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CD-Besprechung

Georg Schumann

Klavierwerke • Piano Works

cpo 555 304-2

1 CD • 70min • 2017

05.11.2020

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 8
Klangqualität:
Klangqualität: 9
Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 8

Während der letzten Jahre hat cpo nach und nach CD-Veröffentlichungen präsentiert, durch die das Portrait der Künstlerpersönlichkeit Georg Schumanns immer schärfer an Kontur gewonnen hat. Schumann, 1866 im sächsischen Königstein geboren, berühmt geworden als Direktor der Berliner Singakademie, der er über ein halbes Jahrhundert vorstand, hat sich kompositorisch allen Gebieten, abgesehen von Bühnenwerken, zugewandt. Nachdem man in den vorangegangenen Folgen der Reihe die Symphonien, Klaviertrios und Lieder kennenlernen konnte, stellt die neueste CD Schumann als Klavierminiaturisten vor.

Optimistische, unproblematische Synthese

Schumanns Werkverzeichnis reicht bis zur Opuszahl 80; und es ist bezeichnend, dass davon nur die letzten zehn Opera nach dem Ersten Weltkrieg entstanden sind. Wie Friedrich Klose, Max von Schillings und Siegmund von Hausegger, die in diesen Jahren gleichfalls kaum noch mit Neukompositionen hervortraten, blieb Georg Schumann ein Künstler der Vorkriegszeit, dem die Neue Musik der 1920er Jahre keine Anregungen mehr bot. Unter stilistischen Gesichtspunkten erscheint er als ein für die Epoche um 1900 geradezu typischer Komponist. Die schöpferisch produktivste Phase seines Lebens fällt in jene Zeit, als der musikalische „Fortschritt“ institutionalisiert wurde: Wagners Musik hielt Einzug in die Konservatorien und wurde vorbildlicher Lehrstoff, Harmonik und Satztechnik wurden bis in die letzten Feinheiten hinein kodifiziert, das moderne Orchester hatte sich herausgebildet und bot mannigfache Möglichkeiten klangfarblicher Gestaltung. Eine optimistische, eine unproblematische Zeit – Georg Schumann gehörte nicht zu denjenigen Künstlern, denen gerade dies problematisch erschien. Er sah einen gewaltigen Fundus kompositorischer Betätigungsmöglichkeiten vor sich. Mussten Wagner und Brahms zwingend Widersprüche sein? Sein in jeder Hinsicht immenses technisches Können befähigte Schumann, sich aus diesem Reservoir der Einflüsse alles anzueignen, was er sich aneignen wollte, und es, seinen eigenen Vorstellungen folgend, nach Herzenslust zu verbinden.

Auf Robert Schumanns Spuren

Mit Robert Schumann war Georg Schumann nicht verwandt. Als Klavierkomponist zeigt sich der Königsteiner Schumann allerdings unverhohlen als Wahlverwandter des Zwickauers. Um diese Stücke richtig einschätzen zu können, muss man sich bewusst werden, was man hier vor sich hat: Es handelt sich um Hausmusik. Keine einzige der von Michael van Krücker eingespielten 19 Miniaturen enthält Passagen zur Demonstration virtuoser Fingerfertigkeit. Diese Musik wurde nicht für den Konzertsaal geschrieben, sondern für den Hausgebrauch anspruchsvoller Dilettanten, denen nach meisterhaft geschriebener Literatur verlangte, die sie technisch bewältigen konnten. Zahlreiche deutsche Komponisten haben im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert Wertvolles für dieses Publikum geschaffen und ihre Epoche damit zu einer Blütezeit der Klavierminiaturistik gemacht. Von den älteren seien Felix Draeseke, Friedrich Gernsheim, Ernst Rudorff und die Brüder Scharwenka genannt, von Georg Schumanns Generationsgenossen Felix Woyrsch, Wilhelm Berger, Ludwig Thuille, Ewald Sträßer; auch Max Reger gehört mit manchem seiner kleinen Klavierstücke hierher. Klare, leicht zu überblickende Formen prägen diese Literatur; und die Ausrichtung an beliebten Vorbildern und bewährten Mustern wurde von den Spielern goutiert. In Georg Schumanns Klavierstücken zeigt sich dies zunächst anhand der Titel: Die Einzelstücke der opp. 1, 23 und 36 tragen alle Namen, die aus der Biedermeierzeit herübergeweht scheinen, wie Rückblick, Erinnerungen, Im Frühling; je zweimal begegnen uns Am Abend und Barcarole. In op. 2 finden sich keine Individualtitel, doch heißt die Sammlung Stimmungsbilder, und die Tempobezeichnungen könnten der Feder Robert Schumanns entflossen sein. Dessen Geist durchweht zahlreiche der Stücke: Man hört die typisch Schumannschen punktierten Rhythmen, die Sequenzen, die „sprechenden“ Motive mit Seufzerendungen, den Volkston. Auch an Brahms kann man mitunter denken. In der Barcarole op. 23/3 scheint Georg Schumann das Bergkönig-Thema aus Griegs Peer Gynt zu paraphrasieren, ihm dabei einen ganz anderen Charakter verleihend.

