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CD-Besprechung

ex oriente

music by G.I. Gurdjieff

ex oriente

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 10

Klangqualität:
Klangqualität: 10

Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 10

Besprechung: 24.07.19

Klassik Heute
Empfehlung

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BIS 2435

1 CD • 56min • 2017, 2018

Der Musik von George Ivanovitch Gurdjieff (1866-1949) eilt der Ruf des Mystischen, Transzendenten voraus. Kein Wunder, war der Kaukasier doch einer der bedeutendsten spirituellen Meister des vergangenen Jahrhunderts, dessen Bücher ‚Beelzebubs Erzählungen für seinen Enkel‘ und ‚Meetings with Remarkable Men‘ (letzteres eine allegorische Autobiographie) zum Kernbestand der mystischen Literatur jener Epoche gehören, in welche auch der Umbruch der Künste in die Epoche der ‚Moderne‘ fällt. Hier nun setzte Gurdjieff musikalisch, tonsetzerisch unterstützt von seinem Schüler Thomas de Hartmann (1885-1956) – einem unter Taneyev und Arensky grundsolide ausgebildeten Komponisten der russischen Schule und Dirigierschüler Felix Mottls –, einen Kotrapunkt, der zum Mythos wurde. Der Hyperkomplexität der dissonanten ‚Nervenmusik‘ der Moderne stellte er eine ‚objektive Kunst‘ gegenüber, die harmonisch und auch rhythmisch ein Ideal grundsätzlicher Einfachheit durchführt, das vor allem an den weiten melodischen Linien, die stets diatonisch gestaltet sind, orientiert ist.

Nun ist es aber gar nicht so einfach, diese Einfachheit authentisch zu realisieren, ohne ins Belanglose und auch Statische zu verfallen. Wer ist in der Lage, die Melodie mit solch subtiler Spannkraft aufzuladen, dass sie über die ganze Strecke trägt – und dies ohne jegliche interpretatorischen Extravaganzen, Übertreibungen, die einen unerträglichen Widerspruch zur puren Natur dieser Musik bedeuten würden? Es ist nur wenigen gelungen. Selbst de Hartmanns eigene Aufnahmen (auf dem Klavier) leiden unter einer gewissen Monotonie, sie bestechen zwar mit ihrer absoluten Aufrichtigkeit, sind zugleich aber auch signifikant bezüglich seiner eigenen Schwächen als Komponist, wenn er in späteren Jahren losgelöst von Gurdjieff agierte (trotzdem ist es sehr lohnend, seine eigene Musik zu entdecken!). Auch bei Keith Jarrett geht die Auffassung ein wenig zu sehr ins Ästhetisierende, es fehlt an ursprünglicher Entfaltung der kadenzerenden Kräfte. Die anderen Pianisten, die zum Teil mit sehr umfangreichen Gurdjieff/de Hartmann-Anthologien hervorgetreten sind (bei Schott sind 4 Bände Klaviermusik im Erstdruck erschienen, wogegen die rein zu rituellen Zwecken für die Movements entstandenen Stücke bis heute nicht freigegeben sind), sind jedoch keineswegs überzeugender, auch wenn man keinem von ihnen die Ernsthaftigkeit der Auseinandersetzung absprechen kann. Es ist eben eine ganz besondere Herausforderung, das Einfachste überzeugend darzustellen (am wenigsten inspiriert sind übrigens die einzigen Aufnahmen der hochinteressanten Orchesterstücke durch das Amsterdamer Metropole Orchestra unter Jan Stulen, die bei Basta erschienen sind, wo man mit sämtlichen originalen Harmonium-Aufnahmen, die von Gurdjieff selbst überliefert sind, auch die hilfreichsten Dokumente für eine grundlegende musikalische Orientierung veröffentlicht hat).

