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CD-Besprechung

Béla Bartók

Complete Works for Piano Solo

Béla Bartók

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 10

Klangqualität:
Klangqualität: 10

Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 10

Besprechung: 11.03.15

Klassik Heute
Empfehlung

hänssler CLASSIC 98.042

3 CD • 3h 04min • 2008, 2010, 2011, 2014

„Es müssen beim Gott des Klavierspiels nicht immer Ungarn sein, die Béla Bartóks Musik zutreffend, spannend und eigenwillig zu interpretieren vermögen!“. Mit diesem Statement darf es mir gestattet zu sein, mich einmal selbst zu zitieren, denn zu Andreas Bachs zweitem – und nun absolut gewichtigen und umfangreichen – Bartók-Anlauf wollte mir nach dem ersten Hören, genauer: schon nach den einleitenden Im Freien–Stücken genau dies einfallen. Beim genaueren Hören und dem gleichsam mitlesendem Lauschen wurde mir freilich bewusst, dass sich dieser Interpret in mannigfaltiger Hinsicht vorwärts bewegt hat, sich mit verfeinerten Mitteln in den Grenzbereichen des Leisen, des Indirekten und des Farblichen etwa in den Klängen der Nacht aus der Outdoor-Suite auf Kundschaft begibt. Und es gelingt ihm auch, seiner einstigen Oehms-Einspielung dieser Suite (OC 348) in den energischen Rahmenabteilungen nicht nur eine Portion mehr an Schlagwirkung auszuteilen, sondern – wie etwa in der finalen Hetzjagd – der äußerst unbequemen Motorisierung der linken Hand ein hohes Maß an Unbarmherzigkeit zu sichern. Im Umkreis der mir bekannten Aufnahmen und Konzertwiedergaben dieser furiosen, weltgeschichtlich sanktionierten Tierquälerei ist mir nur die Philips-Aufnahme mit Zoltán Kocsis gegenwärtig, die in dieser fanatischen Tastenszene um eine Nunace noch drastischer, noch unerbittlicher wirkt.

Anhand der hier auf drei CDs versammelten Werke erhält der Hörer bereits einen zuverlässigen Eindruck von Bartóks klavieristischer, musikethnologischer und pädagogischer Bandbreite. Ein aufschlussreicher Einstieg also in ein Vorhaben, an dessen Ende die wohl umfassendste Darstellung des Bartókschen Vermächtnis in Bezug auf das Klavier zur Verfügung stehen wird. Schon jetzt gibt es am Ende von CD Nummer drei den Hinweis auf philologische Umsichtigkeit. Dort hat Andreas Bach ein posthum veröffentlichtes, ursprünglich als zweiten Satz für die Suite op. 14 geplantes „Andante“ platziert. In der von Bartók schließlich autorisierten Version folgen auf das einleitende „Allegretto“ ein munteres „Scherzo“ und ein noch aggressiveres „Allegro molto“, ehe die Suite mit einem „Sostenuto“ in mäßigendem Ausdruck nach noch nicht einmal zehn Minuten ausklingt. Unter diesen Gegebenheiten wirken die atmosphärischen und mobilen Parameter natürlich besser ausbalanciert etwa im Sinne von Progression und Befriedung.

Andreas Bach ist es geben, den immer wieder auftauchenden Klängen der Nacht, den tänzerischen Elementarimpulsen und allem Bildhaften in den fast durchwegs knapp gehaltenen Barrtók-Stücken vom ersten sprechenden Ton und von der ersten Klanggebung an eine prägnante Richtung zu verleihen, sozusagen prompt auf den Kern einer kompositorischen Aussage, auf das in Symbolen notierte Anliegen des Komponisten zuzusteuern. Er tut dies – wie mir scheint – in einer Mischung aus Genauigkeit und Lockerheit, zudem in spürbarer Abwägung zwischen den Erfordernissen motorischer Beständigkeit und Elastizität des Vortrags insgesamt. Zoltán Kocsis war es ja, der in seinen musikologischen und aufführungspraktischen Nachforschungen als einer der ersten darauf drängte, die Bartók-Interpretation von der barbarisch-maschinellen Seelenlosigkeit weg zu manövrieren, sich wieder an das durchaus vom Rubato vitalisierte Spiel des Komponisten selber zu erinnern. Am Beispiel des berühmten „Allegro barbaro“ aus dem Jahr 1911 konnten das Kocsis und auch sein Kollege Dézsö Ránki in verschiedenen Einspielungen zeigen. Und auch Andreas Bach verleiht dem Stück am Beginn der zweiten CD nicht nur rhythmische und motorische Beständigkeit, sondern auch einen Hauch von Eloquenz, von gewissermaßen vortriebskräftiger Menschlichkeit.

