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Bericht

Samstag, 31. Juli 2010

Ein altes, junges Label feiert

Das erste col legno-Festival im italienischen Lucca

Kein schlechter Ort, dieses Lucca in der italienischen Toskana, nicht weit von Florenz gelegen, noch näher zum berühmten Pisa, dessen schiefen, inzwischen halbwegs gesicherten Turm man – wenn man sehr aufmerksam ist – für Sekunden von der Autostrada aus sehen kann. Lucca ist eine der wenigen vollständig erhaltenen Städte Italiens, umgeben von einer 4,5 km langen Stadtmauer. Und wer sich nicht nur für historische Gemäuer, kleine Gassen, ehrwürdige, von Reichtum kündende Palazzi, für liebenswerte, belebte Plätze mit den unvermeidlichen Kirchen interessiert, der wird auch über weitere, zum Teil kuriose Besonderheiten der Kommune unterrichtet. Einst für die Seidenstoffproduktion eine erste europäische Adresse, ist Lucca nun das Zentrum für Toilettenpapier. Doch damit nicht genug: in den erwähnten alten Mauern erblickten Giaccomo Puccini, Luigi Boccherini und Alfredo Catalani das Licht der sonnenreichen Toskanawelt. Und hier – genauer: nicht weit von Lucca –, hoch oben auf bewaldeten Bergeshöhen gründete der Dirigent Gustav Kuhn die Accademia di Montegral
Accademia di Montegral
Foto: Peter Cossé
„Accademia di Montegral“. Mit Unterstützung großzügiger Sponsoren gelang es, das von den Mönchen verlassene, mehr als baufällige Convento dell’Angelo zu restaurieren und für einen vielfältigen Unterrichts- und Veranstaltungsbetrieb herzurichten. Allein für die Reperatur des Daches der weiträumigen Anlage mussten fast 500000 Euro aufgewendet werden!

Kuhn war in den letzten Jahren nicht nur für seine (Wagner-)Festspiele im tirolerischen Erl und für das Orchester von Bozen und Trient in Südtirol verantwortlich, er leistete sich mit befreundeten Kollegen die Rettung des namhaften „col legno“-Labels, das sich unter früherem Besitz um die zeitgenössische Musik verdient gemacht hat, aber mehr und mehr in finanzielle Schwierigkeiten geraten war. Unter dem Namen
„col legno“ nun wagen es die neuen Inhaber, Musik von heute und klassisch-romantisches Repertoire unter liberalen ästhetischen Grundsätzen gleichsam unter einen weiten Hut zu bringen. Das Programm ist jetzt schon denkbar großzügig gestreut von DVD-Aufnahmen des Wagner-Ring bis hin zu volkstümelnden Schubert-Arrangements, von der Gesamtaufnahme der Beethoven-Sinfonien bis hin zu Werken lebender Komponisten wie Salvatore Sciarrino, Daniel Schnyder oder Wolfgang Mitterer.

Ende Mai nun luden Gustav Kuhn
Gustav Kuhn
Foto: Peter Cossé
Gustav Kuhn und seine Mitarbeiter zu einem „col legno“-Festival in das Kloster. Eine Neuheit im Festspielwesen, denn überraschend ist es selbst für einen erfahrenen Beobachter des Musiklebens, wenn eine Schallplattenfirma zu einem eigenen, ganz auf ihre Künstler und ihr Repertoire bedachtes Festival lädt. Der italienische Pianist Davide Cabassi fungierte an diesem erweiterten Wochenende als Artist in residence, spielte Stücke des Padre Antonio Soler – die demnächst auf CD erscheinen werden –, spielte die drei populären Sonaten von Beethoven (Pathétique, Mondschein, Appassionata) und überließ am späten Abend der jungen, sechzehnjährigen Sophie Pacini den (hochwertigen) Fazioli-Flügel. Sophie Pacini
Sophie Pacini
Foto: Peter Cossé
Über sie ist an dieser Stelle schon berichtet worden – kein Grund, ihre energischen, feinfühligen Darbietungen von Schumanns Carnaval und Liszts h-Moll-Sonate nicht als Höhepunkte der bunten, keineswegs dramaturgisch geordneten Veranstaltungen hervorzuheben.

Manches Heitere kam in diesen feierlich-unterhaltsamen Tagen zur Aufführung. So etwa Rossini-Ouvertüren für zwei Klaviere zu vier Händen (!), zum Finale auch Rossinis abendfüllende Petit Messe Solenelle mit Gustav Kuhns „eigenem“ Tiroler Chor. Mit dem Prädikat „heiter“ wird man Rossini in diesem sakralen Spezialfall nicht in falsches Licht rücken, denn dieses Opus pendelt tatsächlich zwischen Mini-Oper, geistlichem Erschauern und hochmusikalischem Kabarett.

Eindrucksvoll in diesen klösterlichen Tagen war das phänomenale finnische Streichquartett Meta4 und der italienische Pianist Alfonso Alberti, der mit unerschütterlicher Präzision Stücke von Gérard Pesson, Castiglioni, Sciarrino, Robert NP Platz und Ligeti zur Diskussion stellte. Und Diskussion – also wirklich themenbezogene Unterhaltung – gehört beim „col legno“-Festival zum musikalischen Programm. Die Hörer werden vom Mittag an bis spät in die Nacht nicht nur mit Aufführungen versorgt, sondern auch kulinarisch mit toskanischen Köstlichkeiten. Jederzeit also ist in den schönen, verantwortungsvoll restaurierten Räumen des Klosters, aber auch auf den Terrassen für Verpflegung gesorgt – und ganz zwanglos führt es die Gäste und die Künstler zu Gesprächen und zu Streitereien über das Erlebte zusammen. Kein Wunder, dass ein zweites Festival im kommenden Jahr geplant ist (Anfragen unter: tickets-salzburg@col-legno.com bzw. tickets-lucca@col-legno.com).

Peter Cossé, 23.6.2008

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