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CD-Besprechung

Gramola 98808

1 CD • 56min • 2007

07.12.2009

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 8
Klangqualität:
Klangqualität: 8
Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 9

Die österreichische Klavierszene ist nicht arm an jungen, interessanten, mitunter auch tatsächlich aufstrebenden Persönlichkeiten (wie es beispielsweise die Podiumspräsenz und die Naxos-Diskographie des Pianisten Christopher Hinterhuber beweist). Aber auch Senioren wie Jörg Demus und Paul Badura-Skoda melden sich in letzter Zeit wieder zu Wort. Demus für das Label Gramola in Zusammenarbeit mit dem hochbegabten, vielversprechenden Salzburger Geiger Thomas Albertus Irnberger, Badura-Skoda in Zusammenarbeit mit dem Leipziger Genuin-Produzenten und ebenfalls für Gramola mit dem genannten Irnberger. In diesem Klima der musikantischen Frischluftzufuhr und der Erfahrungsvermittlung sucht und findet die in Graz und Wien (bei Rudolf Kehrer) ausgebildete Ingrid Marsoner einen sicheren Platz als eine Interpretin, die sich nicht nur mit dem Schaffen Franz Schuberts beschäftigt hat, wie ihr kundiger, aber auch auf eigenen Wahrnehmungen beruhender Begleittext zeigt. Sie vermag des Gelesene und Erkannte auch im Zuge des gestalterischen Ernstfalles in tönende, klangliche, lineare und vertikale Wirklichkeit umzumünzen (und in den stärksten Momenten ihrer Schubert-Deutung auch in jenen Regionen zu beheimaten, die dem Unwirklichen, dem Träumerischen zuzuordnen sind).

Ingrid Marsoner scheint alle modulatorischen, dynamischen und bewegungspsychologischen Verlockungen zu kennen, die den Interpreten der Sonaten in A-Dur (D 664) und a-Moll (D 845) auf kurze Sicht hin Erfolg versprechen, für das Gesamterleben der entsprechenden Werke sich aber meistens kontraproduktiv auswirken: weinerliche, stark verzögerte Sanglichkeit, brutale Oktavgänge, Sentimentalität an Stelle von Schlichtheit, überzogenes Tempo im Verlauf der A-Dur-Sonate, rhythmische Instabilität, Verwirrungen in den kurzen Notenwerten samt Verzierungen, Missachtung der „Perpetuum mobile“- Motorik und der zunehmenden Diskontinuität im finalen Satzbau des großen a-Moll-Projektes.

Im Umkehrschluss ist also von einer gleichsam rein und entspannt eröffneten „kleinen“ A-Dur-Sonate zu berichten, deren oktavierte Problemzonen die Musikerin nicht zu brutalem Zugriff verleiten, sondern eher an die dunklere, massivere Seite des Schubertschen Fühlens und Planens erinnern. Ruhig und beschaulich, aber keineswegs in gebremster Beiläufigkeit ziehen die Andante-Liebenswürdigkeiten vorüber, ehe Marsoner dem tänzerischen Finale mit Vor- und Umsicht jene Vorwärtsbewegung verleiht, die auch in den dichter gesetzten Passagen für Grazie und Durchsichtigkeit sorgt.

Was die a-Moll-Sonate anbelangt, möchte ich nicht verschweigen, dass kantigere, tiefer ins Tragische lotende Einspielungen den Blick auf Schuberts Forschen und Riskieren verschärft haben (etwa die frühe Richter-Interpretation auf Decca, die elastisch-melancholischen Brendel-Varianten, vor allem aber Friedrich Guldas hartherzig-anrührende Amadeo-Version, die besonders im letzten Satz ein verzweifeltes Bohren und Kreiseln beschreibt – und uns in der letzten Phase des Werkes an die Möglichkeit erinnert, nicht nur zu „komponieren“, sondern auch eine Idee sozusagen in ihre Bestandteile zu zerlegen, wobei Gulda die Schläge der linken Hand bis zur Unerbittlichkeit forciert!). Hier verhält sich Ingrid Marsoner ziviler, umgänglicher, aber sie konturiert doch genügend plastisch und vermag somit den werkspezifischen Vorgang im Bewusstsein zu halten.

Ich möchte an dieser Stelle den Wunsch nicht verhehlen, Ingrid Marsoner mit diesen beiden Sonaten oder auch mit einem anders gewählten Programm einmal im Konzertsaal zu erleben – in der Hoffnung, bei einer solchen Gelegenheit die hier dokumentierte Leistung vor allem auf der ideellen Ebene bestätigt zu finden.

Vergleichsaufnahmen: Haebler (Philips 456 367-2), Kempff (DG), Brendel (Philips, Euroarts DVD 2056558 /1976/77 mit Einführung); D 664: Richter (EMI), Afanassiev (Brüssel 1972 /DG), Imamine (Divox CDX-25211-2), Richter (London 1979 /BBC Music BBCL 4010-2), Wirssaladze (LCL 11389 /Milano 1997), Malikova (RS 951-0021), Damgaard (Classico 245-49), Planès (Harmonia mundi HMC 901713), Cassard (ambroise 9923), Leonskaja (MDG 343 1194-2), Pires DG 00289 477 5233); D 845: Uchida (Philips 462 596-2), Jandó (Naxos 8.553099), Takeya (Diskant DK 0046), Sitzius (Thorofon CTH 2424), Bashkirov (TR RCD 16320), Gulda (Amadeo 472 832-2), Badura-Skoda (Genuin 03016/VII), Staier (aeon AECD 0421), B. Moser (Gramola 98774), Ashkar (EMI 5 87010 2), Babinsky (Discurios 70503), Soucek (ORF LID 1995/5), Richter (Decca)

Peter Cossé † [07.12.2009]

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Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.Komponist/Werkhh:mm:ss
CD/SACD 1
Franz Schubert
1Klaviersonate No. 13 A major D 664 op. posth. 120 00:19:37
4Klaviersonate a-Moll op. 42 D 845 00:35:56

Interpreten der Einspielung

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