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CD-Besprechung

Night Stories Nocturnes

hänssler CLASSIC 98.037

1 CD • 62min • 2014

17.06.2014

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 9
Klangqualität:
Klangqualität: 9
Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 9

In den ersten drei, vier Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die musikliebende (und musikbewertende) Aufmerksamkeit vorwiegend auf originale Kompositionen von anerkannt hohem ästhetischen Rang gelenkt. Zumal im deutschsprachigen Kulturraum konnten (ja wollten) es sich die führenden (überlebenden) Interpreten kaum leisten, etwa in einem Beethoven-Abend neben den als wertvollen, in unbelehrbaren Kreisen nicht nur arios, sondern wie arisch eingestuften Sonaten etwa eine schöne Kleinigkeit wie die „Für Elise“ werdende Bagatelle in a-Moll einzufügen. Noch nicht einmal im Bereich lockerer Zugaben-Didaktik tauchte das – wie ich meine – durchaus kunstvoll, also nicht nur thematisch einprägsam gearbeitete Stücklein auf. Musik schien unter einem imaginären, wie als Selbstverständlichkeit akzeptierten Reinheitsgebot zu stehen. Die Pianisten, meist an der kurzen Leine ihrer Manager, LP-Produzenten und der Veranstalter, hielten sich an diese „Vereinbarungen“. Unter dieses Verdikt fielen nicht nur kleine Originalkostbarkeiten wie Mendelssohn Rondo capriccioso op. 14, Griegs Hochzeitstag auf Troldhaugen, Chopins E-Dur-Etüde op. 10,3 („La Tristesse“), Sindings kurzatmiges Frühlingsrauchen oder Rachmaninoffs cis-Moll-Prélude op. 2,1, sondern nahezu das gesamte Schaffen jener Komponisten, die es früher nicht nur wagten Opernthemen, Lieder und Orchesterwerke für Klavier zu transkribieren oder auch zu paraphrasieren, sondern die rege Nachfrage nach solchen, meist hochbrillanten Klavierreduktionen kaum befriedigen konnten.

Die hier vorliegende dritte Hänssler-Einspielung der aus Taiwan gebürtigen und in Österreich herangewachsenen Pianistin Jenny Lin erinnert an solche, den jüngeren Musikenthusiasten weitgehend unbekannte Sachverhalte. Zwar veröffentlichten die großen und in ihrem kommerziellen Schlepptau auch kleiner Labels seinerzeit Langspielplatten mit populären Zusammenstellungen, aber sie rangierten eher auf einem Nebengleis des kulturellen Geschehens, gewissermaßen als edle Abfallpodukte zyklischer, „anspruchsvoller“ Editionen. Oder auch als geschmacklicher Kompromiss, um jenen Hörern auch Klassik zu bieten, die sich noch auf dem Weg in Richtung Kunst der Fuge befanden oder mit dem Begriff „Sonate“ eher schweißtreibende Hörübungen verbanden. Die Märkte, die dies belebenden Künstler, die Hörgewohnheiten insgesamt und die für die Benotung und für die publizistische Verbreitung musikkultureller Produkte verantwortlichen Instanzen agieren inzwischen entschieden liberaler. Ein Ivo Pogorelich konnte es sich erlauben, ein DVD-Programm mit der erwähnten „Elise“ zu beenden (DG 0040 073 4045). Und ohne jede Furcht, sich einer auf höchste Kunstwerte einjustierten Berufskritik auszusetzen, kann die rein pianistisch versierte, geschmeidig und wenn nötig auch resolut formulierende Jenny Lin nun einen Kranz von Stücken flechten, deren Spieldauer sich zwischen zwei und knapp sechs Minuten bewegt – und jedem, vor allem bei Kerzenschein lauschendem Hörer keine Sekunde lang musikphilologische Kopfschmerzen bereiten.

