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CD-Besprechung

Norbert von Hannenheim

Works for viola & piano

Norbert von Hannenheim

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 10

Klangqualität:
Klangqualität: 9

Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 10

Besprechung: 17.11.16

Klassik Heute
Empfehlung

Challenge Classics CC72734

1 CD • 52min • 2010

Die vorliegende Aufnahme ist weit mehr als nur eine zusätzliche Fußnote im diskografisch eigentlich recht gut erschlossenem Terrain der Schönberg-Schüler: Sie ist in mehrfacher Hinsicht eine echte Entdeckung. Da ist zunächst einmal die wirklich tragische Biografie des Komponisten: Norbert von Hannenheim entstammte einer im 18. Jhdt. von Maria Theresia geadelten siebenbürgischen Familie, wurde 1898 in Hermannstadt (heute Sibiu) geboren und verlor früh seinen Vater. Nach der Reifeprüfung 1916 musste er wie seine sechs Brüder unmittelbar an äußerst blutigem Frontgeschehen des Ersten Weltkriegs teilnehmen und wurde erst 1921 gänzlich vom Militärdienst befreit. Zwei seiner Brüder wurden kriegsversehrt, ein dritter starb 1923 an den Folgen einer Kriegspsychose. Bislang musikalisch Autodidakt, studierte Norbert 1922-23 in Leipzig bei Paul Graener (dort Nachfolger Max Regers), später dann weiter bei Alexander Jemnitz in Budapest. 1929 durfte er schließlich in Arnold Schönbergs berühmte Berliner Meisterklasse eintreten, wo er schnell große Fortschritte machte. Sowohl sein Lehrer wie auch die Mitschüler hielten ihn für eine große, ganz eigenständige Begabung. Obwohl es ihm schnell gelang, zahlreiche Werke erfolgreich bei internationalen Musikfesten zur Aufführung zu bringen, fand er sich als atonaler Komponist nach 1933 im Kreis derer wieder, deren Kunst als „entartet“ verfemt wurde und hielt sich mit Aufträgen für Volksliedbearbeitungen mehr schlecht als recht über Wasser, indessen er weiter „seine“ Musik quasi für die Schublade schrieb. Ohne Verleger deponierte von Hannenheim einen großen Koffer mit seinen Manuskripten in der Berliner Commerzbank, die jedoch 1943 zerbombt wurde. Nach einem Schizophrenieanfall 1944 deportierte man ihn in die Euthanasie-Anstalt Obrawalde, wo er zwar das Kriegsende überlebte, aber am 29.9.1945 verstarb. Mittlerweile wurden von den 240 bei der STAGMA (Vorgänger der GEMA) angemeldeten Werken immerhin etwa 45 wiederentdeckt.

Abgesehen vom Katalanen Roberto Gerhard gab es im Schönberg-Kreis kaum Interesse für die Bratsche. Der etwa zeitgleiche Paul Hindemith kommt stilistisch aus einer völlig anderen Ecke, so dass die hier eingespielten Stücke eine echte Repertoireerweiterung für Viola/Klavier darstellen könnten, zumal sie ebenbürtige, virtuose Duo-Partner fordern und von Hannenheim perfekt mit der heiklen Klangmischung dieser beiden Instrumente umzugehen weiß.

Schließlich sind diese Werke tatsächlich von einer solchen Originalität, dass sie sich von der „üblichen“ Dodekaphonik im strengen Schönberg-Stil wohltuend abheben. Selbst die beiden Stücke (Suite und 1. Bratschensonate), die offensichtlich auf Tonalität verzichten, bauen auf längeren, nur reihenähnlichen melodischen Gebilden auf und ignorieren so z.B. Schönbergs Wiederholungsverbot, was einer leichteren Fasslichkeit zugute kommt. Hingegen wirken die 2. Sonate – in strahlendem C-Dur endend – wie auch die drei Charakterstücke auf den Hörer eigentlich völlig tonal und harmonisch schlüssig, obwohl auch hier im Hintergrund Reihenüberlegungen im Spiel sind. Kaum zu glauben, dass alle Stücke in engstem Zeitraum (ca. 1935-37) entstanden sind! Generell erweist sich von Hannenheim vor allem als eminenter Rhythmiker, was vielleicht seiner Herkunft geschuldet ist - aber auch eine solch grandiose „Nachtmusik“ wie der III. Satz (Lento) der Suite lässt eine mögliche Beschäftigung mit Bartók vermuten.

Für die Einspielung von Hannenheims Bratschenmusik hat man kongeniale Interpreten gefunden: Die rumänischstämmige Bratschistin Aida-Carmen Soanea war u.a. Schülerin von Kim Kashkashian und Gérard Caussé und verfügt sowohl über eine wirklich schöne Tongebung bei melodischen Linien wie auch die nötige, extreme Flexibilität bei schnellen Lagenwechseln. Ihre Bratsche – fast ohne das typische „Näseln“ – erreicht an manchen Stellen virtuell die Klangfülle und Sprachgestalt eines Violoncellos und mischt sich geradezu ideal mit dem ebenso flexibel und differenziert agierenden Pianisten Igor Kamenz, der etwa in höchster Lage ganz erstaunliche, fast synthetisch wirkende Klänge hervorzaubert. Dem Duo gelingt genau das, was dieser delikaten und sich niemals vordergründig aufdrängenden Kammermusik gerecht wird. Die raschen Wechsel der musikalischen Charaktere wirken plastisch, stellenweise sogar humorvoll, aber nie deplaciert. Selbst in den von hektischer Emotionalität getragenen Passagen erscheint alles wie aus einem gemeinsamen, natürlichen Atem heraus. Im kurzen Duo für Geige und Bratsche fungiert Adrian Pinzaru als Partner. Auch der Booklet-Text von Bernd Edelmann beleuchtet vorzüglich diesen noch ziemlich weißen Fleck auf der musikalischen Landkarte. So dargeboten sei diese CD nicht nur dem bratschenaffinen Hörer ans Herz gelegt, der bisher eher unerwartete Aspekte aus dem Kreis der Schönberg-Schule kennenlernen darf. Schade nur, dass es bis zum Erscheinen dieser Aufnahme von 2010 ganze sechs Jahre gebraucht hat…

Martin Blaumeiser [17.11.2016]

Bechsteinkonzert

Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.KomponistWerkhh:mm:ss
1 N. von Hannenheim Stück Nr. 1 00:05:03
3 Stück Nr. 3 00:05:12
4 Stück Nr. 4 00:07:33
6 Duo für Geige und Bratsche 00:09:38
9 Suite 00:08:51
13 Sonate Nr. 1 00:08:15
15 Sonate Nr. 2 00:07:08

Interpreten der Einspielung

Interpret(en)Besetzung
Aida-Carmen Soanea Viola
Igor Kamenz Klavier
Adrian Pinzaru Violine
 
CC72734;0608917273427

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