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CD-Besprechung

Mozart

Sonatas & Fantasies
Elena Bashkirova

CAvi-music 8553498

1 CD • 78min • 2020

11.01.2023

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 10
Klangqualität:
Klangqualität: 10
Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 10

Klassik Heute
Empfehlung

Bei soviel Musik in der Verwandt- und Partnerschaft muss Außerordentliches herauskommen: Die Pianistin Elena Bashkirova ist 1958 als Tochter des Pianisten Dmitri Bashkirov geboren, bei dem sie am Tschaikowski-Konservatorium auch studiert hat. Sie war mit Gidon Kremer und ist seit 1988 mit Daniel Barenboim verheiratet, ein Sohn ist Songwriter (David), einer Geiger (Michael). Elena Bashkirova ist 2018 mit dem Preis des Klavier-Festivals Ruhr ausgezeichnet worden, 1998 hat sie das International Jerusalem Chamber Music Festival gegründet, dessen künstlerische Leiterin sie ist. Regelmäßig gastiert sie bei den besten Orchestern – aber CDs hat sie bisher nur relativ wenige aufgenommen, diese ist die erste mit Musik von Mozart.

Mozarts Musik wie im Urzustand

Sehr klug ist das Programm aufgebaut: Die Mitte nehmen schwergewichtig die Fantasie und die Sonate in c-Moll ein (KV 475 und KV 457), eingerahmt von der „singenden“ Sonate Nr. 13 in B-Dur KV 333 und von den heiteren Variationen KV Anh. 137.

Wenn man sie mit dem Mozartspiel von Alfred Brendel vergleicht, der ja alle Sonaten und Fantasien von Mozart eingespielt hat, kann man feststellen, dass Brendel die blitzende Helligkeit liebt, das analytische, intellektuell-gesprächige Spiel, während Elena Bashkirova in großer Reinheit und Klarheit mit viel mehr graziöser Zartheit, schwebender Verhaltenheit und ehrfürchtiger Bewunderung für Mozarts Musik spielt, ja so, als ob sie im Moment oft fast erschrickt vor so viel Genie – anders gesprochen: Während Brendel denkt, singt sie. Sie spielt, als ob man diese Musik, auch wenn man sie kennt, zum ersten Mal hört: Mozarts Musik gleichsam im Urzustand. Das ist eine seltene Kunst – und eine Gnade. Dazu gehört auch ihre Neigung, Mozarts Noten mit Verzierungen anzureichern, nicht sehr oft, aber immer organisch.

„Liebevolles Umschlingen zweyer schöner Gestalten“

Im „Mozart-Handbuch“ zitiert Marie-Agnes Dittrich, die die Klaviermusik verantwortet, den Musikjournalisten Friedrich August Kanne, der über Mozarts Sonate Nr. 13 im Jahre 1821 schreibt, im ersten Satz sei „gleichsam ein liebevolles Umschlingen zweyer schönen Gestalten sichtbar, die sich in holder Anmut einander nähern, und wo der männliche Theil, der Bass, die graziösen Bewegungen des weiblichen, der Sopranmelodie, mit aller Zartheit und dennoch mit anziehender Stärke unterstützt und auf seinen Armen huldvoll dahinträgt“. Als hätte Elene Bashkirova dies gelesen, betont sie das Dialogische dieses Satzes „mit aller Zartheit und dennoch anziehender Stärke“, liebe- und fast weihevoll und doch deutlich markierend. Sie vermeidet alles Spieluhrmäßige, belebt im Durchführungsteil das Frage- und Antwortspiel mit dynamischer Abstufung, synkopischer Widerhakigkeit und schwebendem Vorhaltsgestus.

Im Andante lässt sie verhaltene Erregung zittern und gestaltet diesen Satz mit leis zupfenden, einen Kontrabass imitierenden Basstönen wie ein Lauten- oder Gitarrenständchen, träumt sich dabei ins Mondscheinhafte und legt dabei ein zartes Gewicht auf die verstörend-fremdartigen Harmonien bis hin zum des-Moll-Akkord in Takt 47.

Graziös tänzelnd und energisch-spielerisch läuft das Finale durch, dabei dauernd die Energieform wechselnd, von spitzbübisch bis kernig-überraschend oder ordentlich gepfeffert.

Nervös suchend, klagend und hochemotional mit aus dem Bassdunkel heraufsteigenden Arpeggien beginnt die Pianistin die d-Moll-Fantasie KV 397, singt dann herzzerreißend die klagende Melodie, die in immer verlorenere Harmonien getaucht wird oder unterbrochen wird durch hämmernde Akkorde und flatternd flehende Passagen, bis der lichte D-Dur-Schluss alles erlöst.

Jede Note erfühlt und erfüllt

Wie der Abstieg in die Unterwelt mutet der Beginn der c-Moll-Fantasie KV 475, ein Abtauchen in die tiefsten Seelenabgründe, später von beethovenwütige Sforzati begleitet: Jede Note scheint erfühlt und im Moment erfüllt zugleich zu sein.

Fast ohne Übergang geht’s dann zur c-Moll-Sonate KV 457, den Zusammenhang beider Werke betonend. Kraftvoll-stählern, dabei voller nervöser Unruhe und vibrierender Erregung kommt der Beginn dieser Sonate daher, das befremdend Erschreckende deutlich ausstellend. Im Adagio verliebt sich Elena Bashkirova geradezu in die ausgeschriebene Mozart’sche Verzierfreudigkeit, die eine „fast expressionistisch anmutende Affektdichte“ (so Siegfried Mauser) ergibt. Alles führt dann buchstäblich in den Abgrund, in die Bass-Untiefen, ein schreckhaftes Zittern bebt nach, auch in den Bizarrerien des Schlusssatzes.

Sprühend vor Spielfreude entlässt diese Mozart-CD den Hörer in geistvolle Heiterkeit mit den Variationen KV Anh. 137.

Hervorragend ist der Klang des Pierre-Boulez-Saales in Berlin eingefangen, beim Flügel sind vor allem die Basstöne plastisch, aber auch warm abgebildet.

Fazit: eine selten aufregende und anregende Interpretation der Mozart’schen Klaviermusik, voller Geist, Tragik und tiefer Menschlichkeit.

Rainer W. Janka [11.01.2023]

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Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.Komponist/Werkhh:mm:ss
CD/SACD 1
Wolfgang Amadeus Mozart
1Klaviersonate Nr. 13 B-Dur KV 333 KV 315c 00:22:55
4Fantasie d-Moll KV 397 00:06:35
5Fantasie c-Moll KV 475 00:13:49
6Klaviersonate Nr. 14 c-Moll KV 457 00:23:21
9Variationen über ein Originalthema A-Dur KV Anh. 137 00:11:44

Interpreten der Einspielung

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