Unter dem Motto „Night Stories“ sind die 15 Nocturnes methodisch und vom Ausdruck her zutreffend zusammengefasst. Natürlich wird ein Interpret bei einer solchen Werkstimulierung nicht an Chopin vorbeikommen. Aber Jenny Lin (nicht Jenny Lind, wie kürzlich in einem Wiener Boulevard-Blatt zu lesen war!) – Jenny Lin also platziert Bekanntes etwa von Grieg, Liszt und Debussy als Rahmenhandlung und als interne Haltepunkte. Dazwischen gestaltet die in Wien zunächst von Neol Flores auf die Karriere vorbereitete Musikerin ihren nächtlichen Fahrplan mit einigen selten zu hörenden, sozusagen aufgeweckten Schläfrigkeiten wie etwa Glasunows „La nuit“ op. 31,3, Louriés „ A Phoenix Park“-Nocturne, Turinas „Silueta nocturna“ op. 65,1, Griffes‘ „The Night Winds“ op. 5,3 und Glinkas Nocturne „La Seperation“ in f-Moll – ein Titel, zumal von einen russischen Autor, der durchaus politische Aktualität hat… Die genannten Stücke zeichnen sich in ihren lyrischen, farblichen und meist gebremst mobilen Eigentümlichkeiten einerseits durch große Definitionsschärfe aus, andererseits gelingt es der Pianistin die notierten Angebote mit gutem Gespür für solche Stimmungen abzumischen, die der Qualität des Nächtlichen jederzeit genügend Abstufungen von Schwärze, Mondlicht bis hin zu dämmriger Beleuchtung sichern.

Auf einen unbeabsichtigter Fehler, der immer wieder den Pianisten, den Musikologen und den Redaktionen anzukreiden ist, erlaube ich mir wieder einmal hinzuweisen. Im Fall der drei Notturni von Franz Liszt handelt es sich, wie jeder weiß, um drei „Liebesträume“. Dies heißt aber noch lange nicht, dass die einzelnen Stücke nun als „Liebestraum“ bezeichnet werden dürfen. Jede Nummer dieser Trilogie hört auf den pluralen Titel „Liebesträume“! Jenny Lin spielt hier als nicht den Liebestraum Nr. 3 sondern die Liebesträume Nr. 3 („Rêves d’amour“ in der von Liszt gewählten Originalbezeichnung).

Peter Cossé † [17.06.2014]

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Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.Komponist/Werkhh:mm:ss
CD/SACD 1
Claude Debussy
1Clair de Lune Des-Dur L 82/3 00:05:07
2Les soirs illuminés par l'ardeur du charbon L 150 (1917) 00:02:34
Robert Schumann
3In der Nacht op. 12 Nr. 5 – Mit Leidenschaft 00:04:04
Alexander Glasunow
4La Nuit op. 31 Nr. 3 00:04:12
Peter Tschaikowsky
5Nocturne F-Dur op. 10 Nr. 1 00:04:00
Gabriel Fauré
6Nocturne Nr. 3 As-Dur op. 33 Nr. 3 00:03:48
Frédéric Chopin
7Nocturne b-Moll op. 9 Nr. 1 00:05:14
8Nocturne Nr. 13 c-Moll op. 48 Nr. 1 00:05:48
Edvard Grieg
9Notturno op. 54 Nr. 4 00:03:58
Joaquin Turina
10Silueta nocturna op. 65 Nr. 1 00:04:42
Arthur Vincent Lourié
11A Phoenix Park Nocturne 00:04:26
Ignaz Jan Paderewski
12Nocturne op. 16 Nr. 4 00:03:55
Charles Tomlinson Griffes
13The Night Winds op. 5 Nr. 3 00:02:06
Michael Glinka
14Nocturne f-Moll (La Séparation) 00:03:22
Franz Liszt
15Liebestraum Nr. 3 As-Dur op. 62 S 541 00:04:36

Interpreten der Einspielung

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