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CD/SACD stereo/surround-Besprechung

Allan Pettersson

Symphony No. 12 The Dead in the Square

BIS 2450

1 CD/SACD stereo/surround • 56min • 2019, 2020

09.02.2021

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 9
Klangqualität:
Klangqualität: 10
Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 10

Allan Pettersson (1911-1980) darf heute getrost als der bedeutendste schwedische Symphoniker betrachtet werden. Es ist nicht die relativ hohe Anzahl (siebzehn, von denen die erste und letzte Fragmente blieben), sondern die stilistische Unabhängigkeit und der enorme Ausdruckswille, die Petterssons Symphonien auszeichnen; fast zwangsläufig, dass diese so den Großteil seines Schaffens ausmachen. Die meisten sind einsätzige, monolithische Kompositionen – so auch die 55-minütige 12. Symphonie De döda på torget (Die Toten auf dem Marktplatz), die einzige mit Vokalbeteiligung. Grundlage der gewaltigen Chöre bilden neun zusammenhängende Gedichte aus dem Zyklus Canto general des chilenischen Dichters und Literaturnobelpreisträgers Pablo Neruda (1904-1973), die sich mit einem Massaker an Demonstranten im Januar 1946 auseinandersetzen.

Grausamkeit und Trauer

Pettersson, der aus einfachsten Verhältnissen stammte, wurde zunächst in Stockholm als Bratscher ausgebildet, spielte bei den (heutigen) Philharmonikern, verlegte sich dann nach ca. 1950 ganz aufs Komponieren, studierte etwa bei Honegger und Leibowitz. Letzterer verhalf ihm allerdings zum klaren Bekenntnis, sich gerade nicht den Zwölftönern anzuschließen. Eine chronische Arthritis machte ihn früh immobil, und oft wurde seiner Musik vorgeworfen, zu viel triefendes Selbstmitleid auszudrücken. Die 12. Symphonie ist geradezu ein Gegenbeweis: Hier geht es klar um humanistisches Gedankengut: kollektive Anklage (Track [7] Fienderna) von Unrecht und grundloser Grausamkeit, aber auch Gedenken an die individuellen Opfer (Track [6] Jag kallar på sem) – fast ein Requiem. Das ähnelt dann mehr Mahlers Weltschmerz, wie im Lied von der Erde, oder Karl Amadeus Hartmanns 1. Symphonie. Dass das Auftragswerk zum 500-jährigen Bestehen der Universität Uppsala 1977 wie ein politisches Bekenntnis wirken musste, liegt natürlich an der durch den chilenischen Militärputsch 1973 umso mehr deutlich werdenden Aktualität von Nerudas Texten just zum Zeitpunkt der Komposition, die 1974 fertig wurde.

Kaum auszuhaltende, dramatische Intensität

Petterssons Musik zeichnet sich vor allem durch eine ungeheure, manchmal kaum zu ertragende, dramatische Sogwirkung aus. Man kann sich dieser frei- bis atonalen Musik mit ihrer oft schneidenden Schärfe der Instrumentation (Verdoppelung der hohen Register mit Pikkolo usw.) kaum entziehen. Normalerweise wechseln großräumig angelegte Steigerungen mit „lyrischen Inseln“ (Peter Gülke) ab, die durchaus noch in der Romantik verwurzelt erscheinen. Diese gibt es in der 12. Symphonie allerdings kaum: Die Musik hält sich dicht an den oft drastischen Text. Die Gesangslinien des Chores werden rein instrumental geführt, keinesfalls deklamatorisch, und somit völlig eingebettet in den komplex linearen, symphonischen Gesamtorganismus mit markanten, wiedererkennbaren rhythmischen und melodischen Figuren, die Zusammenhalt gewähren.

Perfektion und Routine

Nach dem Mitschnitt der Uraufführung 1977, einer Darbietung im Rahmen der Gesamtaufführung der Musik Petterssons in Deutschland 1994/95 und der cpo-Aufnahme unter Manfred Honeck, leitet Christian Lindberg hier die erst vierte Produktion dieses aufwändigen Stückes überhaupt. Wie bei Honeck singen wieder der Schwedische Rundfunkchor und der Eric Ericson Kammerchor: recht perfekt, aber mittlerweile fast allzu routiniert. Die Faszination des Unerhörten bei der Uraufführungsproduktion – und die dort noch feinere Artikulation – wird hier nicht ganz erreicht. Lindberg mit dem Orchester aus Norrköping gelingt jedoch erneut eine erstaunliche Klar- und Direktheit, die schon einige seiner bisherigen Einspielungen innerhalb des neuen Pettersson-Zyklus auszeichnete. Besonders die chromatischen Fortschreitungsmomente und die wie eine höllische Orgel erscheinenden Holzbläser-Eruptionen überzeugen durchgängig. Emotional wirkt die Zwölfte weniger unterkühlt, insgesamt auf alle Fälle mitreißend – was leider Honecks Aufnahme ziemlich abgeht. Abermals ist es die grandiose Aufnahmetechnik von BIS, vor allem mit ihrer natürlichen Balance zwischen Chor und Orchester, die die Neueinspielung zu einem echten Erlebnis macht. Auch die Aufmachung des Digipacks sowie das Booklet sind vorbildlich.

Vergleichsaufnahmen: Carl Rune Larsson, Stockholm Philharmonic Orchestra (Caprice CAP 21369, 1977); Manfred Honeck, Schwedisches RSO (cpo 777 146-2, 2004)

Martin Blaumeiser [09.02.2021]

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Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.Komponist/Werkhh:mm:ss
CD/SACD 1
Allan Pettersson
1Sinfonie Nr. 12 (De döda på torget) 00:55:40

Interpreten der Einspielung

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