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CD-Besprechung

Toivo Kuula

Toivo Kuula

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 8

Klangqualität:
Klangqualität: 9

Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 8

Besprechung: 07.10.15

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Ondine ODE 1270-2

1 CD • 72min • 2015

Neben dem vier Jahre jüngeren Leevi Madetoja war Toivo Kuula (1883-1918) der bedeutendste finnische Komponist der Generation nach Sibelius. Beide waren zeitweise auch Schüler des überragenden Meisters, Kuula in den Jahren 1907-08. Dass Kuula heute nicht entsprechend seiner Begabung international bekannt ist, liegt daran, dass er im Mai 1918 im finnischen Bürgerkrieg, anscheinend infolge einer Provokation, erschossen wurde. Die hier vorgestellten Hauptwerke für Orchester entstanden zwischen 1906 und 1913.

Es ist unüberhörbar, dass Kuula die Musik von Sibelius in intensivster Weise in sich aufgenommen hat. Am nächsten kommt der Wirkung von Sibelius auf seine Nachfolger sicher der Vergleich mit Debussys Effekt auf seine französischen Landsleute. Wenn nun Madetoja unter den Sibelianern mehr der Elegiker war, so ist Kuula eher ein Dramatiker. Seine zentralen Werke für Orchester sind die beiden Südostbottnischen Suiten. Die drei mittleren Sätze der ersten Suite op. 9 stammen von 1906-07, die Außensätze von 1909. Die zweite Suite op. 20 wurde 1912 komponiert und im Januar 1913 in Paris abgeschlossen. Außerdem finden sich auf diesem Album Präludium und Fuge op. 10 von 1909 und der besonders intensiv an Sibelius’ Karelia-Musik ausgerichtete Festmarsch op. 13b von 1910. Dieser prächtige Marsch, mit dem das Programm eröffnet wird, hat einen sehr gemessenen Grundduktus und wird von einem kurzen bewegteren Mittelteil aufgelockert. Leider sind die Unterschiede zwischen den zwei kontrastierenden Teilen sowohl bezüglich des Tempos als auch des Charakters ziemlich eingeebnet. Obwohl es sich um ein typisch repräsentatives, äußerlich gewöhnliches Werk handelt, ist dieser Marsch in seiner feinen Nuanciertheit und distinguierten Grundhaltung sehr wertvoll.

Beide Ostbottnischen Suiten finden ihre maximale Entfaltung in den Finalsätzen, die auch jeweils am umfangreichsten sind. Doch die kürzeren Sätze sind nicht von geringerer Qualität, darunter wirklich entzückende Genre-Miniaturen wie das zutiefst melancholische Volkslied für Streichorchester oder der verhaltene Ostbottnische Tanz in der ersten Suite und das stilisierte Menuett und die Waisen-Polka in der zweiten Suite. Der innige Ton des Volkslieds wird gut getroffen, doch hier hat Juha Kangas mit seinem Ostbottnischen Kammerorchester die Seele dieser Musik mit ihrer untröstlichen Einsamkeit in so ergreifender Weise Gestalt annehmen lassen, dass bei dieser Neuaufnahme nur ein fernes Echo solcher Tiefen erfahrbar ist. Im Menuett ist ärgerlich, dass Manierismen der sogenannten historischen Aufführungspraxis – vielleicht gar nicht beabsichtigt – Einzug halten und mit willkürlich verkürzten Notenwerten und mechanischen Betonungen den Zauber vertreiben und mit kurzatmiger, pseudo-tänzerischer Gestelztheit überspielen. Ein besonders herrliches, schwermütig impressionistisches Tongemälde ist Regen im Walde aus der zweiten Suite, und auch hier ist Kuula mehr als ein höchst faszinierender Naturschilderer, denn der belebende Kontrast in der Form erhöht die Musik über das Deskriptive hinaus. Das Finale der zweiten Suite schließlich erreicht eine mystisch getönte, in den orchestralen Patterns wild aufbrausende Monumentalität, wie sie in dieser Art sonst eigentlich nur bei Sibelius zu finden ist. Jeder der zehn Sätze dieser Suiten hat seinen ureigenen, urwüchsigen Charakter, ungeachtet der Tatsache, dass sich hier sibelianische Elemente mit französischen Einflüssen durchwirken und der oberflächliche Beobachter auch einfach nur sehr geschickten Eklektizismus konstatieren könnte. Doch die subtile Ebene bietet weit mehr als talentiertes Epigonentum, und diese Werke machen ihrem Komponisten in jedem Konzert Ehre. Kuula war, das ist außer Zweifel, bei aller Inspiriertheit auch ein vorzüglicher Handwerker, der nicht nur ausgezeichnet und höchst farbenreich zu orchestrieren verstand, dessen Rhythmus lebendig, dessen Melodik einprägsam und eigentümlich, dessen Harmonik exquisit und von weittragendem Zusammenhang ist. Darüberhinaus beweist er immer einen klaren, bestechenden Sinn für das Formganze und die notwendigen Kontraste zwischen den einzelnen Sätzen.

