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CD-Besprechung

Avie AV2161

1 CD • 79min • 2008

25.09.2009

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 9
Klangqualität:
Klangqualität: 9
Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 9

Eine Einspielung mit persönlichem Hintergrund: Luiza Borac widmet ihre Chopin und Chopin/Liszt-Interpretationen dem seit den frühen 60er Jahren in und von Glyndebourne aus wirkenden John Barnes (1934–2008). Der zu Recht viel gerühmte, in der Kollegenschaft, bei Künstlern ungemein beliebte Mann war verantwortlich für Schallplatteneinspielungen, hatte eine Spürsinn für junge Talente – kurzum: er stand mit beiden Beinen in einer Musikwelt, die er zum Besten formen wollte – und dies auch noch, als er schon von Krankheit gezeichnet war. Die hier vorliegende Aufnahme mit der rumänischen Pianistin Luiza Borac ist die letzte „Produktions“-Initiative John Barnes’ – veröffentlicht unter den Label-Fittichen von Avie Records, nicht anders als ihre beiden nahezu konkurrenzlosen Enescu-Projekte mit den drei Klavier-Suiten (AV 0013) und den beiden Klaviersonaten (AV 2081).

Erfreulich ist es, im Katalog wieder einmal die sechs Chopin-Transkriptionen Franz Liszts zu erleben, die zum Teil ja mehr als bloße Übertragungen sind, nämlich Paraphrasen im moderaten Sinn. Mit eleganten Ausschmückungen, mit kleinen Variations-Abteilungen – ähnlich den sieben Soirées de Vienne von Liszt, in denen er den Tänzen Franz Schuberts nachspürte und in manchen Sektionen eine eigene, podiumswirksame Richtung verlieh. Luiza Borac zeigt Sinn für diese Mehrfachfunktion der nach-kompositorischen Beflissenheit, zeigt geschmeidige Technik, zeigt Empfinden für die melancholischen und festlichen Vorkommnisse dieser Lied-Pianisierungen – beherrscht in den figurativen Tastenerkundungen, mit Geschmack im Bereich der melodischen Grundierung. Hier ist sie etwa ihrem britischen Kollegen Geoffrey Tozer überlegen (einem Vertreter eher unscheinbarer Emotionalität und tendenziell bürokratischen Klavierspiels), und sie bewegt sich auch deutlich auf hellerem Terrain als Claudio Arrau, der in seiner Philips-Einspielung diese Chopin/Liszt-Verschwisterungen mit schweren Seufzern in die Nähe der Brahmschen Spätlyrik zu rücken wagt. Interessant ist es, Borac’ flüssige, dabei keineswegs wässrige, dem Text verpflichtete, aber in den wesentlichen, charakterisierenden Momenten auch eigenständige Wiedergabe mit den Einzel- bzw. Auswahleinspielungen der Tonträger-Geschichte zu vergleichen. Ich denke hier an zum Teil uralte Produktionen mit Rachmaninoff (Nr. 1 und 6), Paderewski (Nr. 1), Cziffra (Nr. 1 und 5), Hough, Rosenthal, Stavenhagen (alle Nr. 1), mit Michalowski (Nr. 5), Rosen (Nr. 5), Cortot (Nr. 1, 2, 3 und 5), Fiakowska (Nr. 1) und Joseph Hofmann (Nr. 1 und 5). Die verschiedensten Varianten von Subjektivität, von notenstatistischer Genauigkeit, von klanglicher Exotik und Nüchternheit sind hier zu registrieren – die Welt des Deutens und des Umdeutens sozusagen, erfahrbar an kleinen Beispielen des Liedhaften in der Reduktion auf zwei dem Klavier verbundene Hände!

Mit den 24 Etüden Frédéric Chopins stellt sich Luiza Borac einer reichlich dreistelligen Medien-Konkurrenz. An ihrem Beispiel zeigt sich einmal mehr: die jüngeren, heutigen Pianistinnen und ihre männliche Kollegen haben diese Stücke im Griff, müssen nicht – aus technisch-spielpsychologischen Gründen – um das eine oder andere Stück einen Bogen machen wie etwa Friedrich Gulda oder Alfred Brendel, die in schöner Ehrlichkeit bekannten, in mancher Hinsicht eine diesen Ansprüchen nicht dienstbare Technik verfügbar zu haben, sozusagen schon von ihren manuellen Voraussetzungen her auf einer anderen pianistischen Linie zu liegen und diese auch zu verfolgen. Borac nun vermittelt die beiden Sammlungen op. 10 und op. 25 mit wärmerem Ton als Maurizio Pollini, dabei nicht ganz so strahlend in den Spitzentönen op. 10,1, aber mit genügend dynamichen Abstufungen im Verlauf dieser allzu oft als Wettbewerbsprotz missbrauchten C-Dur-Nummer. Die folgende a-Moll-Etüde wird gelegentlich rascher serviert, aber Borac gelingt es, den verzwickt engen Satz der rechten Hand als melodische Linie zu behaupten, während die Akkorde der Linken schöne harmonische Tupfer abgeben (freilich nicht annähernd so warm abgetönt wie in der alten Harasiewicz-Aufnahme!).

Die beiden genannten Etüden sind der Auftakt für eine bemerkenswert lebhafte, in den exzessiven Passagen (op. 10,12, op. 25 Nr. 10 – 12) resolute Darbietung im Sinne erfüllten, erfühlten Können. Gegen Ende von Opus 25 nicht ganz so dramatisch und verwegen zielgerichtet wie in Grigory Sokolovs unerreichter Live-Vermittlung, aber angereichert von mannigfaltigen kleinen und größeren Erkenntnissen, die eine weitere Einspielung dieser Werke rechtmässig und dem Hörer empfehlenswert erscheinen lässt.

Vergleichsaufnahmen: Chopin / Liszt: Banowetz (Naxos 8.553656), Magaloff (fonè 87 F 07-19), Slenczynska (Ivory 70802); Howard (Hyperion), Arrau (Philips), Tozer (Chandos 9471); Chopin op. 10: Kostadinova (Gega GD 347), Pollini (DG), Harasiewicz (Philips / Decca); Chopin op. 25: Bogányi (Ondine ODE 1008-2)., Sokolov (Opus 111 OPS 2009), Perlemuter (Nimbus 1764), El Bacha (Forlane 16790), Saitkoulov (EMI 574018 2), Badura-Skoda (Genuin 1962 / 03016/II), Chiu (Harmonia mundi HMU 907282), Picht-Axenfeld (RCA RVC-2033)

Peter Cossé † [25.09.2009]

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Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.Komponist/Werkhh:mm:ss
CD/SACD 1
Franz Liszt
1Sechs Transkriptionen von Polnischen Liedern von Chopin S 480 00:17:41
Frédéric Chopin
712 Grandes études op. 10 00:29:46
1912 Etudes op. 25 00:31:34

Interpreten der Einspielung

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