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CD-Besprechung

LSO Live LSO0023

1 CD • 66min • 2002

11.12.2002

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 5
Klangqualität:
Klangqualität: 6
Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 5

Das Erfreulichste an diesem live-Mitschnitt aus dem akustisch problematischen Barbican Centre ist für mich, daß mit Sir Colin Davis endlich einmal ein im Music Business hoch gehandelter Dirigent zu der in Bruckners Zeiten üblichen Trennung der Violinen links und rechts zurückgefunden hat. Das Resultat ist – gemessen beispielsweise an der hölzern klingenden Dritten von Elgar/Payne mit den gleichen Beteiligten am gleichen Ort – ein deutliches Plus an Durchhörbarkeit. Leider breitet sich aber der Klang vor dem Hörer so flach und tief aus wie ein Ozean-Panorama: die Holzbläser sind entfernt wie Schiffe am Horizont und in den Tutti nicht zu hören; Posaunen, Trompeten und Hörner (heutzutage um ein Drittel größer gebaut und entsprechend lauter als 1900) decken ab dem forte-Bereich alles zu. Die Streicher stehen weit über Gebühr im Vordergrund, fast als ob in manchen Teilen die Sinfonie ein Konzert für Geigengruppen und Rest-Orchester wäre. Dazu passend ufert auch die Realisation des Werkes selbst in epischer Breite aus.

Gespielt wurde leider auch nicht die kritische Neuausgabe (2000), sondern die problematische alte Nowak-Edition. Die bei Bruckner so wichtigen metrischen Verhältnisse hat Davis kaum im Blick: Nimmt man den Beginn der Sinfonie so langsam wie hier, müßte Bruckners "Tempo wie anfangs" in der Hauptthemenreprise ernst genommen (Tr. 1, 16'15) ein Tempo von Vierteln = 84 zur Folge haben. Bei Davis hat es dann etwa = 102; außerdem bremst er entgegen Bruckners Beschleunigung den Klang vorher ab. Davis hat offenbar kaum Kontrolle über die Energien, die er bewegt. Manche Passagen des 1. Satzes sind geradezu absurd langsam genommen, so die Schlußperiode im 2. Teil (23'00), die immer langsamer wird, bis sie im Choral vor der Coda zum Stillstand gekommen ist (25'18). So wird eine Grundbedingung für die Entfaltung von Bruckners Architektur nicht erfüllt: die strenge Einhaltung des Zeitmaßes. Dies spürt man besonders deutlich an den Passagen, die von sich aus in einem dezidierten Tempo schwingen, beispielsweise die Schlußtakte des 1. Satzes (ab 21'47), die ein angemessenes Grundzeitmaß repräsentieren.

Mustergültig gelingt hingegen bezüglich der Tempi der 2. Satz; außerdem achtet Davis als einer der wenigen Maestri auf Bruckners penibel ausgezählte Übergänge ins Trio und zurück ins Scherzo. Leider ist die Artikulation jedoch nivelliert und wenig beredt, wie man beispielsweise ab Tr.2, 0'42 hört, wo Bruckner differenziert Akzente, aber ab ca. 0'46 staccato verlangt; unter Davis wird leider alles einheitlich gespielt. Unerträglich larmoyant ist hingegen wieder das Adagio, dessen traditionell schlampige Tempi bis auf den Erstdruck von 1903 zurückgehen – ein zu langsamer Beginn mit schmierigen ersten Violinen anstelle des vorgezeichneten "markig", sodann Tempo-Fluktuationen, wo in der Partitur nie ein Wechsel angegeben ist, bis hin zum obligaten "Ersterben" des Zeitmaßes am Ende.

Insgesamt gibt es eine verstörende Diskrepanz zwischen gut durchdachten Passagen und hemmungslosen, "mahlerischen" Ausschweifungen des mitsummenden und stöhnenden Dirigenten.

Dr. Benjamin G. Cohrs [11.12.2002]

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Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.Komponist/Werkhh:mm:ss
CD/SACD 1
Anton Bruckner
1Sinfonie Nr. 9 d-Moll WAB 109

Interpreten der Einspielung

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