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CD-Besprechung

Bach to the Roots!

Bremer Barock Orchester

arcantus arc 20021

1 CD • 68min • 2019

25.11.2020

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 8
Klangqualität:
Klangqualität: 9
Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 8

Mit dieser Einspielung feiert das 2015 gegründete Bremer Barockorchester sein CD-Debut als Ensemble – und die Musiker gehen es ambitioniert an, indem sie ihre Premiere Johann Sebastian Bach widmen. „Bach to the Roots‟ steht als Titel über der Auswahl von Musik, die das konzertante Schaffen J. S. Bachs in repräsentativer Vielfalt mit drei Stücken vorführt: das fünfte Brandenburgische Konzert in D-Dur BWV 1050, die zweite Orchestersuite in h-Moll BWV 1067 und die aus dem Cembalokonzert BWV 1052 rekonstruierte Urform eines Violinkonzerts in d-Moll BWV 1052R.

Bach in konzertanter Mannigfaltigkeit

Was – als breites Spektrum der konzertanten Musik J. S. Bachs – hier zu hören ist, folgt nach eigenem Eingeständnis den neuesten Forschungserkenntnissen des Musizierens auf „historischen Instrumenten“ – sozusagen ein Bach des 21. Jahrhunderts: „Wir möchten dem Zuhörer ein erneuertes Bild präsentieren, damit er sich gewissermaßen von den konventionellen Interpretationsstilen lösen kann, die unbewusst die Vorstellungen der neuen Generation von Musikern und Publikum im jedwedem Winkel des Planeten ausmachen“, so formuliert Néstor Fabián Cortés Garzón, Leiter des Bremer Barockorchesters, die Ziele seines Ensembles. Ein hoher Anspruch, der unter den „konventionellen Interpretationsstilen“ wohl auch die Interpretationen der historisch informierten Interpretationspraxis, die seit 50 Jahren die Interpretation der Barockmusik geprägt haben, versteht. Man möchte sich also mit seinem musikalischen Ansatz nicht nur vom überkommenen Stil des Konzertsaals, wie er noch Ende der 1970er Jahre Karajans Interpretationen der Brandenburgischen Konzerte mit den Berliner Philharmonikern prägte, absetzen, sondern will auch gegenüber Einspielungen der Großväter und Väter der historisch informierten Aufführungspraxis wie Christopher Hogwood, Sigiswald Kuijken und Andrew Parrott mit ihren jeweiligen Orchestern ein eigenes Profil gewinnen.

Neue Wege – eigene Wege

Schon im fünften Brandenburgischen Konzert zeigt das lediglich fünf Jahre alte Ensemble Mut zum Eigenprofil, ohne die Partitur in eine dem Interpreten genehme Richtung zu zwingen: Die Sammlung der Brandenburgischen Konzerte sind ja ein jedes für sich eine Adaption – durch Bachs kompositorische Phantasie überaus formvollendet und eigenständig – der in Deutschland zu Beginn des 18. Jahrhunderts noch durchaus neuartigen Form des italienischen Concerto grosso: Concerts avec plusieurs Instruments nennt Bach das Genre selbst in seiner kalligraphierten Widmungspartitur an den Markgrafen Christian Ludwig zu Brandenburg-Schwedt. Im Vergleich klingen die ein Vierteljahrhundert ältere Aufnahme von Philip Picket mit seinem New London Consort und auch die erst 10 Jahre alte Aufnahme von Sigiswald Kuijkens La Petite Bande eleganter und weniger muskulös musiziert; der Elan von sowohl Picketts wie Kuijkens Einspielungen lässt deutlich mehr Eleganz und Geschmeidigkeit hören als diese Neuaufnahme – bei aller instrumentalen Perfektion der Bremer Musiker ein fühlbares Manko gegen die britischen wie belgischen Kollegen.

Ähnliches lässt sich auch über die Wiedergabe der zweiten Orchestersuite in h-Moll BWV 1067 sagen – in diesem Fall stehen Vergleichsaufnahmen der Petite Bande unter Sigiswald Kuijken und des Boston Early Music Festival Orchestra unter Andrew Parrott zur Verfügung. Wieder zeigt das junge Bremer Ensemble Eigenprofil: Insbesondere in den Sätzen Bourée I/II und in der abschließenden Badinerie lässt es der Fantasie die Zügel schießen und kommt zu mitreißenden Resultaten, die Bachs Musik seiner frühen 30er Jahre eine kaum vorher bekannte Verve verleihen, ohne sie ihrer originalen Klanggestalt zu berauben. Eine spannende Alternative zu den bislang vertrauten Klangformen, die dennoch keine Vergewaltigung des vertrauten Klangbildes darstellt.

Rekonstrukt eines Violinkonzerts

Am Ende des Programms steht die Wiedergabe des Violinkonzerts BWV in d-Moll 1052R nach dem Cembalokonzert BWV 1052, das bekanntermaßen eine Neufassung eines ursprünglichen Violinkonzerts ist. Néstor Fabián Cortés Garzón, Leiter des Bremer Barockorchesters, hat eine eigene Rekonstruktion dieses Konzerts aus den ursprünglichen Quellen vorgenommen, was ihm zur Ehre anzurechnen ist. Die Ausführung seiner Rekonstruktion gelingt seinen Musikern überzeugend – allerdings gibt es unter den Videos der Niederländischen Bach-Vereinigung eine Einspielung einer entsprechenden Rekonstruktion mit dem Solisten Shunske Satoh, die seit einiger Zeit zu den Lieblingsaufnahmen des Rezensenten dieser CD gehört. Also – nix für ungut: Die hier vorliegende Einspielung ist phantasievoll und schön, kommt aber an Shunske Satos Aufnahme nicht heran.

Vergleichsaufnahmen: BWV 1050: New London Consort, Philip Pickett, download: Dec 4406752 (AD: 1993)

BWV 1050 & BWV 1067: La Petite Bande, Sigiswald Kuijken (Leitung), (8 CDs: ACC24365) (AD: BWV 1050: 2009 – BWV 1067: 2012)

BWV 1067: Boston Early Music Festival Orchestra, Andrew Parrott (Leitung), 2 CDs: Erato/Virgin Veritas 9125562 (AD: 1999)

BWV 1052R: Shunske Sato, Netherlands Bach Society, (https://www.youtube.com/watch?v=bZFOhkGGr8A)

[25.11.2020]

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Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.Komponist/Werkhh:mm:ss
CD/SACD 1
Johann Sebastian Bach
1Orchestersuite Nr. 2 h-Moll BWV 1067 00:26:07
8Brandenburgisches Konzert Nr. 5 D-Dur BWV 1050 00:20:50
11Konzert d-Moll BWV 1052R für Violine, Streicher und basso continuo 00:20:40

Interpreten der Einspielung

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