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CD-Besprechung

Chopin

Polonaises • Rafal Blechacz

Chopin

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 10

Klangqualität:
Klangqualität: 10

Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 10

Besprechung: 11.10.13

Klassik Heute
Empfehlung

DG 479 0928

1 CD • 60min • 2013

Es steht zu befürchten, dass dieses neue Blechacz-Album nicht ganz oben auf der Universal-Agenda steht, zumal nicht Chopin-Jahr ist. Dabei gehört Blechacz' Einspielung sämtlicher mit Opuszahl versehener Polonaisen von Frédéric Chopin mit Ausnahme der drei Werke op. 71 zweifellos zu den herausragenden Chopin-Einspielungen der letzten Jahre. Schwung, Feuer, Leuchtkraft, Farbenpracht, erlesen lyrisches Spiel mit feinsten Abschattierungen, herrlich hervortretende Nebenstimmen, bis zum leichten Forte klar durchscheinende Akkorde, der Drang zum dramaturgischen Ganzen, eine gewisse Spontaneität, die sich nicht in sentimentalen Willkürlichkeiten verliert, und in alledem die vollendete technische Beherrschung des Instruments – wenige nur können das heute auf einem ähnlichen Niveau darbieten, wobei ich die große Polonaise op. 44 ganz besonders hervorheben möchte: Man höre nur einmal, wie Blechacz uns hier zu Beginn zu fesseln und mitzureißen vermag. So könnten wir es bei diesen lobenden Worten belassen, oder wir verständigen uns insoweit, dass die folgenden kritischen Einwände Anregungen sind, auf höchstem Niveau eine musikalisch noch makellosere, idiomatischere Darstellung anzustreben.

Was wäre zu verbessern? Ganz grundsätzlich der Gebrauch des Rubato, der sich bei Blechacz zwar durchaus innerhalb der Grenzen des guten Geschmacks bewegt, jedoch einerseits oft die Konventionen nicht hinter sich zu lassen vermag, oft genug nicht aus der Energie der Linie kommt und daher den Fluss hemmt, keine zwingende Verbindung zwischen dem schafft, was war, und dem, was kommt, und andererseits die Tatsache, dass das Rubato viel zu sehr die Basslinie und das tänzerisch tragende Begleitgeflecht betrifft. Es ist eben der stets bestehende Widerstreit zwischen Momentum und Rubato, der die eigentliche gestalterische Herausforderung darstellt, und der dann einen viel subtileren Gebrauch des Rubato fordert auf Messers Schneide zwischen Weiterdrängen und Verweilenwollen.

Dies gilt generell, doch in besonderem Maße für die Tanzcharaktere wie Mazurken, Walzer, Scherzi oder Polonaisen – die Rubatobereitschaft, die stets auch strukturelles Risiko bedeutet, ist fortwährend vonnöten, doch sollte nie der Gesamtzusammenhang aus dem Blickfeld geraten. Dann kann sich auch eine noch orchestralere Wirkung einstellen, zu deren Erzeugung Blechacz rein pianistisch glänzend in der Lage ist.

Ein weiterer sehr problematischer Punkt ist die Strukturierung des mächtigeren Forte und des Fortissimo – da geht einfach zu vieles pauschal unter, ganz besonders in dem komplexesten, finalen Werk dieser Zusammenstellung, der Polonaise-Fantaisie, von der kaum je eine in all ihren mannigfach entfalteten Prozessen überzeugende Aufführung zu hören ist. Ein anderes Beispiel, vor dem in der Verlangsamung allzu extrem kontrastierenden Mittelteil der Polonaise op. 44: man kann die gebundenen Zweiunddreißigstel-Vorschläge nicht präziser, beherrschter herausmeißeln, als Blechacz dies mit grandioser Verve tut. Doch wo bleibt die differenzierte Gestaltung der Strecke, der harmonischen Wechsel, das modulierende Element? So gespielt, stellt sich eine statisch „modernere" Wirkung ein, als dies dem tatsächlichen Verlauf angemessen wäre, und übrig bleibt der bloße atemberaubende Effekt. Doch dann ist immer wieder überraschend und hinreißend, was Blechacz in anderen Passagen gelingt, die bei anderen blass wirken und hier plötzlich frappanten Charakter offenbaren. Und so ist es doch insgesamt eine ungeheuer packende, furiose, und oftmals höchst geschmeidige und auch sehr innig ausdrucksvolle Angelegenheit geworden, die bei allen Einwänden höchsten Respekt gebietet und durchaus das Zeug hat, legendär zu werden.

Christoph Schlüren [11.10.2013]

Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.KomponistWerkhh:mm:ss
1 F. Chopin Polonaise cis-Moll op. 26 Nr. 1 – Allegro appassionato 00:07:03
2 Polonaise es-Moll op. 26 Nr. 2 – Maestoso 00:07:24
3 Polonaise Nr. 3 A-Dur op. 40 Nr. 1 (Militär-Polonaise) – Allegro con brio 00:05:06
4 Polonaise c-Moll op. 40 Nr. 2 – Allegro maestoso 00:06:44
5 Polonaise fis-Moll op. 44 – Tempo di polacca - doppio movmento, tempo di Mazurka - Tempo I 00:09:24
6 Polonaise Nr. 6 As-Dur op. 53 (Heroische) – Maestoso 00:06:27
7 Polonaise-Fantaisie As-Dur op. 61 – Allegro maestoso 00:12:42

Interpreten der Einspielung

Interpret(en)Besetzung
Rafal Blechacz Klavier
 
479 0928;0028947909286

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