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CD/SACD stereo/surround-Besprechung

Jón Leifs

Edda II

BIS 2420

1 CD/SACD stereo/surround • 65min • 2018

17.08.2019

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 8
Klangqualität:
Klangqualität: 10
Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 9

Jón Leifs (1899-1970) war Islands bedeutendster Komponist. Seine Musik wird außerhalb seiner Heimat, wo sie zu seinen Lebzeiten und auch noch lange nach seinem Tod total vernachlässigt wurde, bis heute nur sehr selten gespielt, und wenn, dann meistens eines der sehr wirkungsstarken kürzeren Orchesterstücke wie der späte Geysir, dessen übermächtiger Wirkung sich eigentlich niemand entziehen kann. Die als Tetralogie geplante Vertonung ausgewählter Strophen aus der im Mittelalter aufgezeichneten Edda, natürlich in alt-isländischer Sprache, ist Jón Leifs’ Hauptwerk (und mit der Saga-Symphonie und dem ebenfalls dem Edda-Stoff entnommenen Baldr-Oratorium, das einst vom Pionier Paul Zukofsky exzellent aufgenommen wurde [erhältlich bei cpo] gibt es durchaus zwei weitere Kompositionen, die nicht weniger ‚magnum opus‘-Charakter haben, aber eben für sich alleine stehen). Von den beabsichtigten vier Teilen hat er zwei vollendet, während des dritten (Vertonung der Götterdämmerung und seine radikalste Schöpfung) holte ihn aller kreativen Rastlosigkeit zum Trotz der Tod ein, der vierte (Auferstehung) liegt nur als Libretto vor. BIS hat vor vielen Jahren die Ersteinspielung des ersten Teils (Die Erschaffung der Welt) vorgelegt. Nun wurde im vergangenen Jahr in Reykjavík der zweite Teil, Das Leben der Götter, uraufgeführt und gleich darauf im April 2018 mit dem Produzenten Ingo Petry von den phänomenalen Tontechnikern Hans Kipfer und Matthias Spitzbarth in der Harpa Konzerthalle aufgenommen. Hermann Bäumer leitet die Reykjavíker Schola Cantorum und das Iceland Symphony Orchestra in diesem klanglich gigantischen, 65minütigen Opus mit durchaus beeindruckender technischer Sicherheit, auch die Solisten Hanna Dóra Sturludóttir (Mezzosopran), Elmar Gilbertsson (Tenor) und Kristinn Sigmundsson (Bass) agieren mit eindrucksvoller Leuchtkraft im verwegenen Werk ihres großen Landsmanns.

Das Leben der Götter besteht aus fünf in sich geschlossenen Abschnitten: ‚Odin‘ (der Vatergott, 19 Minuten), ‚Söhne Odins‘ (10 Minuten), ‚die Göttinnen‘ (20 Minuten), ‚Walküren‘ (3 Minuten), ‚Nornen‘ (5 Minuten) und ‚Krieger‘ (7 Minuten). Unter diesen ist die Darstellung der Göttinnen das insgesamt berührendste Tableau, auch gerade, weil es hier nicht fortwährend blitzt und kracht und das langsamere Tempo die auseinanderstrebenden Harmonien fasslicher erscheinen lässt, und die ‚Nornen‘ sind in ihrer Unheimlichkeit das modernste, mysteriöseste. Die Tonsprache von Jón Leifs, vor allem hier in seiner letzten Phase (Edda II wurde erst 1966 vollendet), ist dadurch gekennzeichnet, dass die vertikale Harmonik meistens reine Dreiklänge in Grundstellung verwendet, was eine immense Strahlkraft des Einzelklangs in jeder Dynamik zur Folge hat, und dass die horizontale Harmonik sofort in die Enharmonik geht, indem sie überwiegend Ganztonschritte verwendet, was uns stets sofort an die Grenzen des Fasslichen und darüber hinaus katapultiert – dadurch das gemeißelte Nebeneinanderstehen der Klangsäulen. So konsequent kontrapunktbefreit zeigt diese Musik eine gewisse Verwandtschaft zum etwas jüngeren Olivier Messiaen, ist allerdings gerade im Spätwerk vergleichsweise viel radikaler. Es ist unverständlich, warum Jón Leifs bis heute nicht als kühner Avantgardist wahrgenommen und auf den entsprechenden Festivals gespielt wird (da dort oft viel Geld im Spiel ist, würde man gerade auch seine groß besetzten Werke viel öfter hören, und sie würden die Landschaft des selbstdeklarierten Fortschritts in erfrischender Weise ‚aufmischen‘, was übrigens auch für die hyperkomplex gebauten Werke des noch früher geborenen Parsi-Engländers Kaikhosru Shapurji Sorabji gilt). An die Aufführenden, insbesondere an die Sänger, stellt diese Musik durchaus imponierende Anforderungen, denn sie verlangt eine sehr sichere Intonation jenseits melodischer Kontinuität, denn bei Jón Leifs ist das Melodische nur eine Folge des harmonischen Systems und spielt keine tragende oder gar zusammenhängende Rolle. Seine Musik spricht eine zutiefst sich selbst verpflichtete, authentische und aufrichtige Sprache, und wer sich ihr hingibt, entdeckt darin eine Welt, die anders ist als alles, was die Welt sonst zu bieten hat. Eine zeitlose Modernität, die Elemente archaisch wirkenden, wahrhaft eisig nordischen Ausdrucks beinhaltet. BIS hat sich unschätzbare Verdienste mit der Jón-Leifs-Serie erworben, die hiermit bei Folge 13 angelangt ist. Nun sollte natürlich baldmöglichst die unvollendet gebliebene Edda III in Angriff genommen – also uraufgeführt und aufgenommen – werden, das klanglich gewaltigste Werk seiner Zeit und gewiss heute, ein halbes Jahrhundert nach seiner Entstehung, nicht weniger respektgebietend.

Christoph Schlüren [17.08.2019]

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Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.Komponist/Werkhh:mm:ss
CD/SACD 1
Jon Leifs
1Edda (Part 2: The Lives of the Gods) op. 42 (Oratorium in 6 Teilen) 01:15:10

Interpreten der Einspielung

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