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CD-Besprechung

Mieczysław Weinberg • Dmitri Shostakovich

Piano Trios • Songs

cpo 555 367-2

1 CD • 78min • 2020

16.02.2022

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 9
Klangqualität:
Klangqualität: 9
Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 9

Als Ende Oktober 1967 Schostakowitschs Sieben Romanzen nach Worten von Alexander Blok für Sopran und Klaviertrio uraufgeführt wurden (mit so namhaften Interpreten wie Galina Wischnewskaja, David Oistrach und Mstislaw Rostropowitsch), wollte Schostakowitsch eigentlich selbst den Klavierpart übernehmen. Da er sich aber kurz zuvor ein Bein gebrochen hatte, sprang sein Freund und Komponistenkollege Mieczysław Weinberg für ihn ein. Bereits vor diesem Hintergrund erscheint das Konzept des Trios Vivente, ihre Einspielung der Romanzen-Suite als eine Art Doppelporträt von Schostakowitsch und Weinberg zu gestalten, als sehr stimmig. Dies gilt umso mehr, da beide Komponisten eine jahrzehntelange Freundschaft und Kooperation im Sinne von künstlerischem Austausch und wechselseitigen Einflüssen verband – wohlgemerkt eine Tatsache, die erst im Laufe der letzten rund zwanzig Jahre so wirklich zur Kenntnis genommen wurde, denn vorher fristete Weinbergs Musik ein diskographisches Schattendasein.

Schlanke, lebhafte Interpretationen

Beginn und Zentrum dieser CD ist also Schostakowitschs Romanzen-Suite mit der ausgezeichneten jungen Sopranistin Kateryna Kasper; eine hochklassige, den tendenziell meditativen Duktus von Schostakowitschs Spätwerk sehr gut nachvollziehende Einspielung. Im Vergleich zu den Interpreten der Uraufführung musiziert das Trio Vivente etwas schlanker, was gut mit dem helleren, silbrigen Timbre Kateryna Kaspers korrespondiert. Die bohrende Intensität des Sturms (Nr. 5) oder die Transzendenz des Schlusses, von Wischnewskaja und ihren Partnern meisterhaft zu Geltung gebracht, erreicht die Neueinspielung zwar nicht ganz, und doch handelt es sich um eine sehr gute, fein gearbeitete und durchdachte Interpretation dieses Zyklus. Entschiedene Meriten hat auch die Einspielung von Schostakowitschs einsätzigem Klaviertrio Nr. 1 c-moll op. 8, ein Werk des gerade einmal 17-jährigen Schostakowitsch, in dem sich sich der junge Komponist auf der Schwelle zwischen Einflüssen, die man später bei ihm nicht mehr findet (Rachmaninow, Skrjabin, Impressionismus), und seinem ureigenen Stil zeigt (das Hauptthema findet man i.W. im Kopfsatz der Ersten Sinfonie wieder). Nicht alles ist bereits so gelungen wie in späteren Werken; trotz deutlichen Bemühens um motivisch-thematische Einheit läuft das Stück tendenziell Gefahr, etwas weitschweifig und episodisch zu wirken. Dieser Problematik weiß das Trio Vivente mit einem lebhaften, Kontraste und Entwicklungen betonenden Ansatz zu begegnen, und so gespielt liefert das Werk einen faszinierenden Einblick in Schostakowitschs schöpferische Genese.

Frühe Zeugnisse von Weinbergs Komponistenpersönlichkeit

Spiegelbildlich zu Schostakowitsch ist auch Weinberg mit einem Liederzyklus und seinem (einzigen) Klaviertrio vertreten. Dabei wurden die Jüdischen Lieder op. 13 von Alexander Oratovski für Sopran und Klaviertrio eingerichtet; ein gelungenes, farbiges (dabei aber dezent bleibendes) Arrangement. Fast alle Lieder sind knapp und bewusst naiv-hintergründig gehalten; eine Ausnahme bildet lediglich das letzte Lied, die Klage eines Waisenkindes, und so erscheint ganz am Ende des Zyklus die Wiederaufnahme der anfänglichen Vokalisen gezeichnet, gewandelt im Charakter. Bemerkenswert ist, wie sehr man in diesem ebenfalls recht frühen Werk bereits den charakteristischen Tonfall Weinbergs nachvollziehen kann (man vergleiche diesen Zyklus etwa mit der groß angelegten Sinfonie Nr. 8). Weinbergs Klaviertrio a-moll op. 24, mittlerweile wohl eines seiner populärsten Werke, entstand nur zwei Jahre später, aber damit nach seiner Begegnung mit Schostakowitsch und nach seinem Umzug nach Moskau. Natürlich kann man dieses Werk als Reaktion auf Schostakowitschs Klaviertrio Nr. 2 verstehen, aber nicht als Kopie, sondern im Sinne einer künstlerischen Auseinandersetzung (was übrigens auch der Vergleich mit den Jüdischen Liedern zeigt: hier spricht eindeutig dieselbe Komponistenpersönlichkeit). Viele der bereits genannten Tugenden des Trio Vivente finden sich auch in der Interpretation dieses vielgestaltigen, für Weinberg fast schon ungewöhnlich extrovertierten Werks wieder, eine vitale, agile Lesart, die aber nicht über Gebühr forciert wirkt, sodass z.B. auch im anfänglichen Fortissimo des Präludiums Differenzierungen möglich bleiben.

Sehr schöne Neuerscheinung

Abgerundet wird die erfreuliche Produktion durch ein insgesamt sehr gutes Beiheft, das dem Hörer eine ganze Reihe von Anhaltspunkten und Hinweisen zum Nachvollziehen des musikalischen Geschehens liefert. Dass der (verschollene) Schluss der Klavierstimme von Schostakowitschs Trio Nr. 1 von seinem Schüler Boris Tischtschenko (seinerseits ein vorzüglicher Komponist) ergänzt wurde, hätte allerdings ruhig Erwähnung finden dürfen. Ein echter Lapsus ist auf S. 21 passiert: hier ist Weinberg keinesfalls zusammen mit Schostakowitsch zu sehen, sondern mit Georgi Swiridow, der großartige Vokalmusik (und zeitgleich mit Weinberg übrigens auch ein Klaviertrio von durchaus ähnlicher Faktur) komponiert hat. Alles zusammen eine sehr schöne Neuerscheinung.

Holger Sambale [16.02.2022]

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Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.Komponist/Werkhh:mm:ss
CD/SACD 1
Dimitri Schostakowitsch
1Lied der Ophelia op. 127 Nr. 1 (Als du damals fortgegangen) 00:02:54
2Gamayun, der Vogel als Prophet op. 127 Nr. 2 (Am Abend, wenn die Sonne sinkt) 00:03:59
3Wir waren zusammen op. 127 Nr. 3 (Stets denk ich an die Zeit zu zwein) 00:03:04
4Die Stadt schläft op. 127 Nr. 4 (Alles still, im Neben die Straßen) 00:03:00
5Sturm op. 127 Nr. 5 (Oh, wie's da draußen heult und dröhnt) 00:02:02
6Geheimnisvolle Zeichen op. 127 Nr. 6 (Manchmal seh ich gar seltsame Zeichen) 00:04:46
7Musik op. 127 Nr. 7 (Zur Nacht, wenn alle Stimmen schweigen) 00:05:07
8Trio Nr. 1 c-Moll op. 8 für Violine, Violoncello und Klavier 00:11:26
Mieczyslaw Weinberg
9Jewish Songs op. 13 (nach Texten von Itzhok Leij Peretz) 00:12:51
16Klaviertrio op. 24 00:25:56

Interpreten der Einspielung

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