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CD-Besprechung

Historische Orgeln in Frankreich Vol. 5

Sinus Sin 3005

1 CD • 61min • [P] 2009

16.03.2009

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 9
Klangqualität:
Klangqualität: 9
Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 9

In Bezug auf die Bandbreite an Klangfarben, Größen und Bauarten steht die Orgel allein auf weiter Flur. Die Erforschung der Orgellandschaft auf Tonträger befördert schon allein deshalb immer wieder ungeahnte Schätze ans Tageslicht. Großen Anteil daran hat mit 30, zum großen Teil preisgekrönten CD-Veröffentlichungen Albert Bolliger. Nach Portraits schweizerischer, deutscher, österreichischer, dänischer und iberischer Instrumente ist der Orgelreisende Bolliger inzwischen bei Vol. 5 der Reihe Historische Orgeln in Frankreich angekommen und präsentiert darin ein wertvolles Klang- und Instrumentendenkmal des französischen Orgelbaus um 1700. Drei Jahrhunderte hat die 1714 von Jean Boizard für die nordfranzösische Abtei Saint-Michel-En-Thiérache erbaute Orgel samt originalem Pfeifenwerk unbeschadet überstanden. Während die 693 gegründete Abtei mehrfach in ihrer Geschichte großen Bränden zum Opfer fiel, überlebte die Orgel den Brand von 1715, die französische Revolution, beide Weltkriege und den letzten Brand von 1971; zu diesem Zeitpunkt lagerte sie bereits in den Werkstätten von Haerpfer & Herman, um von 1980 bis 1983 nach denkmalpflegerischen Richtlinien wieder aufgebaut zu werden. 1985 erstmals vollständig überholt, erhielt sie 1992 neue Klaviaturen, 1996 wurden Blasebälge und das Pfeifenwerk überholt. Mit seinen 31, auf Pedal und vier Manuale verteilten Registern gilt das Instrument als Musterbeispiel einer mittelgroßen französischen Orgel aus der Zeit Ludwigs XIV., deren Klangmerkmale Albert Bolliger mit meisterlicher Klangsensibilität wunderbar herausarbeitet; wichtige und willkommene Hinweise bieten in diesem Zusammenhang auch die Angaben Bolligers zur Orgeldisposition und Registrierung jedes einzelnen Stücks.

Dem Instrument entsprechend hat der Organist für seine neueste Ausgrabung ein Repertoire ausgewählt, das allein der Orgelmusik des „Grand siècle“ entstammt. Nur Wenigen dürften die hier versammelten Kleinode eines Henry Du Monts (1610-1684), Nicolas-Antoine Lebègues (ca. 1631-1702), Lambert Chaumonts (ca. 1630-1706), Jean-Henry d’Angleberts (ca. 1631-1702), François Roberdays (1624-1680) und Jacques Boyvins (ca. 1649-1706) bekannt sein; gleiches gilt wohl für die Sätze aus dem erstmals 1981 veröffentlichten Livre d’Orgue de Montréal (ca. 1724). Die größtenteils liturgisch gebunden Stücke und Satzfolgen sind recht kurz. Auch sind sich viele in ihrem Charakter sehr ähnlich. Dank Bolligers großartigem gestalterischen Vermögen – man höre nur die Chaconne in g von Lambert Chaumont – entstehen daraus jedoch zahlreiche Momente erlesener Augenblickskunst. So eröffnen sich dem Hörer beispielsweise in Lebègues Offertoire und den drei Weihnachtssätzen reizvolle Wechsel innerhalb der Klangperspektive; zudem lenkt Bolliger mit seiner nuancierten Artikulation den Blick immer wieder auf kleinste melodische Ereignisse. Schließlich vermittelt sein klar strukturierendes Spiel zwischen abgetönten Stimmungen und strahlendem Glanz große innere Ruhe – etwa in Jacques Boyvins Suite du sixième ton aus dessen zweiten Orgelbuch oder in den drei Sätzen zum Pange Lingua aus dem Livre d’Orgue de Montréal. Fazit: Albert Bolliger öffnet mit seiner neuesten CD-Veröffentlichung eine weitere Schatzkiste, die jeden Orgelfreund wärmstens zu empfehlen ist.

Christof Jetzschke [16.03.2009]

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Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.Komponist/Werkhh:mm:ss
CD/SACD 1
Anon.
1Magnificat II d-Moll (Livre d'Orgue de Montréal) 00:08:24
7Tierce en Taille in g (Livre d'Orgue de Montréal) 00:02:02
8Pange lingua (Livre d'Orgue de Montréal) 00:04:23
9Cromhorne en Taille du 7 (Livre d'Orgue de Montréal) 00:02:38
Henri Du Mont
10Pièce du 1er Ton 00:03:15
11Allemande lante - Courante 00:03:02
Nicolas Lebègue
12Offertoire 00:03:32
13Or nous ditte Marie (Noël) 00:02:16
14Cette journée (Noël) 00:01:46
15Laissez paistre vos Bestes (Noël) 00:01:55
Lambert Chaumont
16Pièces du deuxième ton 00:07:00
20Chaconne in g 00:03:22
Jean Henri Anglebert
21Quatuor sur le Kyrie 00:01:25
François Roberday
22Fugue 5me 00:05:01
Jacques Boyvin
23Suite du sixième ton (2e livre) 00:10:53

Interpreten der Einspielung

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