Feiner Formsinn

Das ist also Musik, in der man oft an Vorbilder erinnert wird. Aber warum sollte man dies Georg Schumann zum Nachteil anrechnen? Nimmt man die Stücke als das, was sie sind, und hört ihnen gut zu, kann man viel Freude an ihnen haben. Ihr Komponist war nämlich ein ausgesprochen guter Autor mit feinem Formsinn. Die Dreiteiligkeit, die den meisten Stücken gemeinsam ist, handhabt er abwechslungsreich: Die Mittelteile können thematisch selbstständig sein, oder die Motive des ersten Teils durchführungsartig verarbeiten, oder kontrastierende Varianten derselben bringen. Auch „instrumentiert“ er farbenreich auf der Klaviatur. Ein Stück gibt es auf der CD, das ganz frei von Assoziationen an Vorbilder ist: Das fugierte Nachtstück Am Abend im Dom op. 36/4, das in seiner Chromatik und schummerigen Klanglichkeit eindeutig als Werk des Jahres 1904 erkennbar ist.

Michael van Krücker zeigt sich beim Vortrag der Klavierwerke Schumanns als Meister des volltönenden, sanft-geschmeidigen Klavierklangs. In op. 2/7, die „Lebhaft und innig“ überschrieben ist, betont er das Innige gegenüber dem Lebhaften. Diese Grundhaltung zieht sich durch das ganze Programm und passt zu vielen Stücken. In der erwähnten Dom-Fuge wäre ein deutlicheres Herausarbeiten der Tonsatzstruktur wünschenswert gewesen; die drei Nummern des op. 1 ließen sich melodisch straffer gestaltet denken. Dennoch kann man van Krückers Einspielung eine geglückte Ehrenrettung des Klavierminiaturisten Georg Schumann nennen

Norbert Florian Schuck [05.11.2020]

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Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.Komponist/Werkhh:mm:ss
CD/SACD 1
Georg Schumann
1Rückblick op. 36 Nr. 1 00:04:36
2Im Begegnen op. 36 00:02:26
3Erinnerungen nach dem Balle op. 36 Nr. 3 00:02:19
4Am Abend im Dom op. 36 Nr. 4 00:03:58
5Im Frühling op. 36 Nr. 5 00:03:13
6Marsch op. 36 Nr. 6 00:02:36
Niels Wilhelm Gade
7Stimmungsbilder op. 2 00:19:15
Georg Schumann
14Burleske op. 1 Nr. 1 00:05:48
15Barcarole op. 1 Nr. 2 00:05:29
16Phantasie op. 1 Nr. 3 00:06:50
17Am Morgen op. 23 Nr. 1 00:02:32
18Am Abend op. 23 Nr. 2 00:03:18
19Barcarolle op. 23 Nr. 3 00:06:49

Interpreten der Einspielung

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