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CD-Besprechung

L. Segerstam

Ondine 1 CD ODE 1172-2

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 10

Klangqualität:
Klangqualität: 9

Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 9

Besprechung: 17.01.11

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Ondine ODE 1172-2

1 CD • 71min • 2003, 2008

„Einfall – Eingebung – rasche Komposition. Eine Symphonie ist geboren!“ Die Autoren des kleinen, unterhaltsamen Einführungstextes, die uns die vorliegende Produktion schmackhaft machen wollen, haben – wenngleich nur auf Finnisch und Englisch – den Nagel auf den bärtigen, markanten Kopf getroffen: Leif Segerstam komponiert nicht nach herkömmlichen Vorstellungen, und schon gar nicht, um sich, wenn das „Werk“ vollbracht ist, ans Dirigentenpult zu stellen und zu sehen, dass alles gut war. Vielmehr definiert er den Begriff der „Symphonie“ als ein gemeinsames Musizieren ohne Dirigenten, und deshalb braucht’s auch keine ausgefeilten Partituren, sondern lediglich eine Art konzeptioneller Regieanweisungen, mit denen die Mitglieder selbst größerer Kapellen nach dem Prinzip von Aktion und Reaktion umzugehen haben. Wenn nun all diese symphonischen Notationen so aussehen wie das miniaturisierte Blatt, das uns im Booklet mitgeteilt wird, dann ist leicht zu begreifen, warum Segerstams Symphonien auf wenigen Blättern Platz finden, obwohl sie, wie wir uns belehren lassen, stets an die halbe Stunde dauern: Schon mit der Entzifferung der Hieroglyphen wird einige Zeit ins Land gehen. Andererseits ist bei solcher Arbeitsweise auch einzusehen, wie Segerstam in »»guten Jahren« auf dreißig Symphonien kommt: Dreißig Systeme, ein Auftrag, die Inspiration – alles weitere siehe oben!

Dabei kommt es dann unweigerlich zu einer auffallenden Unterschiedslosigkeit: „Es heißt, Segerstams Werke seien alle gleich,“ gestehen denn auch die Verfasser der Erläuterungen, um sofort mit einer Rochade die zwar zulässige, nicht aber wirklich passende Gegenfrage zu stellen, ob denn nicht „jeder große Komponist der Musikgeschichte sofort erkennbar“ sei. Raffiniert, nicht wahr? Doch nehmen wir’s nicht zu ernst, denn gleich wird wieder alles relativiert, da man uns Leif Segerstam als homo ludens, als Spieler (im besten Sinne des Wortes) beschreibt. Ich würde angesichts gewisser physischer Charakteristika sogar sagen: Er ist ein Brummkreisel, den die Last der kreativen Impulse derart zwickt und zwackt, dass er gar nicht anders kann als das, was ihm irgendwie vorschwebt, hurtig auf dreißig oder vierzig Systeme zu stenographieren, einigermaßen zu organisieren und flugs zu expedieren. Nie ganz ernsthaft, wie die Numerierungen der drei hier aufgenommenen, allesamt zum sogenannten „Bergen-Zyklus“ gehörigen Stücke zeigt: Nr. 81 (2002) nennt er „After Eighty“, als habe er mit den hauchdünnen, schokolatierten Minzplättchen kokettiert; Nr. 162 (2006) „verdoppelt die Zahl für Bergen“, und Nr. 181 „erhöht die Zahl für Bergen um einhundert“. Den erläuternden Worten zufolge beginnt jede dieser Symphonien am Anfang, mal verführerisch leise, mal mit einem donnernden Knall, um nach einigem Tumult und ruhigen Phasen aufzuhören. Das verbindet sie mit den großen Werken der Historie, denn da war’s ganz ähnlich.

Und doch ist die – übrigens vorzüglich klingende – Produktion aus Bergen keine Ansammlung bloßer Willkürlichkeiten. Ob die Grenzen der einzelnen Stücke aufbrechen oder nicht (mehrfach habe ich den Übergang von der 161 zur 181 verpaßt), ob das Klavier gepeitscht wird oder auch mal halblyrisch etwas „Für Elise“ einwirft, ob die Kapelle rumpelt und kracht oder eher filigrane Fäden verspinnt, das alles spielt keine sonderliche Rolle in dieser Musik. Was aber zu spüren ist und was man tatsächlich schon vor bald dreißig Jahren in den ersten Symphonien Segerstams nachempfinden konnte, war und ist in der Tat die Persönlichkeit eines massiven, kapitalen Tonkünstlers, der nicht einmal zum Taktstock greifen muß, um seine Instrumentalisten zum geordneten Mitmachen zu motivieren. Vermutlich ist es gerade dieser gewisse schöpferische Unernst, diese fürwahr spielerische Einstellung zur „begrenzten Aleatorik“, die das Zusammenwirken auf solch hohem Niveau überhaupt möglich macht. Was nun wiederum eine Schlußfolgerung zuläßt, die man am besten nicht auf die Dinge des Alltags und schon gar nicht auf die Regionen der Politik und des Kommerzes übertragen sollte: Wie könnte man, um alles in der Welt, die Menschheit beherrschen, wenn plötzlich so etwas wie Spielgeist Einzug hielte im Leben? Schauderhafte Vorstellung ...

Rasmus van Rijn [17.01.2011]

Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.KomponistWerkhh:mm:ss
1 L. Segerstam Sinfonie Nr. 81 (After Eighty...) 00:25:26
2 Sinfonie Nr. 162 (Doubling the Number for Bergen!) 00:23:08
3 Sinfonie Nr. 181 (Names itself when played... = raising the number with 100 for Bergen") 00:22:35

Interpreten der Einspielung

Interpret(en)Besetzung
Bergen Philharmonic Orchestra Orchester
 
ODE 1172-2;0761195117224

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