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CD-Besprechung

Trombone Fantasy

Trombone Fantasy

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 10

Klangqualität:
Klangqualität: 10

Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 10

Besprechung: 09.02.12

Klassik Heute
Empfehlung

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BIS 1888

1 CD • 67min • 2009

Ein chinesisches Programm, genauer gesagt, ein Programm mit konzertanter Musik eines chinesischen Komponisten für Chinesisches Orchester zu veröffentlichen, ist ein echter Coup des umtriebigen Posaunisten Christian Lindberg. Es verknüpft sehr sinnfällig entgegenlaufende Tendenzen der jüngeren Musikgeschichte: Einerseits erlebt China seit einigen Jahren, was Japan in den 1970er Jahren erlebte, nämlich die auf beiden Seiten hochinteressierte Aneignung der westlichen Errungenschaften der klassischen Musik unter starkem Einfluß eigener traditioneller Momente; anderseits ist die Posaune bislang nicht als chinesisches Instrument bekannt geworden. Es ist nicht zuletzt Signum einer solchen globalisierten Ästhetik, dass auch der schwedische Posaunist Lindberg zwei größere Stücke für sein Instrument und chinesisches Orchester komponiert hat.

Das Symbol und gleichermaßen Substrat dieser kulturellen Verschmelzungsleistung – wohlgemerkt weit entfernt von oberflächlichen „Crossover“-Konzepten – ist die Besetzungsgattung des „Chinesischen Orchesters“. Im leider nicht allzu informativen Beiheft dieser Produktion – es fehlen etwa Informationen zum Komponisten Yiu-Kwong Chung – findet sich ein Bild von den Aufnahmesitzungen, auf dem zu sehen ist, dass die Instrumentengruppen ungefähr so angeordnet sind wie beim traditionellen westlichen Orchester: Die Streichinstrumente mit den chinesischen Geigen (Erhus) sowie westlichen Celli befinden sich im Vordergrund, die Zupfinstrumente, die Holzbläser und das Schlagzeug (besetzt etwa mit auch hierzulande bekannten Gongs und Tempelblocks, aber auch herkömmlichen Pauken), sind im Hintergrund plaziert. Entsprechend stilistisch bunt sind auch die beiden konzertanten Stücke des 1956 in Hongkong geborenen, seit 1991 in Taiwan lebenden Yiu-Kwong Chung: Die viertelstündige Mongolische Phantasie etwa benutzt drei Volkslieder, mündet aber in ein neukomponiertes Lied.

Aus europäischer Sicht würde man von Eklektizismus sprechen, während man einem chinesischen Komponisten kaum vorhalten will, dass er von den Techniken der Moderne unbeeindruckt ist und sich manche Passage nach Filmmusik anhört. In jedem Falle sind die beiden konzertanten Stücke, das zweite „Recueillement“, überaus abwechslungsreich und expressiv gestaltet, formal präzise gearbeitet und dramaturgisch geradezu von zündender Wirkung. Besonders das etwas rhapsodischer anmutende Concertino nach einem Gedicht aus den „Blumen des Bösen“ von Baudelaire macht von der tiefen und hohen Lage der Posaune Gebrauch; aber auch in der Phantasie fällt auf, dass etwa die schnellen Tonrepetitionen und andere unbequeme Passagen in tiefer Lage nicht in erster Linie posaunistisch gedacht sind.

Das ist natürlich in Lindbergs eigener Musik, dem Stück Kundraan, anders. Mit seinen gezackten Rhythmen, reizvollen Klangwirkungen und seiner natürlich schlafwandlerisch sicheren Posaunenbehandlung gewinnt er dem Chinesischen Orchester eine große Effektpalette ab und verarbeitet in Maßen auch Techniken der Avantgarde. Gewöhnungsbedürftiger dürften die melodramatischen Rezitationen in The Wild Rose und auch in Kundraan sein, welche narrative und schauspielerische Elemente mit in die Komposition bringen – im Konzert könnte das unterhaltsam sein, eine gewisse Naivität in der Ausführung läßt sich jedoch nicht überhören. Lindbergs Spiel freilich bewegt sich, wenn man etwa an halsbrecherische Läufe, hohe Zungentriller oder gleichzeitiges Singen und Spielen denkt, rein technisch auf Ausnahmeniveau; die reine Tonschönheit: er spielt manchmal mit starkem Vibrato und hohem Ansatzdruck, es zählt für ihn weniger als die anspringende Expressivität und die gelegentliche Lust am Zirzensischen. Wenngleich man auch an wenigen Stellen Fragezeichen setzen möchte: Für ein originelles kulturelles Experimentieren ist auch das Imperfekte sehr angemessen, und der echte Repertoirewert macht eine Empfehlung fällig.

Dr. Michael B. Weiß [09.02.2012]

Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.KomponistWerkhh:mm:ss
1 Y.-K. Chung Mongolian Fantasy – Moderato espressivo 00:15:05
2 Trad. Cursing General Cao Cao (– Moderato; arr.: Yiu-Kwong Chung) 00:07:52
3 Chr. Lindberg The Wild Rose für Erzähler und Chinesisches Orchester 00:10:55
4 Y.-K. Chung Recueillement für Posaune und Chinesisches Orchester (Concertino) – Allegro molto agitato 00:12:11
5 Chr. Lindberg Kundraan (orchestr.: Qu Chunquan) 00:19:19

Interpreten der Einspielung

Interpret(en)Besetzung
Christian Lindberg Posaune, Erzähler
Taipei Chinese Orchestra Orchester
En Shao Dirigent
 
1888;7318590018880

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