain mit einer verblüffenden musikalischen Selbstverständlichkeit. Er kann, wenn’s besonders intrikat wird, das Tempo ein wenig reduzieren, ohne dass es störend wirkt; die Dynamik ist immer subtil und die Stimmführung bleibt klar – bis das ganze Gebäude fast genüsslich zu implodieren droht. Lobenswert – neben der wie immer tadellosen BIS-Aufnahmetechnik – ist mal wieder auch das Booklet: Neben den trefflichen Kurzanalysen des Interpreten enthält es lesenswerte Texte über den Komponisten von Alistair Hinton, der dessen Nachlass verwaltet und das Sorabji-Archiv leitet, sowie Kenneth Derus. Hören und staunen!

Vergleichsaufnehmen: Die übrigen Folgen der „100 Transcendental Studies“:

Fredrik Ullén – Nr. 1-25 (BIS-1373), Nr. 26-43 (BIS-1533), Nr. 44-62 (BIS-1713), Nr. 63-71 (BIS-1853), Nr. 72-83 (BIS-2223).

Martin Blaumeiser [12.01.2021]

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Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.Komponist/Werkhh:mm:ss
CD/SACD 1
Kaikhosru Shapurji Sorabji
1Tango habanera (100 Transcendental Studies No. 84) 00:09:03
2untitled (100 Transcendental Studies No. 95) 00:01:53
3Adagietto. Legatissimo (100 Transcendental Studies No. 86) 00:01:59
4Studio gammatico (100 Transcendental Studies No. 87) 00:02:59
5untitled (100 Transcendental Studies No. 88) 00:01:20
6Chopsticks (100 Transcendental Studies No. 89) 00:01:31
7untitled (100 Transcendental Studies No. 90) 00:03:23
8Volante leggiero (100 Transcendental Studies No. 91) 00:02:52
9Legato possibile. Velato, misterioso (100 Transcendental Studies No. 92) 00:02:17
10Leggiero saltando (100 Transcendental Studies No. 93) 00:02:12
11Ornaments (100 Transcendental Studies No. 94) 00:04:10
12untitled (100 Transcendental Studies No. 95) 00:00:54
13untitled (100 Transcendental Studies No. 96) 00:03:32
14untitled (100 Transcendental Studies No. 97) 00:03:11
15Staccato e vivace (100 Transcendental Studies No. 94) 00:02:56
CD/SACD 2
1Quasi Fantasia (Nello stilo della fantasia cromatica di Giovanni Sebastiano, 100 Transcendental Studies No. 98) 00:16:07
2Coda-Finale (Fuga a cinque soggetti, 100 Transcendental Studies No. 100) 00:55:56

Interpreten der Einspielung

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