Der in Brasilien geborene und in Neuseeland heimisch gewordene deutschstämmige Gitarrist Gunter Herbig hat mich bereits mit seinen Naxos-Aufnahmen neuseeländischer Werke, ganz besonders der herrlichen Musik von Douglas Lilburn und auch David Farquhar, in einer Weise bewegt, wie ich dies bei klassischer Gitarrenmusik nur ganz selten erlebt habe: erstaunlich weittragende melodische Gestaltung, intuitives Verständnis des harmonischen Verlaufs, alles atmet und eins entsteht in natürlicher Weise aus dem anderen. Kurzum, ein wunderbarer Musiker, der es nicht nötig hat, mit Äußerlichkeiten auf sich aufmerksam zu machen, sondern ganz im Dienst dessen wirkt und sich entfaltet, was er gerade spielt. Er ist schon lange von Gurdjieff fasziniert, sozusagen drei Jahrzehnte lang wie die Katze um den Brei geschlichen, doch keine klangliche Lösung befriedigte ihn. Und dann entdeckte er zu seiner Überraschung, dass die Lösung eine E-Gitarre ist, in diesem Fall war’s „eine Gretsch ‚White Falcon‘, die an einen Fender-Verstärker angeschlossen war“. Das Ergebnis ist hinreißend.

Kein Pianist ist dem Gurdjieff’schen Ideal so nahe gekommen wie Herbig mit dem neuentdeckten Ausdrucksmittel der Prog-Rock-Seventies, und plötzlich ist auch die frappierende Nähe zu Robert Fripp (King Crimson, Frippertronics) zu hören (der übrigens, via John Godolphin Bennett, ein Enkelschüler Gurdjieffs ist). Ja, manchmal muss man alle Konventionen hinter sich lassen und etwas tun, das höchst unwahrscheinlich erscheinen mag, und wird unvermutet zum Wegweiser im interpretatorischen Dunkel. Jeder der sich für Gurdjieffs Musik interessiert, sollte hier ohnehin zuhören, aber weit darüber hinaus ist dieses Album eine hohe Schule der Phrasierung, der artikulatorischen Freiheit jenseits aller Willkür, des Muts zu einer ganz neu angewendeten und in sich stimmigen klanglichen Ästhetik, die subtil die klanglichen Möglichkeiten der E-Gitarre ausnutzt (darunter herrliche Glissando- und Overlapping-Wirkungen).

ex oriente, endlich angekommen: die Originalmelodien der vorliegenden Stücke fand Gurdjieff lange vor der Notation durch de Hartmann (zu welcher es in den 1920er Jahren kam) auf seinen Reisen durch den Orient in der Levante, Türkei, Armenien, Iran, Afghanistan, Uzbekistan, Tibet usw. Drei der 13 Werke tragen den gleichlautenden Titel Sayyid Chant and Dance, drei entstammen dem legendären Bühnenstück ‚The Struggle of the Magicians‘, das transzendente Schlusstriptychon bilden: The Resurrection of Christ, Meditation und Reading from a Sacred Book. Auf dieser Reise kann der Hörer tatsächlich eine innere Verwandlung erfahren, wie sie Gurdjieff in seinen Schriften intendierte. Sehr schöner, informativer Booklettext von Gunter Herbig, grandiose aufnahmetechnische Realisierung durch Dick Le Fort in Hataitai, Wellington. Für mich das Album des ersten Halbjahres 2019.

Christoph Schlüren [24.07.2019]

Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.KomponistWerkhh:mm:ss
1 G. Gurdjieff Sayyid Chant et Danse 00:04:22
2 La Tourmente semble passée 00:04:22
3 Le Derviche Boukharien (Hadji-Assvatz-Trouv) 00:04:45
4 Prière 00:02:42
5 Sayyid Chant et Danse Nr. 42 00:06:48
6 Quand Gafar et Zeinab marche dans un état somnambulique 00:04:34
7 Sayyid Chant and Dance Nr. 29 00:05:08
8 Tibetanischer Tanz 00:02:10
9 Molto Lento e Liberamente 00:02:42
10 Fragment Nr. 4 (aus: The Struggle of the Magicians) 00:04:52
11 La Résurrection du Christ 00:03:16
12 Méditation 00:02:21
13 Lecture d'un livre sacré 00:07:58
 
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