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CD-Besprechung

John Pickard

Sixteen Sunrises • Symphony No. 5 • Concertante Variations

John Pickard

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 10

Klangqualität:
Klangqualität: 10

Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 10

Besprechung: 08.08.17

Klassik Heute
Empfehlung

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BIS 2261

1 CD/SACD stereo/surround • 63min • 2016

Dies ist die nunmehr vierte CD mit weitgehend groß besetzten Orchesterwerken von John Pickard bei BIS (darunter eine vorzügliche für Blasorchester), und es ist erfreulich, dass dieses audiophile Label, das sich früher überwiegend vernachlässigtem Repertoire widmete und in seinem Backkatalog unzählige Ersteinspielungen, teils innerhalb umfangreicher Anthologien vernachlässigter Meister, aufweist, dass dieses Label sich heute wenigstens – neben Kalevi Aho, der gerade seine 17. Symphonie vollendet hat – noch eines hochkarätigen Zeitgenossen annimmt, von dem in einigermaßener Regelmäßigkeit neue Veröffentlichungen zu erwarten sind.

Der Engländer John Pickard, Jahrgang 1963, ist einer der wenigen wirklich hochkarätigen Meister unserer Zeit, bei dem wir den Begriff ‚Symphonie’ dem hohen Gattungsanspruch entsprechend ernst nehmen dürfen. Sein Komponieren ist tatsächlich ‚symphonisch’ – im Gegensatz zu ‚episodisch’ aneinanderreihend –, also zusammenhängend verflochten und auf einen schlüssigen Gesamtzusammenhang ausgerichtet. Da er zugleich eigene, unabhängige Wege verfolgt und mit großer Kenntnis der instrumentalen Ressourcen seine reiche Klangppalette exploriert, ist das natürlich keine sichere Sache, sondern stets ein neues Abenteuer, bei dem ich besonders erfreulich finde, dass Pickard kein Chamäleon ist, das sich mit jedem neuen Werk komplett neu zu erfinden sucht, sondern durchaus einen sehr brillanten, kombinatorisch subtilen und bei aller Komplexität in den Details auch für den nicht spezialisierten Hörer einen narrativ mitvollziehbaren Bogen spannenden Personalstil pflegt, der zwar voller Überraschungen steckt – gerade auch hinsichtlich der angestoßenen Dynamik der Großform –, jedoch in seiner aufrichtigen Kontinuität wiedererkennbar ist. Mit anderen Worten: er erliegt nicht den Verführungen der Technik, über die er verfügt, und verzettelt sich nicht in stilistischen Collagen und Fusionen. Das Neue liegt im geistigen Aspekt, nicht in der Zurschaustellung des Materials.

Hauptwerk dieser Kompilation ist seine bisher letzte Symphonie, die 2014 entstandene und am 7. Juni 2016 von den hier agierenden Musikern in Cardiff uraufgeführte Fünfte Symphonie (seine Vierte, Gaia für Blasorchester, ist auf der Vorgänger-CD erschienen, und die ersten drei Symphonien – unter welchen die Dritte sicher besonders interessant sein dürfte – sind diskographisch noch unerschlossen). Die Fünfte Symphonie umspannt in einem einzigen, 32minütigen Satz in motivisch hochkonzentrierter Weise markante Gegensätzlichkeiten, und insbesondere hat Pickard hier größten Wert auf die gegenseitig sich befruchtenden Reflexionen unterschiedlicher, teils sehr schneller, teils breiter Tempoebenen gelegt, die sich gelegentlich sehr raffiniert durchdringen bzw. ‚unterspülen’ – dann kann die Frage entstehen: bin ich jetzt in einem geschwinden oder in einem getragenen Abschnitt, oder eben in beidem gleichzeitig? Ob sie als Ganzes wirklich organisch korrelierend funktioniert, kann ich noch nicht mit Gewissheit bestätigen, doch die durchgehende Spann- und Sogkraft und konstruktive und klangliche Phantasie ist garantiert.

Flankiert wird das Großwerk von zwei nicht weniger beeindruckenden, je knapp viertelstündigen Stücken: den Sixteen Sunrises für großes Orchester von 2013 und den 2011 entstandenen Concertante Variations mit dem Subtitel ‚Presteigne Concerto’ für Bläserquintett, Pauken und Streicher. Hier zeigen sich sehr unterschiedliche Qualitäten des Komponisten. Die Sixteen Sunrises sind ein formal gewagtes Unikum. Ausgehend von all den bekannten Sonnenaufgangsbeschreibungen der Orchesterliteratur, schlug Pickard einen ganz anderen Weg ein, indem er die Erde verlässt: und sich an Bord der ISS in den Orbit begibt, wo der Tag aufgrund der jeweils 90minütigen Erdumkreisungszyklen 16 Sonnenaufgänge beinhaltet, die sich jedes Mal in wenigen Sekunden abspielen. Tatsächlich geht hier alles sehr schnell, Licht und Schatten bilden eine rotierende Energieform, die den Hörer auf luzide Weise gefangen nimmt: das Klangmalerische im Zeitraffer! Und Pickard lässt im von ihm geschriebenen, ausgezeichneten Begleittext durchblicken, dass er sich nicht stoisch an der Zahl 16 festklammerte. Eine besondere Überraschung sind die wunderbar transparenten, auch melodisch sehr feinsinnig-kapriziösen Concertante Variations, in welchen sein wunderbares Handling vertrackter und dabei stets fasslicher Rhythmen und metrischer Verschiebungen besonders anschaulich zum Tragen kommt, Musik leidglich um der Musik willen, in klassisch lichter Klarheit und ohne psychologisierend narratives Drama. Als Zugabe gibt es Pickards stilbewusste, pure Schönheit manifestierende Adaption der Toccata aus Claudio Monteverdis Orfeo, womit er sich als würdiger Nachfolger der neueren italienischen Bearbeitungstradition um Giorgio Federico Ghedini ausweist. Die Aufführungen des BBC National Orchestra of Wales unter dem mit allen Wassern gewaschenen Martyn Brabbins sind brilliant, klar und makellos (in dieser klar strukturierten und vorzüglich gesetzten Musik kann man nichts verstecken!), und tontechnisch strahlkräftig, präzise und durchsichtig eingefangen.

Christoph Schlüren [08.08.2017]

Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.KomponistWerkhh:mm:ss
1 J. Pickard Sinfonie Nr. 5 00:31:56
5 Sixteen Sunrises 00:14:38
6 Concertante Variations 00:12:59
7 Toccata (Monteverdi - Transcription for ensemble after Claudio Monteverdi) 00:02:06

Interpreten der Einspielung

Interpret(en)Besetzung
BBC National Orchestra of Wales Orchester
Martyn Brabbins Dirigent
 
2261;7318599922614

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