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CD-Besprechung

Hugo Schuler

Goldberg+

aldilá ARCD 007

2 CD • 2h 36min • 2015

24.05.2018

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 10
Klangqualität:
Klangqualität: 10
Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 10

Klassik Heute
Empfehlung

Der argentinische Pianist Hugo Schuler präsentiert sich auf dieser ansprechend schlicht aufgemachten Doppel-CD als ein hochgebildeter Musiker, ein Musicus doctus, dessen Interpretationen gerade darum fesseln, weil sie von einer intensiven Beschäftigung mit der musikalischen Struktur zeugen und die kompositorische Beschaffenheit der Stücke deutlich werden lassen. Das Programm gliedert sich in zwei Abteilungen und kreist um das Schaffen Johann Sebastian Bachs: Eine Scheibe enthält die Goldberg-Variationen, die andere stellt, vier Jahrhunderte abendländischer Musikgeschichte überspannend, drei Präludien und Fugen aus dem Wohltemperierten Clavier (I es-Moll und b-Moll, II gis-Moll) einer Toccata von Johann Jacob Froberger (+1667) und Klavierkompositionen von Heinrich Kaminski (*1886) und Reinhard Schwarz-Schilling (*1904) gegenüber. Sie wirkt wie ein musikalisches Familienalbum. Bei allen stilistischen Unterschieden zwischen den vier Komponisten überwiegt doch der Eindruck des Gemeinsamen: Alle Werke auf dieser CD sind geprägt von kontrapunktischem Satz und dem Wechselspiel der tonalen Spannungsverhältnisse innerhalb der melodischen Linien wie zwischen den einzelnen Stimmen. Sie zeigen, wie eine Tradition zu verschiedenen Zeiten auf immer wieder neue Weise belebt worden ist. Sympathisch berührt, dass Schuler selbst im Einführungstext ein Beispiel dieser Gemeinsamkeit analytisch aufzeigt.

Diese Verbindungen über die Zeiten bedeuten für den Pianisten jedoch keine Lizenz, sein Programm gleichförmig zu interpretieren. Im Gegenteil: Schuler schafft jedem Komponisten eine eigene Klangwelt. So lässt er in den fugierten Abschnitten der Froberger-Toccata sein Instrument wie eine frühbarocke Orgel klingen. Sein Bach-Spiel evoziert durch konsequentes Nonlegato und Vermeidung dynamischer Extreme den Klang eines Cembalos, bis hin zur Imitation von Registerzügen, ohne dass auf Feinabstufungen verzichtet würde, wie sie das Klavier ermöglicht. Dabei kultiviert Schuler einen Anschlag, der die polyphone Gestaltung der Musik hörbar werden lässt. Die einzelnen Töne erscheinen bei ihm als Teil einer Stimme, die im Verhältnis zu anderen Stimmen steht. Wechsel der Lautstärke dienen, wie auch dezent eingesetzte Rubati, stets dazu, die Strukturen des Tonsatzes zu kennzeichnen, was besonders gut in der es-Moll-Fuge zu hören ist. In den Goldberg-Variationen zeigt sich, wie Schulers selbstgewählte klangliche Beschränkung zu einem besonders starken Hervortreten wichtiger Details führt. Bachs Kunst, mittels des Kontrapunktes profilierte musikalische Charaktere zu erschaffen, erfährt hier eine adäquate Interpretation. Dass Schuler es mit den Verzierungen mitunter recht frei hält, fällt deshalb auch nicht störend auf, auch nicht, dass er in den sehr langsam genommenen Variationen 15, 21 und 25 auf die Wiederholungen verzichtet.

Obwohl in den letzten Jahren mehrere CDs mit Werken Kaminskis und seines Schülers Schwarz-Schillings vorgelegt wurden, sind diese hervorragenden Komponisten diskographisch immer noch ungenügend erschlossen. Allein schon deswegen muss man Hugo Schuler dankbar dafür sein, dass er sich ausgewählter Klavierstücke beider Meister angenommen hat. Die Qualität seiner Darbietungen erhöht die Freude noch beträchtlich. Für diese Musik wählt Schuler einen anderen Ansatz der klanglichen Gestaltung, denn trotz aller Bach-Verehrung ihrer Komponisten geht sie von den mannigfach differenzierten Möglichkeiten der Klangerzeugung aus, wie sie das frühe 20. Jahrhundert bot. Hier darf das Klavier in seiner ganzen Pracht strahlen. Man höre etwa, wie Schuler im Finalsatz der Sonate Schwarz-Schillings den Kontrast zwischen kristallin glitzernden Klängen in den höchsten Lagen und dunkel grollenden Bässen herausarbeitet! In den Stücken Kaminskis, die schon durch ihre Titel (Präludium und Fuge, Präludium und Sarabande) auf barocke Vorbilder verweisen, baut der Pianist den Bach-Bezug auch interpretatorisch ein: Je näher Kaminski Bach kommt (vor allem in den Präludien), desto ähnlicher lässt Schuler ihn danach klingen, je weiter er sich von ihm entfernt, desto orchestraler mutet der Klavierklang an. Die für Kaminski wie für Schwarz-Schilling charakteristische freie Tempogestaltung, die gegen die „Diktatur des Taktstrichs“ (Kaminski) aufbegehrt und den Werken einen improvisatorischen Zug verleiht, liegt gleichfalls bei Schuler in guten Händen. Die vielen Umschwünge wirken erfrischend spontan und nie gewaltsam. Die Musik schwingt sich in breiten Bögen aus.

An der Produktion zu tadeln wären lediglich die zu kurzen Pausen zwischen den Stücken der ersten CD, ansonsten möchte ich sagen: Hugo Schuler hat mit diesem Album ein musikalisches Schatzkästchen vorgelegt, das auf zukünftige Aufnahmen dieses Pianisten neugierig macht. Ein komplettes Wohltemperiertes Clavier von ihm wäre ebenso erfreulich wie weitere Froberger-Einspielungen. Und gewiss wäre er der rechte Mann, die Klavierkonzerte Heinrich Kaminskis und Heinz Schuberts wieder erklingen zu lassen.

Norbert Florian Schuck [24.05.2018]

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Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.Komponist/Werkhh:mm:ss
CD/SACD 1
Johann Jakob Froberger
1Toccata Nr. 3 G-Dur FbWV 103 00:03:16
Johann Sebastian Bach
2Präludium und Fuge Nr. 22 b-Moll BWV 867 (aus: Das Wohltemperierte Klavier Buch I BWV 846-869) 00:11:54
Reinhard Schwarz-Schilling
4Preludio cantando e Fuga 00:05:29
6Studie über B A C H 00:03:41
Johann Sebastian Bach
7Präludium und Fuge Nr. 8 es-Moll BWV 853 (aus: Das Wohltemperierte Klavier Buch I BWV 846-869) 00:11:18
Heinrich Kaminski
9Präludium & Fuge f-Moll (aus Klavierbuch III) 00:10:20
11Präludium & Sarabande d-Moll (aus Klavierbuch III) 00:09:30
Johann Sebastian Bach
13Präludium und Fuge Nr. 18 gis-Moll BWV 887 00:08:00
Reinhard Schwarz-Schilling
18Klaviersonate 00:13:51
CD/SACD 2
Johann Sebastian Bach
1Goldberg-Variationen BWV 988 01:18:32

Interpreten der Einspielung

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