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CD-Besprechung

Jacques Offenbach

Musique symphonique et ballets d'Orphée aux Enfers

cpo 555 301-2

1 CD • 70min • 2019

30.09.2019

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 8
Klangqualität:
Klangqualität: 8
Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 9

Das Label cpo machts möglich – und wartet wieder mit einer Novität auf; denn durch die wechselvolle Geschichte des Offenbachschen Welterfolges Orphée aux Enfers, der die Operette als Gegen-Oper, als ‚leichte Oper‘ für alle Stände begründete, ist immer neue Musik je nach Bedarf der Aufführungssituation entstanden. Es sind vornehmlich vielteilige Ballettmusiken, mit denen Offenbach den ‚Ur-Orpheus‘ von 1858 anreicherte, als er 1873/74 das groß dimensionierte Théatre Gaité übernahm, wo nun Bühnenspektakel und Ausstattung triumphieren konnten, weil ein kriegsgeschütteltes Publikum nach dem Krieg 1870/71 „die Flucht aus dem Alltag“ suchte – aus der zweiaktigen ‚opéra bouffon‘ wurde in umfassender Revision ein vieraktiges Prachtstück als ‚opéra-bouffon-féerie‘ mit allem Aussenglanz inklusiv grandioser Ouvertüre. Peter Hawig hat im ausführlichen Begleittext zu dieser Edition die damaligen Verhältnisse bestens erklärt und vermittelt.

Wir vergessen oft, dass diese Musik nicht nur ist, was sie ist; sondern: dass sie per se eine kritische Musik ist, die der ‚Grand Opera‘ und ihrem Publikum den Rang ablief. Denn sie hatte eines: Humor. Und sie wagte, mit diesem Humor die klassischen Gattungen zu hinterfragen, nicht nur als gesellschaftliches Ereignis, das die Klassen übersprang, sondern auch die Vergnügungen der Reichen mit ihren erhabenen Stoffen persiflierte: der Orpheus gab die Initialzündung zu einer dergestalt politischen Musik. Und: ihre Offenbachsche Ausprägung war eben nicht nur platt-komisch, sondern in fast gefährlicher Weise doppelbödig. Bis ins Tödliche – was an Hoffmanns Erzählungen, dem Spätwerk Offenbachs, über dem er starb, schließlich perfekt deutlich werden wird.

Nun hat uns der englische Dirigent Howard Griffith mit dem Deutschen Symphonie Orchester Berlin in überzeugender Realisation diese Musik zugänglich gemacht, insbesondere eine umfängliche nachkomponierte Ballett-Einlage aufgrund der sogenannten ‚Keck-Edition‘: Jean-Christoph Keck hatte das „unkorrumpierte Notenmaterial“ in Gestalt der Ballettmusik L’Atlantide aufgefunden, eine Ballett-Persiflage auf erhaben-mythologischen Figuren, die in Neptuns Reich versetzt werden, wodurch – wie Peter Hawig es treffend nennt – Offenbachs Orpheus gar „zu einer Art Welttheater“ wird.

Griffith, mit bewährter Kunst und viel Enthusiasmus, will uns den Symphoniker Offenbach schenken. Nur: so klangfreudig und schmissig der Maestro mit Entdeckerlust auch musiziert – Offenbach fällt aus seinem Genre: er ist kein Symphoniker und seine Musik wirkt jenseits der Ouvertüren ohne Bühne, ohne Augen, ohne Stimmen, ohne anwesende Menschen schlichtweg eindimensional, selbst wenn Griffith alles tut, ihre Details auszukosten und zu beleben. Natürlich blitzt immer wieder in den vielerlei Ballett-Sätzen Offenbachs kritischer Geist auf, aber eben kaum je die Signatur dieses Meisters: jener, so Carl Dahlhaus, „ins Unheimliche umkippende Operettenton“, der sich zumeist eben erst handlungsbedingt in Relation zu Sinn und Situation auf der Bühne einstellt. Und so bleibt die schöne Aufnahme ein freudiges, aber leicht entfremdetes Supplement. Nein: das liegt nicht wirklich an der redlichen Interpretation, sondern in der Natur der Offenbachschen Sache, von der Dahlhaus so schön sagt: „Hinter der Musik, die man wahrnimmt, scheint sich eine zweite aufzutun, die ins Bodenlose führt“. Die neue cpo-Produktion aber muss situationsbedingt auf dem Boden bleiben.

Georg-Albrecht Eckle [30.09.2019]

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Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.Komponist/Werkhh:mm:ss
CD/SACD 1
Jacques Offenbach
1Orpheus in der Unterwelt 00:09:33
2Le Royaume de Neptune (L' Atlantide, Ballett) 00:31:56
13Ballet Pastoral 00:10:11
17Divertissement des songes et des heures 00:08:55
24Ouvertüre (from: Orpheus in der Unterwelt) 00:09:21

Interpreten der Einspielung

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