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CD-Besprechung

BIS 1690

1 CD • 72min • 2007

18.03.2009

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 10
Klangqualität:
Klangqualität: 10
Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 10

Irgendwann hat mal jemand den Blödsinn aufgebracht, daß das, was man durch Leiden erschüfe, von größerem Werte sei als alles, was seine Existenz der Freude am Spiel oder der Überwindung unschöner Lebensumstände verdankt. Damit wird nicht nur die Schöpfungsgeschichte im allgemeinen und der künstlerische Schöpfungsakt im besonderen auf den Kopf gestellt, sondern auch einer verschrobenen Weltsicht Vorschub geleistet, die den Schmerz zum Maß aller Dinge und zum Adelsbrief jedweder Kunst erhebt ...

Dieses avant-propos scheint mir auch in Allan Pettersons Fall angebracht. Denn die schwere Kindheit und Jugend, die harten, entbehrungsreichen Kämpfe um künstlerische Anerkennung und die gewiß äußerst peinigende rheumatische Erkrankung, mit denen dieser kompositorisch so bemerkenswerte Einzelgänger aus Schweden sein Schaffen umgab – all diese ohne Frage beklagenswerten Um- und Zustände sind doch nur subaltern im Vergleich mit einer Musik, die weitaus größer ist als sie „wehtut”: Sie erhebt sich ebenso weit über die jeweiligen Rahmenbedingungen ihrer Entstehung wie etwa Janáceks Intime Briefe oder Mahlers sechste Sinfonie. Die Biographik mag Hintergrundinformation bieten. Doch die schönsten Konvulsionen wären, wenn sie nichts als fünffach linierte Krankenblätter darstellten, allenfalls für den Medizinmann von Interesse.

Dieser Ansicht ist anscheinend auch Christian Lindberg, der mit dem Nordischen Kammerorchester die beiden ersten Streicherkonzerte seines Landsmanns Petterson mit all ihren wild aufbrausenden, dann wieder enthusiastisch sich erhebenden oder lyrisch verbreite(r)nden Komplexen nicht als Graphiken aus dem jammervollen Dasein eines „verkannten Genies” versteht, sondern sie vielmehr mit auffallend schlankem und enorm zügigen Tonfall realisiert: Die Attacke ist zwar unverkennbar, aber nirgends so vorwurfsvoll-larmoyant, wie’s nur schwächere Interpreten schwächerer Werke nötig haben, wenn sie partout „bewegen” wollen.

Noch erfreulicher erscheint dieser Verzicht auf den taktischen Tränenschleier bei der Wiedergabe der acht ausgewählten Barfotasångerna („Barfußlieder”), die Antal Doráti seinerzeit aus insgesamt zwei Dutzend Titeln ausgewählt und mit dem Einverständnis des Komponisten für Kammerorchester bearbeitet hat. Nicht ganz nachzuvollziehen ist freilich die Nähe zu Gustav Mahler, die der Autor des ansonsten sehr kenntnisreichen Einführungstextes in diesen kunstvollen Arrangements glaubt hören zu können. Zwar drängen sich zugegebenermaßen zwei oder drei Momente auf, in denen „die schönen Hörner blasen”, doch im großen und ganzen scheinen mir diese Lieder, für deren hinreißend poetische Texte der Komponist selbst verantwortlich zeichnet, in die viel näherliegende Tradition schwedischer „Chansons” zu gehören, die sich von Carl Michael Bellman bis weit ins 20. Jahrhundert erstreckt.

Vor allem muß ich bei der Melodik der Stücke an die Gedichte von Nils Ferlin (1898-1961) oder an Ulf Peder Olrog (1919-1972) denken, die der Schauspieler und Sänger Sven Bertil Taube vor gut dreißig Jahren mit Ulf Björlin und verschiedenen schwedischen Orchestern aufgenommen hat. Und wieder kommt es mir vor, als stände ich mit dieser Assoziation nicht allein: Die an ihren Rändern ganz leicht angerauhte, äußerst angenehme Baritonstimme des Solisten Anders Larsson und die erquickliche, transparente, ungemein warmherzige Begleitung machen diesen Teil des Programms zu einem bewegenden Erlebnis, weil die Synthese von Dichtung und Musik in ihrer schlichten Schönheit kaum zu überbieten ist und gar nicht versucht wird, mit großen, schmerzlich überzogenen Gebärden darauf abzuheben, daß es sich hier um „erlittene” Kunst handeln könnte.

Rasmus van Rijn [18.03.2009]

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Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.Komponist/Werkhh:mm:ss
CD/SACD 1
Allan Pettersson
1Barfüßerlieder 00:23:48
9Konzert Nr. 1 für Streichorchester 00:20:41
12Konzert Nr. 2 für Streichorchester 00:26:46

Interpreten der Einspielung

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