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CD-Besprechung

Wanderer

Jamina Gerl

Wanderer

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 10

Klangqualität:
Klangqualität: 9

Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 10

Besprechung: 26.11.16

Klassik Heute
Empfehlung

TYXart TXA16082

1 CD • 73min • 2015

Wenn eine sehr fähige Pianistin wie die aus Bonn stammende Jamina Gerl nicht nur Schuberts Wanderer-Fantasie, sondern auch dessen initiales Wanderer-Lied in der Liszt-Bearbeitung spielt, dann liegt es nahe, ein CD-Programm unter dieses romantische Reizwort der fußläufigen Fortbewegung zu stellen. Auf dem Cover-Foto und auch in der ausführlichen Bildfolge des Begleitheftes ist die junge Künstlerin im Wald platziert und dort auch einsam des Weges – feenhaft in lockeres Weiß enthüllt, die Wanderschuhe längst zurückgelassen. Zu dieser Atmosphäre passen Liszt Konzertetüden Waldesrauschen und der Gnomenreigen. Bei den anderen Titeln von Schostakowitsch, Mendelssohn Bartholdy und Debussys wird man sich der Dehnbarkeit des Wanderer-Terminus bewusst, zumal es sich ja auch um einen rein literarisch oder auch landeskundlich zu deutenden Ausflug handelt.

Jamima Gerl startet in schottischem Gelände, denn gelegentlich wird Mendelssohns dreiteilige Fantasie op. 28 als „Schottische Sonate“ kartographiert. Wichtiger jedoch scheint mir, mit welch behendem und zugleich überlegtem Vortrieb die Pianistin die „agitato“-Wünsche des Komponisten in klanglich-motorische Erregung umsetzt. Ich habe das lange Zeit kaum beachtete Werk in den frühen 70er-Jahren in einer Aufnahme mit dem kanadischen Pianisten Anton Kuerti kennengelernt und damals wenig damit anfangen können (jetzt auf Doremi 3565274 erhältlich). Jamina Gerl indes leistet Erhebliches, um den schweifenden, wirbelnden Gedankenflügen Kontur und Durchsichtigkeit zu sichern – insgesamt also eine Darbietung von großer Anschaulichkeit, wenn man will: ein Einstieg in das „Wanderer“-Programm im hohen Tempo eines Geschwindmarsches.

Liszts Waldesrauschen gelingt ihr in ebenso prägnanter wie aquarellener Bildhaftigkeit. In den virtuosen Grenzbereichen des Gnomenreigen bleibt die frühe Cziffra-Dämonisierung unerreicht. Via Sowjetunion geht es dann nach Frankreich. Und hier bietet die zunächst an der Kölner Hochschule für Musik und Tanz ausgebildete Interpretin mit Chabriers spritziger Bourrée fantasque ein weiteres Beispiel griffiger, rhythmisch eloquenter, gleichsam sprudelnder Champagner-Pianistik. Weit belebter und belebender als die meisten der unten angegebenen Einspielungen (die auf je persönliche Weise prickelnden Aufnahmen mit Marcelle Meyer und Aldo Ciccolini ausgenommen).

Mit den drei „Venezianischen Gondelliedern“ aus Mendelssohns Liedern ohne Worte bewegt sich Jamina Gerl ähnlich wie auf Debussys „Freudig-frohe Insel“ in feuchter Umgebung. Denkbar krass der Gegensatz zur düsteren Stimmung der Schubertschen Vertonung des Gedichts Des Fremdlings Abendlied von Georg Philipp Schmidt von Lübeck. Die Pianistin bleibt der Lisztschen Klavieridee von Ausgegrenztsein, Heimatsuche und Liebesschmerz nichts schuldig, ihr Vortrag gebietet über genügend klangliche Abstufungen, den wandernden, in Wahrheit meist innehaltenden Gesellen ein Gesicht zu verleihen. Um einiges karger, bedrückender noch ist die ohne jeden klavieristischen Schmuck auskommende Transkription von Friedrich Gulda, in deren Verlauf auch extreme Lautstärkebezirke ausgereizt werden(Amadeo 472 832-2).

Umsichtig illustrierend, souverän in den technisch heiklen Sektionen und ohne jede Ermüdung in den Schikanen der finalen „Fuge“ gelingt Jamina Gerl die Wanderer-Fantasie. Im langen Schatten der überragenden Richter-Einspielung für mein Empfinden eine der überzeugendsten Darstellungen des Stückes überhaupt.

Vergleichseinspielngen: Mendelssohn - Fantasie op. 28 – Kirschnereit (Arte Nova 76808 2), Frith (Naxos 8.553541); Liszt: Gnomenreigen – Bolet (RCA 09026 63784 2), Magaloff (fonè 87 F 06-18), W.Haas (MDG 642 1086-2), Barere (Appian APR 5621 NY 18.11.46), Brailowsky (The Piano Library 251), Cziffra (Paris 25.9.63 EMI DVD DVA 4906819, Senlis 1978 Foundation Cziffra 1-RCP-9607, Torino 1959 Fonit Cetra LAR 33, EMI LP 2 C 069-16318, 1956 Urania URN 22.288, 1969 Ermitage 103), Cherkassky (Ivory 72003), Wild (Ivory 70901), Tryon (APR 7039); Waldesrauschen – Arrau (Philips 456 339-2), Ogdon (Testament SBT 1133), J.Hofmann (Nimbus NI 8818); Schubert: Wanderer-Fantasie – Katchen (Paris ’67 EMI DVD DVA 4901229) Richter (EMI 2 17411 2, bzw. EMI CMS 764429 2); Chabrier: Johannesen (Vox LP SVBX 5483), Marcelle Meyer (1955 EMI CZS 7 67405), J. Casadesus (1965 SonyMPK 46729), Kyriakou (Vox/Turnabout LP TNL 25035), Reuthe (Bella Musica 312461), d’Arco (Calliope LP 182829), Nathalie Bera-Tagrine (Production Daniel Magne LP MAG 2002 DS 471), Barbier (Accord 200312), Hewitt (Hyperion SACDA 67515), Boynet (Naxos 8.111120), Ciccolini (EMI 50999 685824 2 5 CD 20)

Peter Cossé [26.11.2016]

Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.KomponistWerkhh:mm:ss
1 F. Mendelssohn Bartholdy Fantasia fis-Moll op. 28 (Sonate écossaise) 00:13:54
4 F. Liszt Konzertetüde Nr. 1 Des-Dur S 145 (Waldesrauschen) 00:04:58
5 Konzertetüde Nr. 2 Fis-Dur S 145 (Gnomenreigen) 00:03:19
6 D. Schostakowitsch Drei fantastische Tänze op. 5 35:00:00
9 A.E. Chabrier Bourrée fantasque 00:06:04
10 F. Mendelssohn Bartholdy Lied ohne Worte Nr. 6 g-Moll op. 19b (Venezianisches Gondellied) 00:02:02
11 Lied ohne Worte fis-Moll op. 30 Nr. 6 (Venezianisches Gondellied) 00:02:52
12 Lied ohne Worte a-Moll op. 62 Nr. 5 (Venezianisches Gondellied) 00:02:31
13 C. Debussy L'Isle joyeuse 00:06:03
14 F. Schubert Der Wanderer op. 4 D 489 (Bearb. für Klavier: Franz Liszt) 00:06:30
15 Fantasie C-Dur op. 15 D 760 (Wandererfantasie) 00:21:14

Interpreten der Einspielung

Interpret(en)Besetzung
Jamina Gerl Klavier
 
TXA16082;4250702800828

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