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CD-Besprechung

cpo 777 615-2

2 CD • 2h 06min • 2010

25.07.2011

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 9
Klangqualität:
Klangqualität: 9
Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 9

In der Werbung, so erfahren wir von Roger O. Thornhill alias Cary Grant in dem Hitchcock-Klassiker North by Northwest, gibt es den Begriff der Lüge nicht, sondern nur die zweckmäßige Übertreibung. Mario Venzago muss diesen Satz beherzigt haben, bevor er sich anschickte, seinen Begleittext zur vorliegenden Produktion zu verfassen. Anders läßt sich nicht erklären, wie er im Jahre 2011 auf den Gedanken kommen kann, uns einen „neuen" Bruckner-Zyklus offerieren zu wollen, in dem nun endlich bewiesen wird, dass der Meister aus St. Florian keineswegs eine Sinfonie neun- bzw. zehnmal geschrieben habe; dass sich die „Tradition des Massigen" und somit das alte Bruckner-Bild „überlebte" (dieses gar halbfett gedruckt); dass der weihevolle, sehr feierliche, pathetische Bruckner der Vergangenheit angehöre ...

Schon beim Lesen kommt einem der Verdacht, es könne hier jemand das Rad neu erfunden haben, um nunmehr an demselben zu drehen in der Hoffnung, dass die verbalen Einlassungen ausreichen, uns über den Grad der Entdeckungen hinwegzutäuschen, die in dem nachfolgend komplett zitierten Satze gipfeln: „Die Bruckner Sinfonien sind keine endlosen, lauten Ungeheuer, sondern Werke, die demütig und klug die klassische Form auf der Basis von Schubert und Schumann weiterentwickeln, ausweiten und mit neuem Odem füllen." Da frage ich mich denn doch, was ich eigentlich bis heute gehört habe und ob ich möglicherweise all die Aufnahmen, die sich bei mir so tummeln, vielleicht besser entsorgte – allen voran Günter Wand und seinen großen Kölner Zyklus, der schon vor dreißig Jahren durch seine unpathetische Reinheit höchste Bruckner-Höhen erstiegen hat.

Wie ich nun aber gerade dabei bin, die Scheiben auszuräumen, fällt mein Blick auf die Rückseiten, und ich entdecke, dass Wand im Kopfsatz „seiner" Siebten eine halbe Minute und im Finale desselben Werkes gleich über eine Minute schneller ist als Venzago, der beim Scherzo ganze vier Sekunden eher ins Ziel kommt und nur das Adagio („Sehr feierlich und langsam") mit einem Vorsprung von anderthalb Minuten absolviert. Zügiger ist Wand dann auch noch einmal im ersten Satz der vierten, praktisch deckungsgleich im Scherzo – ich sollte mein geplantes Zerstörungswerk vielleicht doch nicht auf die Aussagen des Booklets allein gründen?

Legen wir nun aber die eloquenten Übertreibungen als unzweckmäßig beiseite, so erweist sich das, was das Sinfonieorchester Basel hier zum Auftakt des intendierten Integrals präsentiert, als durchaus verheißungsvoll. Überzeugend klingt die Musik insbesondere dort, wo Venzago, den volksmusikalischen Einschlägen und Anspielungen Bruckners nachspürend, sich vor jähen Tempo-Umschwüngen nicht scheut und Ländler oder Polka konsequenterweise als Ländler und Polka spielen läßt (wer Bilder des jüngeren Komponisten kennt, mag sich vorstellen, er sei ein fescher Tänzer gewesen); ansprechend sind ferner die recht zügigen zweiten Sätze, wobei das Andante quasi Allegretto der vierten tatsächlich „gehend" aufgefasst und auch das Adagio der Siebten (mit Zischdeckel beim vieldiskutierten Buchstaben W) mit erfreulich straffer Hand regiert wird. Die Spannung der Werke hält sich auf hohem Niveau, und die insgesamt plastische Stimmführung legt mitunter ergötzlich feinere Nebenschichten frei, die sich gerade im Scherzo der „Romantischen" zu Volksfestlichkeiten steigern: Nach dem köstlichen Bordun-Gedudel des Trios mündet die Wiederholung des Hauptteils in einen Überschwang, aus dem mir die Umrisse eines wahren Gassenhauers entgegenklingen – „wir hamm den Kanal noch lange nicht voll!" Das gilt auch nach mehrfachem Anhören der beiden Aufnahmen, die trotz aller theoretischen Übertreibungen so gut gelungen sind, dass man gern der Fortsetzung entgegensieht.

Rasmus van Rijn [25.07.2011]

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Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.Komponist/Werkhh:mm:ss
CD/SACD 1
Anton Bruckner
1Sinfonie Nr. 4 Es-Dur WAB 104 (Romantische) 01:01:15
CD/SACD 2
1Sinfonie Nr. 7 E-Dur WAB 107 01:04:21

Interpreten der Einspielung

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