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CD-Besprechung

D. Schostakowitsch

BIS 1 CD/SACD stereo/surround 1603

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 10

Klangqualität:
Klangqualität: 10

Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 10

Besprechung: 01.08.12

Klassik Heute
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BIS 1603

1 CD/SACD stereo/surround • 81min • 2006, 2010

Sieben Jahre sind vergangen, seit Mark Wigglesworth die achte Sinfonie von Dmitri Schostakowitsch demontierte und mich zu einer geradezu unterirdischen Benotung nötigte. Inzwischen ist, wie uns der Katalog des Labels BIS verrät, die Gesamtaufnahme fast komplett, und ich geben gern zu, dass mich das, was die Niederländische Radio-Philharmonie samt ihrem Chor auf der gegenwärtigen, mit mehr als 81 Minuten obendrein spektakulär gefüllten CD präsentiert, in die glückliche Lage versetzt, die drei höchsten Bewertungen zu vergeben: Sollten andere Einspielungen des Zyklus, beispielsweise die inzwischen vorliegende Elfte oder die gigantisch-einzigartige Vierte, auch nur annähernd so geraten sein wie dieser Dreierpack, dann wäre die Scharte, die weiland den Wüterich in mir weckte, restlos ausgewetzt.

Was mich für die vorliegende Einspielung sogleich bedingungslos einnahm, war die filigrane Betrachtung der ersten Sinfonie, aus der uns Dmitri Schostakowitsch als zutiefst kammermusikalischer, filigraner Künstler entgegentritt. Während Wigglesworth und sein Orchester nicht eines der berstenden Tutti-Fortissimo verschenken, sind die vielfältigen Soli der Partitur und die Individualfarben des Instrumentariums mit einer so hingebungsvollen Genauigkeit und Liebe gestaltet, dass ich mich beim (mehrmaligen) Hören kaum davon abhalten konnte, immer tiefer in die Lautsprecher hineinzukriechen: Wenn man in einem größeren Ensemble noch die Baßpizzikati mit ihrem süffisanten „u-ing“ erkennen, sich im Scherzo an den ganz leicht blechernen Klavierkaskaden ergötzen und die aus reinsten Sommerfäden geflochtenen Flageoletts gar nicht hergeben kann; wenn überdies jeder rhythmischer Impuls auf den sprichwörtlichen Bruchteil einer Sekunde ebenso sitzt wie die (auch nach Jahrzehnten) ergreifende Kantilene des Lento im Gemüt des Rezensenten; und wenn dazu nicht nur jeder propagandistische Effekt, sondern auch jedes erniedrigende „Leid=Wesen“ vermieden wurde – dann wächst sich der geniale Jugendstreich zu jenem zeitlos großen Werk aus, das nur die überzeugtesten Apologeten des russischen Meisters hinter dem äußeren Raffinement und der leicht ironischen Brise erkennen.

Das allein wäre schon die dreifache Note 10 wert. Doch auch die Sinfonien opp. 14 und 20, die den „Oktober“ bzw. den „Ersten Mai“ feiern sollten, weiß Mark Wigglesworth aus der parteipolitischen Strafecke zu holen, wo sie seit ihrer Entstehungszeit trotz mancher Bemühungen ein recht trauriges Dasein fristeten. Natürlich kann man die beiden Stücke als experimentelles Hurra-Geschrei eines illusionierten jungen Mannes betrachten, der noch ein bißchen an die Errungenschaften der Revolution glauben darf, bevor ihn Väterchen Stalin & Co. dröhnend auf den Boden der Tatsachen stellen. Tatsächlich aber sind größte Teile der Musik – und vor allem der zweiten Sinfhonie – bei näherer Inspektion so hörenswert, dass der bereits einmal verspürte Wunsch, durch die Membranen ins Innere der Aufnahme zu gelangen, erneut geweckt wird. Wer dann noch bereit ist, die blödsinnigen Texte (“Oktober, Kommune, Lenin“, „Revolution, marschiere mit einer Million Füßen“) mehr als steigernde Klangfarbe zu hören, der kommt jedenfalls auf seine Kosten: Sogar die Sirene des Opus 14 wird mit einer Präzision gekurbelt, die George Antheil vor Neid hätte erblassen lassen. Ein warnendes Wort scheint mir indessen angebracht: Das wispernde kosmische al fresco, mit dem Schostakowitsch zu Beginn der zweiten Sinfonie das Chaos bezeichnet, ist nur bei einer deutlich erhöhten Lautstärke-Einstellung zu vernehmen, und wenn’s dann zum ersten Mal „rummst“, könnten in der Vitrine einige kostbare Chinoiserien Schaden nehmen. Daher also die Fernbedienung in Reichweite oder die Hand hellwach am Regler lassen und die Ohren spitzen – es lohnt sich.

Rasmus van Rijn [01.08.2012]

Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.KomponistWerkhh:mm:ss
1 D. Schostakowitsch Sinfonie Nr. 1 f-Moll op. 10 00:32:03
5 Sinfonie Nr. 2 H-Dur op. 14 (An den Oktober) 00:20:02
9 Sinfonie Nr. 3 Es-Dur op. 20 (The First of May) 00:27:51

Interpreten der Einspielung

Interpret(en)Besetzung
Netherlands Radio Choir Chor
Netherlands Radio Philharmonic Orchestra Orchester
Mark Wigglesworth Dirigent
 
1603;7318599916033

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