Ein weniger bedeutendes oder gar eigentümliches Werk ist Präludium und Fuge, wobei das Tempo der Fuge verhaltener ist als dasjenige des Präludiums. Besonderheiten sind, dass auf dem Höhepunkt der Fuge ein hymnischer Choralsatz der Blechbläser eingeflochten ist, dass die Fuge danach eine introvertierte Wende nimmt, und dass unerwarteterweise ein ganz und gar unorthodoxes, nicht aus dem kontrapunktischen Verlauf gewonnenes Aufbäumen, das wiederum an Sibelius gemahnt, den markanten Schlusspunkt setzt. Ansonsten ist dies vor allem eine eindrucksvolle Übung, in der Kuula wie der Schwede Stenhammar das an orthodoxem Kontrapunktkönnen demonstriert, was ein Sibelius zu beweisen nie nötig hatte.

Leif Segerstam erreicht mit dem Philharmonischen Orchester Turku jenen charakteristischen warmen, voluminösen Klang, der typisch für ihn ist. Leider hat er kein natürliches Bedürfnis, die Dimensionen des Leisen auszukosten, und Kuula mag noch so entschieden pianissimo oder gar noch Leiseres vorschreiben, das mezzoforte ist stets nah und sehnt sich nach dem fortissimo, der Lieblingsdynamik des Dirigenten. All das mag bei oberflächlichem Hören deshalb vielleicht nicht auffallen, weil Segerstam auch immer auf tendenziell weiche, dunkel timbrierte Klangfülle setzt und nicht aggressiv kantig oder gar schrill lärmen lässt. Da geht natürlich dann vieles zu Lasten der Balance und Durchsichtigkeit, und man kann sich vorstellen, dass die Tontechniker einige Kunststücke vollbringen mussten bei Holzbläser-„Rettungsaktionen“. Jedenfalls hat es im Raum bei weitem weniger klar geklungen als in der Nachbearbeitung. Auch sind viele widersprechende Tempoverhältnisse eher mechanisch exekutiert als wirklich aufeinander bezogen empfunden, und stringendo beispielsweise heißt nicht einfach plötzlich „schneller“, sondern eben „beschleunigend“, was doch ein grundlegender Unterschied ist. Insofern ist die Umsetzung durchgehend zwiespältig auf hohem Niveau, indem die Feinzeichnung und spezifische Charakterisierung der Sätze eindeutig zu kurz kommt, obwohl ein ganz natürlicher Bezug zum Stil des Komponisten durchweg besteht. Kuulas hochkultivierter Genius ist all dessen ungeachtet unüberhörbar.

Christoph Schlüren [07.10.2015]

Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.KomponistWerkhh:mm:ss
1 T. Kuula Festive March op. 13 00:08:31
2 South Ostrobothnian Suite Nr. 1 op. 9 00:27:55
7 South Ostrobothnian Suite Nr. 2 op. 20 00:24:57
12 Prelude and Fugue op. 10 00:09:27

Interpreten der Einspielung

Interpret(en)Besetzung
Turku Philharmonic Orchestra Orchester
Leif Segerstam Dirigent
 
ODE 1270-2;0761195127025

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