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CD/SACD stereo/surround-Besprechung

Vivat Leo! Music for a Medici Pope

Challenge Classics CC72366

1 CD/SACD stereo/surround • 65min • 2010

09.12.2010

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 8
Klangqualität:
Klangqualität: 7
Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 8

Er hat ein ausgesprochen ausschweifendes Leben geführt: Papst Leo X., mit bürgerlichem Namen Giovanni de‘ Medici und zweitgeborener Sohn Lorenzos des Prächtigen, genoss mit seiner Wahl zum Papst im Jahr 1513 das Pontifikat in vollen Zügen. Bankett folgte auf Bankett, Jagdgesellschaft auf Jagdgesellschaft, und gelegentlich paradierte Leo X. auf einem weißen Elefanten durch Rom. Er war dabei aber auch sehr kunstbeflissen, vergab Aufträge an den angesehenen römischen Maler und Baumeister Raffael und er förderte bedeutende Gelehrte. Dies und mehr Erstaunliches erfährt man aus dem Booklet der Aufnahme „Vivat Leo!“ des niederländischen Vokalensembles Cappella Pratensis, das unter Joshua Rifkin, der auch als Begleittextautor zeichnet, Motetten eingespielt hat, die Papst Leo X. womöglich am Hof hat aufführen lassen.

In den erhaltenen Manuskripten sind nicht nur Leos eigene Kompositionen überliefert, sondern auch die Musik anderer Komponisten, die Leo X. und seine Musiker besonders geschätzt haben. So beinhaltet etwa der Codex Medici insgesamt 53 Motetten, mutmaßlich zu Leos eigenem Gebrauch bestimmt. Fast alle Werke der vorliegenden Aufnahme, Motetten von Andreas de Silva, Adrian Willaert, Johannes de la Fage, Josquin Desprez und Jean Mouton entstammen diesem Codex. Mouton muss Leo X. besonders geschätzt haben, denn er verlieh ihm bei einem Treffen im Jahr 1515 einen hohen kirchlichen Ehrentitel. Nur Andreas de Silvas Gaude felix Florentina, eine musikalische Lobpreisung des Papstes, komponiert wohl 1515 aus Anlass von dessen Besuch in seiner Heimatstadt Florenz, sowie Costanzo Festas Inviolata, integra et casta es, dieser war 1517 als Sänger in den päpstlichen Chor berufen worden, stammt aus anderen Quellen als dem Codex Medici.

Joshua Rifkin hat sich in den letzten Jahrzehnten insbesondere durch seine Forschungen über Bachs Vokalwerke und ihre Aufführungspraxis hervorgetan. Er propagierte etwa für Bachs Kantaten und deren Chorsätze – und dies nicht nur aus Gründen einer größeren Durchsichtigkeit – eine konsequente solistische Ausführung aller Stimmen. Dass man dagegen in der Renaissance bei der Aufführung von Motetten die einzelnen Stimmen immer mehrfach besetzt hat, das belegen nicht zuletzt auch zeitgenössische Abbildungen. Joshua Rifkin geht darüber leichtfertig hinweg, wenn er auch hier die Stimmen des öfteren nur einfach besetzt. Doch auch wenn alle acht Sänger singen (die hohen Stimmen sind mit Sopranisten und Altisten besetzt), erreichen sie eine hohe Homogenität, man glaubt, nur vier Sänger zu hören. Hier decken sich künstlerischer wie klanglicher Anspruch und eine historisch korrekte Aufführungspraxis.

Was die Textinhalte der Motetten angeht, gehen Joshua Rifkin und die Cappella Pratensis zu vorsichtig vor. Ihr Augenmerk richtet sich auf die kompositorische Struktur, der Hörer wirft einen Blick auf das kunstvolle Gefüge der fortlaufenden Imitationsabschnitte. Dennoch werden nicht jene analytische Klarheit und Transparenz erreicht, die man erwarten dürfte, denn mit den sich stimmig, rund und intonationsgenau mischenden Stimmen der Cappella Pratensis stellt sich in der Vollstimmigkeit – und dies eben auch dann, wenn nur vier Sänger agieren – rasch eine gewisse Dichte des Klangs ein. Zu kurz kommt dabei, was der Text an Ausdrucksimpulsen geben könnte.

Thomas Bopp [09.12.2010]

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Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.Komponist/Werkhh:mm:ss
CD/SACD 1
Andreas de Silva
1Gaude felix Florentia 00:11:02
Adrian Willaert
2Virgo gloriosa Christi, Margareta (Motette) 00:03:12
3Saluto te, sancta Virgo Maria 00:06:15
Johannes de la Flage
4Videns dominus civitatem desolatam 00:04:20
Jean Mouton
5Nesciens mater virgo virgorum (a 8) 00:03:21
6Per lignum salvi 00:02:23
7Exalta regina Gallie 00:03:01
Josquin Desprez
8Nymphes des bois (La deploration de Johannes Ockeghem) 00:04:32
9Miserere mei, Deus (Psalm 50 à 5) 00:14:19
Andreas de Silva
10Omnis pulchritudo Domini 00:04:35
Costanzo Festa
11Inviolata, integra et casta es 00:07:52

Interpreten der Einspielung

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