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CD-Besprechung

Joël Bons

Nomaden

Joël Bons

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 10

Klangqualität:
Klangqualität: 10

Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 10

Besprechung: 20.04.19

Klassik Heute
Empfehlung

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BIS 2073

1 CD • 62min • 2016

Offen gestanden: ich mag keine Price Winner-Stücke, ich halte nichts von Mainstream-Kompromiss-Auszeichnungen. Und doch kommt es ungefähr alle Schaltjahre einmal vor, dass ein großes, wegweisendes Kunstwerk quasi versehentlich von einer Fachjury erkannt und entsprechend aufs Podest gehievt wird. So geschehen mit dem symphonisch konstruierten World Music-Mosaik Nomaden des 1952 geborenen Holländers Joël Bons, dem man die Ausbildung beim New Complexity-Papst Brian Ferneyhough nicht anhört: die Nomaden erhielten den aktuellen Grawemeyer Award, eine der weltweit angesehensten Auszeichnungen, zuerkannt, und nun ist auch gleich die vom Komponisten observierte Ersteinspielung des 2015-16 entstandenen, etwas über einstündigen und äußerst abwechslungsreichen und spannungsvollen Werkes für ‚Cello und interkulturelles Ensemble‘ erschienen. Es spielt das von Joël Bons selbst initiierte Atlas Ensemble unter Ed Spanjaard, Solist ist Jean-Guihen Queyras, der wieder einmal seine phänomenale instrumentale Klasse in allen Tonproduktions- und Ausdruckslagen unter Beweis stellt. Und das Ensemble ist auf entsprechend hohem Niveau – da die Orchestration hier Teil der Einzigartigkeit des Werkes ist, seien ausnahmsweise alle Mitwirkenden genannt: 1) die Bläser Harrie Starreveld (Shakuhachi, Flöte, Piccoloflöte), Ernest Rombout (Oboe, Englischhorn), Anna voor de Wind (Klarinette, Bassklarinette), Raphaela Danksagmüller (Duduk, Altblockflöte), Naomi Sato (Sho) und Wu Wei (Sheng); 2) die Schlagzeuger Laurent Warnier, Gorka Catediano und Pasha Karami ((Tombak); 3) die Zupfer Kiya Tabassian (Sitar) und Elcin Nagijev (Tar); 4) die Streicher Zhao Yuanchun (Erhu), Elshan Mansurov (Kamancha), Angel Gimeno (Violine), Neva Özgen (Kemençe), Max Knigge (Viola), Dhruba Gosh (Sarangi) und Dario Calderone (Kontrabass). Was für ein Spektrum. Beim ersten Hören dachte ich noch, ein größerer Anteil der Musik sei improvisiert, doch in der Partitur ist klar zu ersehen, dass die improvisierten Stimmen in ein meist streng durchnotiertes Geflecht eingebettet sind, um ganz ihrem idiomatischen Charakter frönen zu können und vor allem allzu komplizierte mikrotonale und rhythmisch irreguläre Bildungen nicht in einer unsinnig komplexen, jegliche Spontaneität verhindernden Weise festlegen zu müssen. Nun, hier kann man unmittelbar erfahren, dass dieses Vorgehen das Risiko wert ist, und es ist – ähnlich etwa wie bei Olivier Greifs Aufführungen seiner Klaviermusik, die Wesentliches hinzufügen, das die Möglichkeiten der Notation zu übersteigen droht – ein großes Glück, dass für künftige Aufführungen neben der Partitur jetzt auch diese Pilotaufnahme zum Studium verfügbar ist.

