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CD-Besprechung

Charles Koechlin

Charles Koechlin

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 10

Klangqualität:
Klangqualität: 10

Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 10

Besprechung: 02.07.09

Klassik Heute
Empfehlung

SWRmusic 93.246

1 CD • 72min • 2008

Sind Sie, verehrter Leser und später – hoffentlich! – auch der erfüllte Hörer bereit, sich die Mühen und Kosten eines Fluges nach Persien, also in den heutigen Iran, zu ersparen? Die politisch-gesellschaftliche Aktualität ist ja sowieso nicht dazu angetan, eine Reise in dieses faszinierende Land zu planen. Die Alternative: Michael Korsticks zweite Folge seiner Koechlin-Erkundungen! Und der gescheite, auch schreibend, erklärend hochbegabte Pianist führt mit sinnenden, beschreibenden, kolorierenden Händen in eine Welt der packenden Gelassenheit, die – wie mir scheint – am Treffendsten in Koechlins musikalischem „Karawane"-Porträt gespiegelt ist. Gespiegelt auch in der leisen, schwelenden Plastizität von Hitze und Trockenheit im Grenzbereich von wiegender Mobilität und Todesgefahr: Koechlins mehr als eine Stunde in Anspruch nehmende „Persische Stunden" führen in eine Welt der Ferne, des historischen Erwägens, der landschaftlichen Pastellisierung und der ortsüblichen Gewohnheiten, wie sie im Bereich kompositorischer Aneignung klavieristisch kaum je so diskret, so nobel in Szene gesetzt worden ist. Da tönt nichts in Richtung Persien-Folklore. Keines der 16 Stücke (mit einigen Unterabteilungen) bestätigt liebgewordene, zumeist aber verdächtige Klischees des Orientalischen. Vielmehr handelt es sich um zarte, die jeweiligen Sujets in klanglicher, sanft bewegter Phantastik auf Tasten nachgedichtete, vorsichtig verdichtete Situationsbeschreibungen.

Koechlin eröffnet diese in den Jahren 1913 bis 1919 entstandene Niederschrift einer „erträumten Reise" (Otfried Nies) mit einer Mittagsruhe, vor dem Aufbruch. Die erwähnte Karawane setzt sich im Folgenden zögernd in Bewegung, genauer: ihr pianistischer Passgang wird nach Koechlins dramaturgischen Vorgaben als „Traum während der Mittagsruhe" gefasst.

Einige der weiteren Titel (Abendlied, Mondschein auf den Terrassen, Im Schatten beim Marmorbrunnen) könnten die Vermutung aufkommen lassen, es handele sich dann doch um Genrebildchen im akustischen Reiseveranstalterformat. Aber weit gefehlt! Hier schimmern die grazilen Ideenzaubereien Schumanns, die landeskundlichen, oft auch grenzüberschreitenden Impressionen Debussys durch die Partituren Koechlins hindurch, ohne freilich das ureigene, unverwechselbares Talent zu überlagern.

Michael Korstick gelingt es im Begleitheft und am Flügel diese trotz aller Andächtigkeit, trotz aller Verhaltenheit auf wundersame Weise prachtvolle, innerlich nervöse Suite mit der Raffinesse des Könners, aber – wie mir scheint – vor allem mit der Leidenschaft eines Vermittlers zum Klingen, zum Vibrieren zu bringen, der diese Stücke nicht nur „gelesen", sondern gleichsam inhaliert, also zur Botschaft erhoben hat.

Vieles über Koechlin, über „Die persischen Stunden", auch über die verdeckten technischen Schwierigkeiten der pianistischen Realisation ist im Begleitheft der beiden Autoren Korstick und Nies zu lesen. Ich kann an dieser Stelle nur empfehlen: Buchen Sie diese Reise, auch wenn sie nur eine Stunde verspricht. Aber was für eine erfüllte Stunde!

Peter Cossé † [02.07.2009]

Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.KomponistWerkhh:mm:ss
1 Ch. Koechlin Les heures persanes op. 65

Interpreten der Einspielung

Interpret(en)Besetzung
Michael Korstick Klavier
 
93.246;4010276022008

Bezug über Direktlink

 

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