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CD-Besprechung

Tokyo String Quartet

Quartet Recital 1971

SWRmusic 93.723

1 CD • 79min • 1971

11.06.2013

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 10
Klangqualität:
Klangqualität: 8
Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 10

Eine beispiellose, mit zahlreichen Auszeichnungen bedachte 44-jährige Karriere geht 2013 zu Ende: 44 Jahre, in denen das Tokyo String Quartet, von dessen Gründungsformation einzig der Bratscher Kazuhide Isomura übrig geblieben ist, rund um den Globus mit Lobeshymnen nur so überschüttet wurde. Von überlegener Quartettkunst, von nahezu unerreichbarer innerer Balance und tief empfundener Übereinkunft der vier Streicher war und ist die Rede, von betörendem Spielfluss, unbedingter Präzision, von unvergleichlichem tonalem Schliff oder von einer an Souveränität kaum zu überbietenden Spielkultur. Umso gespannter war ich auf das vorliegende Live-Dokument der Urbesetzung: auf einen Konzertmitschnitt im Rahmen der Schwetzinger Festspiele aus dem Jahr 1971, zwei Jahre nach Gründung des Ensembles und ein Jahr nach dem 1. Preis beim prestigeträchtigen Musikwettbewerb der ARD in München.

Bartók, Berg und Beethoven: Nicht nur die stilistische Bandbreite des Programms stürzt den Hörer in ein Wechselbad der Gefühle. Für Gänsehaut sorgt auch die subtile Ausdruckskunst der vier jungen Japaner, denen weder dramatische Zuspitzungen noch feinste Untertöne entgehen. So gleich zu Beginn ihres Recitals in Alban Bergs Streichquartett op. 3, das fast zu gleichen Teilen als ein kurzes Aufbäumen der Romantik wie als erstes Lebenszeichen einer neuen Zeit verstanden werden kann. In diesem sehr farbigen, expressionistisch angehauchten Werk mit seinen unentwegten Steigerungswellen macht sich in Bergs Kompositionsstil der Übergang von der tonalen zur atonalen Schreibweise bemerkbar. Entsprechend zahlreich und detailliert sind die Spiel- und Ausdrucksanweisungen des Schönberg-Schülers, die sich im Spiel des Tokyo String Quartet in einer faszinierenden klanglichen Vielfarbigkeit und einer atemberaubenden Ausdrucksvielfalt widerspiegeln. Bloße Schattierungen und harsche Kontraste, tonale Schärfen und romantische Gesten werden nicht einfach nur sauber herausgearbeitet, sie sind von einer enormen Plastizität, die auch der Wiedergabe von Béla Bartóks Streichquartett Nr. 1 op. 7 (SZ 40) ihren Stempel aufdrückt. Opulente Klanglichkeit und motorische Energie bestimmen dieses Werk, welches Bergs Freund Zoltán Kodály als ein „intimes Drama, eine Art Rückkehr ins Leben vom Rande des Nichts" bezeichnete. Tatsächlich ist dessen Interpretation durch das Tokyo String Quartet von einer Eindringlichkeit, die einem Kampf widerstreitender Emotionen gleicht und dabei eine bewundernswerte Kontrolle der Klangfarben und Texturen offenbart. Das Besondere daran: Trotz aller herben Chromatik, trotz aller wilder und grotesker Züge legen die vier Japaner eine Lesart an den Tag, die eben nicht das Radikale überbetont, sondern sich inmitten manch beklemmender Spannungskurven um melodische Schönheit und durchaus um romantische Momente bemüht. Nichts auszusetzen gibt es auch an ihrem Beethoven. Dabei macht weniger ihre Entschlossenheit und ihr Ungestüm staunen, mit denen sie sich im Streichquartett Nr. 10 Es-Dur op. 74, dem so genannten „Harfenquartett", in die temperamentvolle Durchführung des Kopfsatzes oder in das rasende Presto stürzen, als vielmehr die Art und Weise, wie sie die warme Expressivität des Adagio ma non troppo und das Variationsfinale mit seinem eher beruhigenden Charakter gestalten: Hier herrschen nicht Ruhe und Gelassenheit, hier regieren Kraft und Spannung in einer Intensität, wie sie nur ganz wenigen Vergleichsaufnahmen eigen sind.

Fazit: Dieses frühe Live-Dokument überzeugt auf der ganzen Linie und ließe sich problemlos mit denselben Lobeshymnen umreißen, wie sie sich erst spätere (preisgekrönte) Produktionen des Tokyo String Quartet verdient haben.

Christof Jetzschke [11.06.2013]

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Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.Komponist/Werkhh:mm:ss
CD/SACD 1
Alban Berg
1Streichquartett op. 3 00:21:09
Ludwig van Beethoven
3Streichquartett Nr. 10 Es-Dur op. 74 (Harfen-Quartett) 00:28:58
Béla Bartók
7Streichquartett Nr. 1 op. 7 Sz 40 BB 52 00:29:00

Interpreten der Einspielung

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