Bons läutet mit seinem Werk nichts weniger als eine neue Ära des Komponierens ein, er erfüllt den einstigen Pionieren des ‚West Meets East‘ postum einen Traum, an dem schon in den 1930er Jahren in Delhi der große John Foulds (1880-1939) mit seinem Indo-European Orchestra gearbeitet hat: an der echten Begegnung der Kulturen auf authentischen Instrumenten auf höchstem instrumentalen Level (was nicht im Geringsten die unübertrefflichen Verdienste von Komponisten wie Foulds, Chou Wen-Chung, Toru Takemitsu, Chinary Ung, Jean-Louis Florentz oder Peter Michael Hamel schmälert, die weit überwiegend aufs rein europäische Instrumentarium gestützt ihre Visionen einer interkulturell befruchteten Musik verwirklichten und verwirklichen). Und es kommen hier – neben dem Cello-Protagonisten – auch alle beteiligten Instrumente essenziell zur Aussprache, und eben gerade auch diejenigen, die wir in der westlichen Welt als Exoten empfinden, denn außer Europa sind hier Anatolien, Armenien, Aserbaidschan, Iran, Indien, China und Japan vertreten, und jede Stimme tritt in einen Dialog bzw. in ein polyphones Wechselspiel mit den anderen Kulturen ein – das Wunder dabei ist, dass jede Stimme ihre Einzigartigkeit behält und zugleich alle Beteiligten die Grenzen des einander Fremdartigen transzendieren und zu einem organischen Zusammenwirken finden, einen höheren Organismus bilden, der sich auch in der bei allen extremen Kontrasten geglückten schlüssigen musikalischen Gesamtgestalt hinreißend niederschlägt: Es gibt eben auch sinnhafte Reprisen, und am Ende haben wir alle zusammen eine lange, märchenhafte Reise gemacht und ein Ziel erreicht, das nichts weniger als eine zärtlich umschlungene Liebeserklärung in Tönen ist. Wer von diesem Schluss nicht äußerst empfindsam berührt wird, muss schon ein armseliger Geselle sein! Dazwischen gibt es einerseits hinreißende kollektive Tanzspiele kleinasiatischer und indischer Provenienz, aber auch einen ganz außergewöhnlichen Salsa (um wenigstens einmal den Planeten ganz zu umrunden auf dieser weitgefächerten Wegstrecke), andererseits erhebend naturhafte Momente am Rande der Stille, bezirzend Atmosphärisches zwischen Notierbarem und absolut Unfixierbarem, zauberhafte Soli und Duette, eine schier unendliche Vielfalt, und es ist die singuläre Leistung des Komponisten, all dies auf den gemeinsamen Nenner einer klar korrelierten, niemals stagnierenden, aber eben auch niemals sich ganz im Detailcharakter des Moments verlierenden Entwicklung gebracht zu haben; und des großartigen Ensembles, das in meist geradezu blind funktionierendem Einverständnis zusammenwirkt. Ich vermisse in dieser Musik – gar nichts. Das betrifft auch die alles klar abbildende und sehr realistisch anmutende Klangregie (Tontechniker Guido Tichelman und der Komponist als Produzent), und stimmigerweise zeichnet für den klugen Booklettext das Atlas Ensemble als Ganzes verantwortlich – symbolisch für diese einmalige Unternehmung, der man – ausnahmsweise – viele Nachahmer wünschen möchte. Und vor allem Auftritte mit diesem Werk auf den Festivals auch im deutschsprachigen Raum, wo man normalerweise – trotz Pijper, Vermeulen, Escher, Keuris – nicht einmal ahnt, dass es, seit der vielgepriesenen Renaissancepolyphonie, in Holland überhaupt Komponisten gibt. Und dann auch noch solch’ einen weltenvereinenden Revolutionär, der neue Musik schreibt, die jeder noch so unbedarfte Hörer unmittelbar ‚verstehen‘ kann, und jeder echte Kenner sofort als Trouvaille erkennen muss. Wie gesagt: ein Wunder, hiermit jedem aufgeschlossenen Hörer vorbehaltlos empfohlen.

Christoph Schlüren [20.04.2019]

Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.KomponistWerkhh:mm:ss
1 J. Bons Nomaden für Violoncello und großes Ensemble 01:01:35

Interpreten der Einspielung

Interpret(en)Besetzung
Jean-Guihen Queyras Violoncello
Atlas Ensemble Ensemble
Ed Spanjaard Dirigent
 
2073;7318599920733

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