Anzeige

Teilen auf Facebook RSS-Feed Klassik Heute
Klassik Heute - Ihr Klassik-Portal im Internet

CD • SACD • DVD-Audio • DVD Video

Besprechung CD

Carl Loewe

Palestrina
Oratorium

Rondeau ROP6284

1 CD • 70min • 2025

06.01.2026

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 10
Klangqualität:
Klangqualität: 10
Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 10

Klassik Heute
Empfehlung

Natürlich weiß man, dass Carl Loewe als „pommerscher Balladenkönig“ nicht nur Balladen komponiert hat, auch wenn es über 400 an der Zahl sind – Loewe war in erster Linie Kirchenmusiker: Geboren als Sohn eines Kantors und Organisten, hat er Theologie studiert und sich gleichzeitig als Kirchenmusiker ausbilden lassen und wurde Kantor und Organist an der Jakobikirche in Stettin – und blieb dies stolze 46 Jahre. Sein Herz ruht in einer vergoldeten Kapsel in der Höhlung einer großen Orgelpfeife „seiner“ Orgel. Neben seinen Balladen hat er immerhin sechs Opern, zwei Sinfonien, zwei Klavierkonzerte sowie Kammermusik geschaffen, aber auch siebzehn (oder achtzehn, da sind die Biografen sich nicht einig) Oratorien, darunter auch Palestrina. Wissen ist eines, aber hörbares Erfahren ein anderes. So ist es eine meisterliche Tat, dass der Dirigent Tristan Meister diesen Palestrina der Vergessenheit entrissen hat. Aus einem Konzert in der Christuskirche Mannheim, das gewiss eine Erstaufführung, vielleicht sogar eine Uraufführung war, entstand diese höchst beachtliche Aufnahme.

Viel Volk für viele Chöre – auch Lutheraner

Der Oratorientext von Ludwig Giesebrecht (1792-1873), Geschichtsprofessor in Stettin, verwendet die bekannte Anekdote, nach der Giovanni Pierluigi da Palestrina mit seiner Missa Papae Marcelli die polyphone Vokalmusik in der katholischen Messe gerettet hat, nachdem das Konzil von Trient diese gänzlich aus der Messe heraushalten wollten. In einer einzigen Nacht soll er diese Messe komponiert haben, von einem vom Himmel gestiegenen Engel diktiert, und die Kirchenväter überzeugt haben. Giesebrecht verlegt die Uraufführung in den Petersdom in Rom. Vor allem lässt er nicht nur Palestrina, den Kardinal Borromeo und den Papst auftreten, sondern auch die Frauengestalt Fiammetta, seine Geliebte oder Frau, vor allem aber, um viele Chöre zu ermöglichen, viel Volk: Winzer, Jesuiten, päpstliche Krieger, Konzilsväter – und Lutheraner. Und da wird’s interessant: „Aus den Fugen wankt die Christenheit, erschüttert von des Luthertumes Sturm“, sagt bzw. singt Palestrina gleich zu Beginn. So ist der Kampf zwischen Luthertum und der katholischen Kirche der Urgrund dieses Oratoriums.

Bach inspiriert Palestrina?

Die Lutheraner sind es dann, die eigentlich den katholischen Komponisten zu seiner Messe inspirieren: Sie singen „aus der Ferne“ drei Strophen des Pfingst-Chorals „Komm, heil’ger Geist, Herre Gott“, die deutsche, von Luther erweiterte Übersetzung der Pfingstantiphon „Veni sancte spiritus“. So ist letztlich der Heilige Geist der Initiator für Palestrinas Muster-Messe – und Johann Sebastian Bach, weil die Choräle im Oratorium in seiner Weise erklingen: ein musikhistorisches Wirrwar. Das Loewe noch steigert, indem er Palestrinas Musik real erklingen lässt: Sein Ave Maria singt der Chor (Wer sind die diesen Chor füllenden Personen? Das bleibt unerklärt) sowie Sanctus und Benedictus aus der Papae Marcelli. Alles andere ist hochromantische Musik. Der Winzerchor beendet in pastoralem Dreiertakt das Oratorium und beglaubigt damit gewissermaßen Palestrinas Musik: „Tränen der Lust“ entlockt ihnen Palestrinas Musik – auch wenn die altklassische Vokalpolyphonie niemals eine „volkstümliche“, sondern hochartifizielle Musik gewesen ist. Bachchoräle, Palestrina-Musik und romantische Oratorienmusik zu verschmelzen – das ist die höchst ungewöhnliche, aber durchaus reizvolle Leistung von Carl Loewe. Der zeigt hier durchaus künstlerisches Selbstbewusstsein: Wenn Loewe Palestrina bejubelt, hebt er sich auf dieselbe Ebene.