Der Edition ist ein ausführlicher Text von László Vikárius, dem Direktor des Budapester Bartók-Archivs, beigefügt. Hier erhält der Leser Auskunft über die einzelnen Werke, vor allem aber über die Entwicklung von Bartóks Klavierstil, über die volkstümlichen Quellen und über die pädagogischen Aspekte der jeweils betreffenden Arbeiten – so etwa im Umfeld der 18 unter dem Titel Die erste Zeit am Klavier veröffentlichten Miniaturen, die man ja als Vorstufe zu späteren Unterrichtsprojekten wie den Mikrokosmos-Serien zu betrachten sind.

Auch Andreas Bach äußert sich im Begleitheft – beschreibt seinen Zugang zur Musik Bartóks von Jugend an und auch die Wirkung, die das Spiel des Komponisten und jenes bereits bekannter Pianisten auf ihn ausübte. Mithin eine vorbildliche Hänssler-Edition in Zusammenarbeit mit dem Kölner WDR, die in Folge eins den „reifen Bartók“ zum Thema hat und dabei alle Facetten der unterhaltenden Unterweisung auf höchstem Niveau zu nutzen versteht. Folge zwei der Gesamtaufnahme ist noch für dieses Jahr angekündigt, die drei weiteren Ausgaben für das kommende Jahr.

Vergleichseinspielungen: Andreas Bach (Oehms classics), Kocsis (Philips), Ránki (Denon, Hungaroton, Teldec), A. Schiff (Hungaroton, Denon), Bartók (Hungaroton), Jandó (Naxos), Foldes (Hungaroton, DG, Heliodor), Sándor (Sony).

Peter Cossé [11.03.2015]

Komponisten und Werke der Einspielung

CD 1
Tr.KomponistWerkhh:mm:ss
1 B. Bartók Im Freien Sz 81 BB 89 (Fünf Stücke in Suitenform für Klavier) 00:15:44
6 Zehn leichte Klavierstücke BB 51 Sz 39 00:17:37
17 3 Burlesken op. 8c BB 55 Sz 47 00:07:29
20 Kleine Suite BB 113 Sz 105 00:07:04
26 Vier Dirges op. 9a BB 58 Sz 45 00:10:37
CD 2
Tr.KomponistWerkhh:mm:ss
1 Drei Etüden op. 18 Sz 72 00:08:11
4 Sonatine Sz 55 00:04:22
7 Klaviersonate Sz 80 00:14:19
10 7 Skizzen op. 9b BB 54 Sz 44 00:11:16
17 Tanz-Suite BB 86b Sz 77 00:15:23
CD 3
Tr.KomponistWerkhh:mm:ss
1 Allegro barbaro Sz 49 BB 63 00:02:50
2 Kilenc kis zongoradarab BB 90 Sz 82 00:14:43
11 Suite op. 14 Sz 62 BB 70 00:09:43
15 14 Bagatellen op. 6 BB 50 Sz 38 00:30:07
29 Die erste Zeit am Klavier Sz 52-53 BB 67 00:11:32
47 Andante A-Dur für Violine und Klavier (1902) 00:02:10

Interpreten der Einspielung

Interpret(en)Besetzung
Andreas Bach Klavier
 
98.042;4010276027461

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