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CD-Besprechung

Der Wächter auf der Zinne Michael Praetorius und Samuel Scheidt

Der Wächter auf der Zinne<br />Michael Praetorius und Samuel Scheidt

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 9

Klangqualität:
Klangqualität: 10

Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 9

Besprechung: 31.08.09

Coviello Classics COV 20907

1 SACD • 66min • 2008

Stadtluft macht frei – und offensichtlich ehrbar. Denn so wurden spätmittelalterliche Spielleute, übel beleumundet und fast vogelfrei, zu geachteten Zunftangehörigen: Seit dem 15. Jahrhundert fiel den Stadtpfeifern im Musikleben der Städte eine führende Rolle zu. Einerseits dienten ihre Signale von den Stadtmauern den Bürgern zu Warnung und Schutz vor herannahenden Feinden, andererseits waren die Künste dieser städtischen Bläserensembles auch im alltäglichen Leben der Bürger hochwillkommen: Ihr Spiel unterstützte den Rat der Stadt bei wichtigen Repräsentationsaufgaben, in den Kirchen verstärkten sie den Gesang des städtischen Chors oder ließen sich mit mehrchörigen Stücken nach neuester venezianischer Mode hören, und schließlich konnten vornehme Bürger sie für private Zwecke engagieren – so schritten sie Brautleuten aus guter Familie beim Weg in die Kirche mit klingendem Spiel voran und spielten später der Hochzeitsgesellschaft zum Tanz auf. Die wichtige Rolle der Stadtpfeifer sollte bis ins 18. Jahrhundert unangefochten bleiben: Noch Bach rekrutierte die Bläser für seine Leipziger Kantatenaufführungen für gewöhnlich aus den Mitgliedern der Leipziger Stadtpfeiferzunft.

Mit Musik von Michael Praetorius (1571-1621) und Samuel Scheidt (1587-1654) gibt diese CD am Beispiel der Stadt Halle einen guten Einblick in das weitgespannte Aufgabenfeld der Stadtpfeifer in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts. Michael Praetorius, Hofkapellmeister des Herzogs von Braunschweig-Wolfenbüttel, war auch „Kapellmeister von Haus aus" des Markgrafen Christian Wilhelm von Brandenburg, der am 21. Januar 1615 als neuer Administrator des Bistums Magdeburg in Halle, Residenzstadt eben dieses inzwischen evangelisch gewordenen Bistums, einzog. Samuel Scheidt, Organist an der Hallenser Moritzkirche, war an der musikalischen Ausgestaltung dieses festlichen Ereignisses zweifellos beteiligt. Scheidt folgte Praetorius 1619 im Amt des Kapellmeisters für den Hallenser Hof des Magdeburger Administrators nach; 1625 brachten die Turbulenzen des 30-jährigen Krieges es mit sich, dass der Administrator vor Wallensteins herannahenden Truppen die Flucht ergriff, und es praktisch keine Hofkapelle mehr gab, die Scheidt noch hätte leiten können. Um nun einen der ersten Musikern Deutschlands in ihren Mauern zu halten, reagierte Halle pragmatisch und schuf für Scheidt das Amt des Director Musices.

Besonders Praetorius war ein ausgesprochener musikalischer Pragmatiker und brachte die neuesten Entwicklungen der Instrumentalmusik, wie sie aus Italien und Frankreich nach Deutschland herüberwehten, in Einklang mit den hierzulande herrschenden Verhältnissen. Die Capella della Torre, das von der Oboistin Katharina Bäuml geleitete Ensemble, weiß sich auf diesen Spagat zwischen stile concertato und dem evangelischen Kirchenlied ebenso gut einzustellen wie der Komponist selbst. Bei aller Kunstfertigkeit des musikalischen Satzes folgt Praetorius der Devise Martin Luthers „dem Volke auf's Maul zu schauen" deutlich mehr als sein Generationsgenosse Heinrich Schütz, dessen Genie sich von dem einst in Venedig von Gabrieli gelernten glänzenden Vorbild nie in die Richtung eines „populären" Stils entfernen mochte. Geschmeidige Anpassungen ausländischer Vorbilder an den Zeitgeschmack bei hoher musikalischer Qualität zeigen sowohl Scheidts beiden Tanzsätze wie auch die Tanzeinlagen von Michael Praetorius, die im Dienst des Wolfenbüttler Herzog Heinrich Julius entstanden (dieser war als junger Mann einstmals am Hof Heinrichs IV. von Frankreich gewesen). In seinen kirchenmusikalischen Werken auf lateinische Texte zeigt Praetorius wiederum außerordentliches kompositorisches Raffinement, das ihn unter seinen Zeitgenossen als erstrangigen Komponisten ausweist.

Lebendig, virtuos und feinfühlig agieren die Musiker dieser Einspielung – die Musiksprache des deutschen Frühbarocks wird hier wirklich ein nachvollziehbares Erlebnis. Leider zeigt die Stimme von Dominique Visse inzwischen Korrosionserscheinungen, die bei dem stets etwas scharfen Timbre des Sängers bereits vor 20 Jahre vorherzusehen waren und nun den Genuss dieser CD geringfügig trüben.

Detmar Huchting [31.08.2009]

Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.KomponistWerkhh:mm:ss
1 M. Praetorius Jubilate Deo 00:06:39
3 S. Scheidt Est-ce Mars que je vois 00:05:25
4 M. Praetorius Laudate Dominum, laudate nomen Domini 00:02:22
5 Nun bitten wir den Heiligen Geist 00:11:10
11 Benedicamus Domino 00:02:32
12 S. Scheidt Gagliarda la Battaglia 00:04:11
13 M. Praetorius Fundamenta tenet mundi 00:06:37
15 Passamezzo 00:02:04
16 Gagliarda 00:01:42
17 Exultemus adiutori nostro 00:01:49
18 Salve Regina 00:04:07
19 Salve Rex noster 00:09:05
20 Peccavi, fateor 00:03:51
21 Wachet auf, ruft uns die Stimme (Choral) 00:01:28
22 Wachet auf, ruft uns die Stimme (à 7) 00:03:11

Interpreten der Einspielung

Interpret(en)Besetzung
Dominique Visse Countertenor
Capella de la Torre Ensemble
Katharina Bäuml Schalmei, Dulzian, Leitung
 
COV 20907;4039956209072

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