Chorgesang wie flüssiges Gold

Auch wenn also der Text höchst anfechtbar ist, die Musik hat ihre Meriten. Und da kommt Tristan Meister ins Spiel. Er animiert den Chor Vox Quadrata zu hochaktivem, hymnischen oder auch – als Krieger – angriffslustigem oder erregtem Gesang. Vor allem die Männerchöre (Krieger, Jesuiten) glänzen mit triumphalem Klang. Im zweiten Teil, wo es zur Konfrontation zwischen Lutheraner und Katholiken kommt, kommt es auch zu chorischem Aufeinanderprallen von Fuge und Homophonie. Da wird Vox Quadrata hochenergisch, blockhaft und gleichzeitig sehr beweglich, in allen Stimmgruppen hervorragend besetzt. Und auch Palestrinas Original-Musik gestalten die Sänger und Sängerinnen stilistisch bewandert: dicht und fließend gesungen und schwellend, dabei vor allem in den Frauenstimmen von geradezu knabenchorhafter Reinheit – wie flüssiges Gold. Das Benedictus ist, der Tradition folgend, solistisch besetzt, und dies in hoher Gesangsqualität.

Solistische Idealbesetzungen

Die Solisten sind gut ausgesucht: Lukas Siebert als Palestrina singt seine Arien mit einem hellstrahlenden Tenor voll natürlichem Timbre und mit leicht heldischem Glanz und vor allem sehr wortdeutlich – eine Idealbesetzung. Wenn er erzählt, dass er – dem Bescheidenheitstops zufolge – dreimal beginnen musste, bis ihm die Messe gelang, ist das wohl glaubhaft. Als Fiammetta kann Johanna Beier mit einem schönfließendem, leicht anspringendem und höhensicher jubelndem Sopran aufwarten, der noch etwas leicht Mädchenhaftes hat. Als Kardinal Borromeo zeigt der Bariton Johannes Hill opernhafte Inbrunst und beschwörende Rhetorik, als Papst tritt Magnus Piontek mit herrscherlicher Würde und befehlsgewohnter Autorität auf. Selbst die Nebenfiguren sind mit Ferdinand Dehner und Florian Hartmann qualitätsvoll besetzt.

„Musik voller Seligkeit“

Die Deutsche Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz folgt den Angaben von Tristan Meister mit hörbarer Begeisterung, ob die drohenden Posaunen in den Kriegerchören, der dunkle Streicherklang im Gesang der Dämmerung, die klagenden Holzbläser bei Palestrinas Klage-Arie (Track 11) oder als pastorale Instrumente im Winzergesang (Track 24): Immer ist es „Musik voller Seligkeit“, wie es im Text heißt.

Dass es der Mitschnitt eines Konzertes ist, hört man vor allem an den deutlich bemerkbaren Schnitten, die als große Leerstellen dröhnen. Das berührt aber nicht die insgesamt herausragende musikalische Gesamtleistung. Man würde diesem Palestrina noch viele weitere Aufführungen wünschen – es muss nicht immer Haydns Jahreszeiten oder der Elias von Mendelssohn Bartholdy sein.

Rainer W. Janka [06.01.2026]

Anzeige

Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.Komponist/Werkhh:mm:ss
CD/SACD 1
Carl Loewe
1Palestrina (Oratorium in drei Teilen) 01:09:31

Interpreten der Einspielung

Das könnte Sie auch interessieren

09.12.2025
»zur Besprechung«

Nutcracker Unwrapped, Winter Tales From Araound The World

27.05.2025
»zur Besprechung«

Miklós Rózsa, Sinfonia concertante op. 29, Rhapsody op. 3, Notturno ungherese op. 28

14.08.2024
»zur Besprechung«

Augusta Holmès, Symphonic Poems

Anzeige

Klassik Heute - Ihr Klassik-Portal im Internet

Anzeige