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CD-Besprechung

Pettersson Allan: Sinfonie Nr. 9

BIS 1 CD/SACD stereo/surround 2038

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 10

Klangqualität:
Klangqualität: 10

Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 10

Besprechung: 12.02.14

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BIS 2038

1 CD/SACD stereo/surround • 70min • 2013

„Der Künstler hat nur die Wahl, ob er als Mensch existieren will oder als Werk. Im zweiten Fall besieht man sich den defekten Rest besser nicht“. Was der eben hundert Jahre alt gewordene Arno Schmidt mit galliger Resignation formulierte, hätte den Verantwortlichen der gegenwärtigen Veröffentlichung als Leitlinie dienen sollen: Wo einer so völlig zum Buch wird wie der Wortmetz aus Bargfeld oder restlos in seinen Sinfonien aufgeht wie der verlorene Bratscher aus Stockholm – da hilft es weder dem nur scheinbar Gewürdigten noch seiner Gemeinde, an den Wehwehchen, Gebrechen oder furchtbaren Leiden teilzuhaben, unter denen der (oder die) Betreffende das WERK zustande brachte, in dem er oder sie fortleben will. Mithin: Anders als die DVD, die vor anderthalb Jahren mit spürbarer Begeisterung die Rekonstruktion der (unvollendeten) ersten Sinfonie feierte und dazu ein schönes Portrait ihres Verfassers zeichnete, serviert man uns hier unter dem verfehlten Titel „Vox Humana“ die gut achtzigminütige Dokumentation eines völligen Verfalls, der niemandem nützt. Natürlich wird die 1973-78 entstandene Dokumentation des Schwedischen Fernsehens das Mitgefühl für den Mann wecken, dessen Körper eine teuflische Polyarthritis deformierte, natürlich läuft’s einem kalt den Rücken herunter, wenn man in Rückblenden und Erinnerungen die jämmerlichsten Entbehrungen (rede heute einer in Deutschland mal von Kinderarmut!) und unbeschreiblichen Erniedrigungen betrachtet. Und doch will das alles nichts, aber auch so gar nichts über die Musik sagen, in der allein Allan Pettersson da sein wollte. „Selbstmitleid ist so verdammt unproduktiv. ... Glaubst Du, daß man eine einzige Note schreiben kann, wenn man dasitzt und sich selbst bemitleidet?” hat er einmal gesagt, und auch in diesem zumeist schwarzweißen Adagio lamentoso, das uns BIS hier zum Verständnis des Künstlers mitliefert, fällt ein wichtiger Satz: „Wenn ich Papier und Feder habe, vergesse ich alles andere.“

Ein tiefer Riß trennt nun mal in solchen Fällen den äußeren Menschen vom inneren Künstler oder vom Visionär, der tatsächlich nichts weiter braucht als ein kleines Pult fürs Notenpapier und einen Stift, mit dem er seine Vorstellungen fixiert. Ausschließlich das, was so entsteht, ist relevant.

Dass es sich bei Allan Petterssons Sinfonie Nr. 9 aus dem Jahre 1970

um ein solches Werk handelt, steht außer Frage und hat wiederum weniger mit seinen äußeren Abmessungen – jede „gute Neunte“ dauert mindestens siebzig Minuten – als vielmehr mit der organisch erzählenden Gestalt des einsätzigen Riesen zu tun, der sich vor uns in unwiderstehlicher Eloquenz auseinanderfaltet und sich aus diesem Grund problemlos gleich mehrere Male hören läßt. Mehr noch: Die Wege der thematischen Bausteine, die assoziativen Verbindungen zwischen ihnen und der tönenden Außenwelt, die vernehmlichen Kurskorrekturen des gewaltigen Stromes bieten ein derart faszinierendes Abenteuer, dass wir je nach momentaner Lust und Laune mit der einen oder anderen Hauptfigur durch das vermeintliche Labyrinth gehen, beim nächsten Mal einen anderen Gesichtspunkt werden annehmen und, wenn’s noch nicht genügt, gegebenenfalls mit einer zweiten Einspielung – ich empfehle das Deutsche Symphonie-Orchester Berlin unter Alun Francis (cpo 999 231-2) – zusätzliches Licht auf all jene Elemente fallen lassen können, die durch die aufnahmetechnische Ausleuchtung möglicherweise ein wenig in den Schatten geraten sind. Die Fülle der Metamorphosen, die bewußten oder unbewußten Fingerzeige, die trotz aller Komplexität immer transparenten, keineswegs also hermetisch sich verweigernden Ereignisse bieten viele unzählige Deutungen: das beinahe omnipräsente DSCH-Motiv etwa, das zwischendurch auch mal in Beethovens g-Moll-Sonatine entgleitet; die wiederum bei Schostakowitsch (namentlich im Scherzo der Vierten) herumschwirrende Zweiton-Repetition „tá-ta-Pause”; dazu original-originäre Grundmaterialien, die Selbstzitate, das schroffe Nebeneinander von „populären“ und „avancierten“ Feldern – zwischendrin plötzlich eine Habañera, gegen Ende ein massiver Trauermarsch, der letztlich in eine ergreifend sich ausschwingende Melodie und das simple, versöhnliche „Amen“ einer plagalen Kadenz einströmt ... wer das alles auch nur beim vierten oder fünften Male und nur aus einer Betrachtungsrichtung so verinnerlicht hätte, dass er Petterssons Neunte ad acta legen könnte, der liest auch Zettels Traum wie einen Groschenroman und fragt nachher, wer denn der Täter gewesen sei. (Dass dieses „Überbuch“ des eingangs zitierten Jubilars Arno Schmidt im selben Jahr vollendet wurde wie das hier angesprochene Musikstück, ist zweifellos reinster Zufall.)

Christian Lindberg und das Symphonieorchester Norrköping leisten einen kapitalen Beitrag zum Verständnis der hünenhaften Komposition. Insgesamt sind die Kanten schärfer gezeichnet als in der (nicht zum Wettbewerb, sondern zur Verdeutlichung herangezogenen) Berliner Produktion des Werkes, und dort, wo die Musik in der für Pettersson so typischen Weise aus den Tiefen des Universums heraus geradezu explodieren will, treffen die Schweden mit ihrem bekenntnishaften Impetus ohne Frage den Nerv unmittelbarer, weshalb schließlich die letzte grandiose Steigerung, diese obsessive, begeisterte Kreisbewegung vielleicht um einige Grade heftiger brodelt und der nachfolgende Abgesang noch inniger dahinfließt. Da spricht fürwahr die „Vox humana“ von Unvergänglichkeiten. Den defekten Rest besehen wir besser nicht.

Rasmus van Rijn [12.02.2014]

Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.KomponistWerkhh:mm:ss
1 A. Pettersson Sinfonie Nr. 9 01:10:11

Interpreten der Einspielung

Interpret(en)Besetzung
Christian Lindberg Dirigent
Norrköping Symphony Orchestra Orchester
 
2038;7318599920382

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