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CD-Besprechung

Georg Philipp Telemann

Singe-, Spiel- und Generalbaßübungen 1735

Georg Philipp Telemann

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 10

Klangqualität:
Klangqualität: 9

Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 10

Besprechung: 10.01.06

cpo 777 045-2

1 CD • 70min • 2004

Tausendsassa Telemann! Hatte ich in den letzten Tagen des vergangenen Jahres noch die Doppel-CD seiner XII Solos à Violon ou Traversière avec la basse chiffrée zur Besprechung auf dem Schreibtisch, eine ebenso intime wie geistig hochstehende Kammermusiksammlung, die den berühmten Pariser Quartetten absolut ebenbürtig sind, so liegt mit diesen 1733 im Druck veröffentlichten Singe-, Spiel- und Generalbaßübungen ein Album populärer Lieder vor, die offensichtlich zur alltäglichen „Gemüths-Ergötzung“ geschaffen wurden. 47 Lieder amüsanten oder moralisierenden Inhalts beliebter Dichter wie Gottsched, Weise, Hagedorn, Brockes oder anderer hat der nicht zuletzt auch auf den Geschmack eines breiten Publikums schauende Telemann zu einer Sammlung verarbeitet, die in jedem musikalisch durchschnittlich gebildeten Haus mit eigenen Kräften musiziert werden konnten. Das war vor den Zeiten elektronischer Massenmedien ein echter Beitrag zur Breitenkultur, die es natürlich zu jeder Zeit schon gab, bevor die Soziologen sich mit der Erfindung des Begriffes wichtig machten.

Klaus Mertens ist aus vielen Einspielungen geistlicher Musik des 17. und 18, Jahrhunderts als einer der differenziertesten Interpreten der Barockmusik bekannt. In diesem Kaleidoskop des Alltags wird er zum echten Bundesgenossen Telemanns: Alltägliches wird zum Gegenstand poetischer Betrachtung, die nicht in zynischem Blickwinkel das Unbedeutende und Kleine in diesen Szenen sucht, sondern (wie in einer Vorahnung des in den späteren Jahrzehnten des Säkulums entdeckten fühlenden Individuums) jeder einzelnen Szene ihren eigenen Affekt, Witz oder Melancholie läßt. Schubert läßt uns mit seinem gewaltigen Liederschaffen in die Seele des romantischen Menschen blicken: 200 Jahre ist diese Reise in die Mitte menschlichen Empfindens jetzt vergangen. Weitere hundert Jahre zurück liegt Telemanns Blick in die innere Welt des Menschen zur Zeit des Spätbarock. Nichts darf uns heute vermuten lassen, die Menschen wären um 1720 weniger empfindsam gewesen als 1820 – die künstlerischen Mittel zur pathetischen Darstellung dieser Empfindungen, die wir bis heute als authentisch empfinden, sind allerdings wesentlich in den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts gestaltet worden. Mit der Ausweitung des Hörhorizonts hinter die Zeit der ästhetischen Neugestaltung des 19. Jahrhunderts erweitert sich auch die Erkenntnis, daß menschliche Regungen auch vor den in Großbuchstaben geäußerten Empfindungen des 19. Jahrhunderts bereits in Musik und Dichtung gültigen Ausdruck gefunden haben, der mit weniger Pathos und Dramatik aufmerksamen Zuhörern unserer realistischen Zeit vielleicht mehr zu sagen haben als die Dramen zerschmetterter Seelen der romantischen Tradition.

Detmar Huchting [10.01.2006]

Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.KomponistWerkhh:mm:ss
1 G.Ph. Telemann Singe-, Spiel und Generalbaß-Übungen TWV 25:39-85 (1733)

Interpreten der Einspielung

Interpret(en)Besetzung
Klaus Mertens Bariton
Ludger Rémy Cembalo
 
777 045-2;0761203704521

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