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CD/SACD stereo/surround-Besprechung

Luciano Berio

Coro • Cries of London

BIS 2391

1 CD/SACD stereo/surround • 73min • 2018, 2019

22.04.2020

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 10
Klangqualität:
Klangqualität: 10
Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 10

Klassik Heute
Empfehlung

Das Schaffen von Luciano Berio (1925-2003) war immer politisch, wenn auch nie mit dem erhobenen Zeigefinger etwa seines Landsmanns Luigi Nono. Vielleicht sein beeindruckendstes Werk überhaupt ist Coro – 1976 für Donaueschingen komponiert und ein Jahr später leicht erweitert. Das Stück für 40 Sänger und 44 Instrumentalisten verlangt eine exakt festgelegte, gemischte Sitzordnung, so dass meist einem Sänger ein bestimmtes Instrument zugeordnet ist, und sich diese bereits lokal sehr kommunikative Paarung – oft als echtes Duo, nicht etwa colla parte wie beim Sextett des brennenden Dornbuschs in Schönbergs Moses und Aron – während des einstündigen Werks dann bis ins Tutti erweitert. So geht die Behandlung des Chores von solistisch tätigen Einzelstimmen über Ensemblegruppen bis hin zur oft in gewaltigen Clustern ausbrechenden Klangtotalen, insbesondere bei den vielmals eingestreuten Zeilen Venid a ver… („Komm zu sehen das Blut auf den Straßen“) des chilenischen Dichters Pablo Neruda.

Individuelle Bedürfnisse kontra kollektive Machtlosigkeit

War die bekanntere Sinfonia irgendwo eine augenzwinkernde, intellektuelle Spielerei (unter Einbeziehung eines Vokaloktetts), erweist sich Coro als Bekenntniswerk von existenzieller Kraft. Spiegeln die oft zunächst solistisch vorgetragenen, kunstvoll überhöhten Volksmusikmaterialien den zutiefst menschlichen Drang nach Freiheit und der Erfüllung elementarer Bedürfnisse wider, so brechen mit dem Neruda-Gedicht Gewalten herein, denen das Individuum anscheinend kaum etwas entgegensetzen kann. Das ist brillant komponiert, hochpolitisch, und entfesselt eine Klanglichkeit, die unmittelbar körperlich und fast rituell wirkt. Wie Ligeti bedient sich Berio komplexer kontrapunktischer Modelle, die ursprünglich aus Afrika stammen. Grete Pedersen – sie studierte u.a. beim großen Eric Ericson – gelingt hier mit ihrem Norske Solistkor und dem Norwegischen Rundfunkorchester eine echte Meisterleistung. Die in den 31 Abschnitten von Coro stets wechselnde Klangmischung wird immer überzeugend umgesetzt, durchdacht und durchsichtig. Gleichzeitig gerät die Gesamtanlage als große Steigerungswelle nie aus dem Fokus und hält den Hörer in ständiger Hochspannung. Dazu schlägt die Aufnahmetechnik alle bisherigen Einspielungen des Stückes: Segerstams Mitschnitt aus Salzburg ist – technisch – eine Zumutung. Lucas Vis‘ Dirigat erscheint episodenhaft, dabei erschreckend langweilig, so dass Berios eigene Kölner Produktion bisher zu Recht als Referenz bestehen konnte. BIS erreicht eine überragende Plastizität und räumliche Abbildung; und trotz reichlich – hinzugefügten? – Halls leidet die ausgezeichnete Textverständlichkeit nie; dies setzt neue Maßstäbe.

Cries of London – ursprünglich für die King’s Singers

Dagegen ist Cries of London eher leichte Kost. Ursprünglich für das Vokalsextett der King’s Singers geschrieben, erfüllt die zur Achtstimmigkeit erweiterte Fassung (1975) alle Ansprüche an witzige, zugleich höchst anspruchsvolle A-Cappella-Musik, die an alte Madrigalstile anknüpft. Wir hören ein städtisches Ambiente, wo Händler ihre Waren feilbieten – unterhaltsam, aber dennoch intelligent ausgearbeitet. Auch hier zeigen die norwegischen Vokalisten, dass sie zur absoluten Weltklasse gehören. Die gesamte CD ist so eine reine Freude – und schön, dass mal alle vokal-instrumentalen Paarungen von Coro im Booklet aufgeführt sind. Klare Empfehlung!

Vergleichsaufnahmen (Coro): ORF-Chor & Symphonieorchester, Leif Segerstam (Orfeo C 626 041 B, 1977); Kölner Rundfunkchor & Sinfonieorchester, Luciano Berio (DG 423 902-2, 1979); Chor des BR, RSO Frankfurt, Lucas Vis (col legno WWE 1CD 20038, 1998).

Martin Blaumeiser [22.04.2020]

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Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.Komponist/Werkhh:mm:ss
CD/SACD 1
Luciano Berio
1Coro für Stimmen und Instrumente (u.a. mi Liedtexten der Sioux, aus Polynesien, Peru, Kroatien, Venedig, Chile und mit Versen von Pablo Neruda) 00:58:16
32Cries of London 00:14:05

Interpreten der Einspielung

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