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CD-Besprechung

Crime Scenes

GWK Records 155

1 CD • 83min • 2021

06.03.2022

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 10
Klangqualität:
Klangqualität: 9
Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 9

Vor gut zwei Jahren kamen die deutsche Mezzosopranistin Esther Valentin und die russische Pianistin Anastasia Grishutina, eben erst beim Internationalen Schubert-Wettbewerb Dortmund in der Kategorie LiedDuo mit dem 1. Preis bedacht, beim Label gwk records mit ihrem erstaunlichen Debüt-Album „Amors Spiel“ heraus und fanden durchweg begeisterte Resonanz. Mein Eindruck damals: Hier stehen zwei junge Künstlerinnen auf dem Podium, die musizierend etwas zu sagen haben und die nicht nur die Inhalte der Lieder, sondern auch ihr eigenes Handwerk hinterfragen. Mit ihrem jetzt erschienenen zweiten Album „Crime Scenes“ haben sie das große Versprechen eingelöst.

Leichte Vergehen und schwere Verbrechen

Zunächst machen Valentin und Grishutina da weiter, wo sie mit „Amors Spiel“ aufgehört haben: Bei der Liebe. Und da geht es in den meisten Fällen nicht um Verbrechen, sondern um lässliche Sünden. Am Anfang des Programms steht Goethes populäres und nicht nur von Schubert vertontes Gedicht Heidenröslein, das der 21jährige Student seiner angebeteten Friederike in Sesenheim gewidmet hat. Heutige Sittenrichter wollen in der zweideutigen Liebeserklärung indes eine Verharmlosung von Vergewaltigungen erkennen und den Dichterfürsten am liebsten auf den Index setzen. Auch Detlev von Liliencrons Müde entspricht nicht den Kriterien der political correctness, von denen weder der Autor noch der Komponist Hans Pfitzner etwas wissen konnten. Bei Findlay nach Robert Burns, in russischer Übersetzung von Georgi W. Swiridow (1915-1998) vertont, handelt es sich wie in Edward Griegs Die verschwiegene Nachtigall (nach Walther von der Vogelweide) offensichtlich um einvernehmlichen Sex.

In die Abgründe der Liebe führen dagegen Schuberts Der Zwerg (Text: Matthäus von Collin) mit seiner rätselhaften Vorgeschichte und Schumanns Löwenbraut (Adelbert von Chamisso), beide der Balladen-Gattung zuzurechnen. Die Ballade ist generell die angemessene Form, um Verbrechen und Verbrecher zu beschreiben. Für Friedrich Hebbels schaurige Ballade vom Heideknaben hat Schumann die Form des Melodrams gewählt, also die Rezitation mit Klavierbegleitung. Für Heines Belsatzar wiederum den gebundenen Gesang. In den letzten vier Titeln geht es um Verbrechen in der schlimmsten Ausprägung, um Krieg und Konzentrationslager. Ilse Weber (1903-1944) schließt das Programm ab mit dem Lied Ich wandre durch Theresienstadt, das gerade durch seine volksliedhafte Schlichtheit erschüttert.

Russisch-deutsche Wahlverwandtschaft

Die Dramaturgie dieses zweiten gemeinsamen Albums ist auf Wechselbäder der Gefühle und auf stilistische Vielfalt ausgerichtet. Dabei kommen neben den „Klassikern“ auch zeitgenössische Komponisten zu Wort: Moritz Eggert (Jg. 1965) mit einem Titel aus Neue Dichter Lieben, der renommierte Klavierbegleiter Michael Gees (Jg. 1953) mit Mondlied eines Mädchens (Text: Franz Werfel) und die Holländerin Brechtje Nelleke van Dijk (Jg. 1993) mit Endangered, das sich unmittelbar an Löwenbraut anschließt. In diesem auf einer wahren Begebenheit beruhenden Gedicht wird ein Gorilla erschossen, nachdem ein Kind in seinen Käfig gefallen ist.

Valentin und Grishutina finden für jedes der stimmungsmäßig so unterschiedlichen 19 Lieder und Balladen den richtigen und dabei ganz eigenen Tonfall. Bei der Sängerin verbinden sich Schönheit der Stimme, Geschmeidigkeit und Ebenmäßigkeit des Tons und Klugheit des Vortrags in idealer Weise. Man könnte ihr stundenlang zuhören. Sie klingt immer entspannt, hat viel Sinn für die leisen Töne, zeigt besonders in den Balladen auch dramatische Expansionsmöglichkeiten. Bei ihrer Zusammenarbeit mit Grishutina, einer suggestiven Erzählerin am Klavier, die über Subtilität wie über die gelegentlich notwendige „Pranke“ verfügt, möchte man von einer russisch-deutschen Wahlverwandtschaft sprechen, die im mitreißenden Vortrag von Mussorgskys – im allgemeinen Männerstimmen vorbehaltenen – Der Feldherr (aus: Lieder und Tänze des Todes) ihren Höhepunkt findet.

Das Booklet enthält ein sehr ausführliches und gedankenreiches Werkstattgespräch mit den beiden jungen Künstlerinnen. Die deutschen Liedtexte findet man auf der Internetseite des Labels. Dort sind allerdings nicht die Namen der Autoren genannt, was ein arges Versäumnis ist.

Ekkehard Pluta [06.03.2022]

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Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.Komponist/Werkhh:mm:ss
CD/SACD 1
Franz Schubert
1Heidenröslein op. 3 Nr. 3 D 257 00:02:34
Moritz Eggert
2Stille Oeynfassung (aus: Neue Dichter Lieben) 00:02:42
Robert Schumann
3Muttertraum op. 40 Nr. 2 00:03:21
4Ballade vom Haideknaben op. 122 Nr. 1 00:07:27
Franz Schubert
5Die Forelle D 550 00:02:25
Robert Schumann
6Herzeleid op. 107 Nr. 1 00:02:22
Samuel Barber
7The Crucifixion op. 29 Nr. 5 (aus Hermit Songs op. 29) 00:02:18
Robert Schumann
8Belsazar op. 57 (Ballade) 00:05:05
Michael Gees
9Mondlied eines Mädchens 00:08:17
Franz Schubert
10Der Zwerg op. 22 Nr. 1 D 771 00:05:33
Hans Pfitzner
11Müde op. 10 Nr. 2 00:03:08
Georgi Swiridow
12Findlay (aus: Lieder auf Gedichte von Robert Burns, Nr. 6) 00:03:31
Edvard Grieg
13Die verschwiegene Nachtigall op. 48 Nr. 4 00:04:02
Robert Schumann
14Die Löwenbraut op. 31 Nr. 1 (1840) 00:09:28
Brechtje Nelleke van Dijk
15Endangered 00:05:18
Robert Schumann
16Der Soldat op. 40 Nr. 3 00:02:51
Viktor Ullmann
17Der müde Soldat (aus: chinesische Lieder, Nr. 2) 00:03:53
Modest Mussorgsky
18Der Feldherr aus Lieder und Tänze des Todes, Nr. 4 00:05:53
Ilse Weber
19Ich wandre durch Theresienstadt 00:03:10

Interpreten der Einspielung

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