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CD-Besprechung

cpo 777 449-2

1 CD • 53min • 2009

29.06.2012

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 9
Klangqualität:
Klangqualität: 9
Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 9

Mit dem 1975 in Delmenhorst geborenen Pianisten Christian Seibert spielt und ereifert sich ein Pianist bewusst in den Grenzen medialer Musikvermittlung, der seine (beträchtlichen) künstlerischen Möglichkeiten erkannt hat und dementsprechend bis auf Weiteres auch sein Repertoire abgesteckt hat. Freilich hat er in dem cpo-Label mit Standort Georgsmarienhütte einen Partner gefunden, dessen Teilinteressen mit jenen Seiberts im Pianistischen Hand in Hand gehen. Sehr wohl könnte der unter anderem in Wien von Hans Petermandl und in Köln von Pavel Gililov betreute Pianist ein Chopin-Scherzo, eine Beethoven-Sonate oder ein Schubert-Impromptu einleuchtend in Bewegung halten. Zurzeit jedoch widmet er sich eher abseitiger Literatur, wobei das Attribut „abseitig" nicht als abwertend zu verstehen ist, vielmehr als Beleg einer ganz persönlichen Positionierung.

Veröffentlichungen mit Stücken von Paul Hindemith und Ernst Toch (für cpo), sowie vor nicht allzu langer Zeit ein Doppelalbum mit sämtlichen Klaviersonaten von Krzysztof Meyer haben seine wachsamen, bestens geschulten Finger unter Beweis gestellt. Und vielleicht wichtiger noch: sein Vermögen, verhältnismäßig trockenen, anti-romantischen, spielmotorisch pointierten, aber auch von herber Unterhaltsamkeit geprägten Vorlagen genügend Leben einzuhauchen. Sie also sicher im Rückblick auf ihre musikgeschichtliche Stellung auszukundschaften und damit dem Zuhörer hinreichend Material zu bieten, sich ein eigenes Urteil zu bilden.

Dem ausführlichen, sehr detaillierten Einführungstext von Franz Groborz wurde ein bedenkenswertes Zitat vorangestellt. Dort äußert sich der in der Überschrift als „musikalischer Weltbürger mit polnischen Wurzeln" charakterisierte Komponist wie folgt: „Ich habe mich nie als ein Teil der Avantgarde angesehen. Ich halte diesen Begriff selbst für ein wenig anstößig, denn es handelt sich ursprüünglich um einen militärischen Begriff, der jene bezeichnete, die dazu bestimmt waren, in vorderster Front als erste zu sterben. Aber ich wurde der Avantgarde zugerechnet, weil meine Musik als harmonisch und melodisch modern galt – ein Begriff, den ich auch nicht besonders mag."

Mit den Aufnahmen des Pianisten Christian Seibert und des von Howard Griffith geordnet und zugleich lebendig geführten Brandenburgischen Staatsorchester Frankfurt ist es nun möglich, sicher näher mit dem Schaffen des 1897 in Lodz geborenen Autoren zu befassen. Seibert und seine Partner in den beiden Konzertstücken (Concertino, Pièce Concertante) gelingt es ohne jede gestalterische Verrenkung, die angenehme, hin und wieder leicht ätzende, zuweilen auch amüsante Ton- und Klangsprache dieses – wie zitiert – ästhetisch unangefochtenen Komponisten zu treffen, sie sozusagen in ihren spielerischen wie etwas tiefer lotenden Passagen als berechtigt und hörenswert zur Diskussion zu stellen. Als „First Performance" – also nicht nur als Ersteinspielung! – wird das Konzertstück aus dem Jahr 1945 angekündigt. Es befand sich 65 Jahre unbeachtet in Tansmans Nachlass, ehe der in Paris lebende polnische Komponist Piotr Moss auf der Grundlage des (äußerst schwierigen!) Soloparts und einer Orchesterskizze 1981 eine praktikable Fassung bereitstellte. Tansman hatte das knapp 16 Minuten in Anspruch nehmende Stück für den einarmigen Pianisten Paul Wittgenstein verfasst. Groborz stuft im Begleittext die technischen Hürden des Soloparts als höher ein als im D-Dur-Konzert von Ravel, vor allem im Hinblick auf weite Distanzen, die von der linken Hand sehr flink zu überwinden und am besten auch treffsicher zu bewältigen sind.

Der sehr günstige Gesamteindruck von dieser auch klangtechnisch sicher austarierten cpo-Produktion ergibt sich vor allem aus den beiden aus meiner Sicht geschilderten und bewerteten Konzertstücken. Hinzu kommen zwei zwischen Eigenständigkeit und Kollegen-Imprägnierung pendelnde In memoriam-Arbeiten – die eine 1975 Darius Milhaud gewidmet, die andere 1972 der mächtigen Persönlichkeit Strawinskys. Und dies im typisch geglättet-schroffen, munter-seriösen Tonfall des Urhebers, aber auch in atmosphärischer Nachbarschaft zum Wirken der beiden Verstorbenen.

Peter Cossé † [29.06.2012]

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Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.Komponist/Werkhh:mm:ss
CD/SACD 1
Alexandre Tansman
1Concertino 00:15:26
4Stèle (In memoriam d'Igor Strawinsky) 00:13:58
7Pièce Concertante 00:15:44
10Élégie (à la memoire de mon amin Darius Milhaud) 00:10:24

Interpreten der Einspielung

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