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CD-Besprechung

OehmsClassics OC 717

1 CD • 58min • 2005

08.10.2008

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 5
Klangqualität:
Klangqualität: 8
Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 6

Konservative Bruckner-Hörer werden von Ivor Boltons Lesart der unvollendeten Neunten Bruckners nie vor den Kopf gestoßen: Alles ist wie immer, und natürlich ohne Finale-Rekonstruktion bzw. ohne Te Deum (wie von Bruckner ausdrücklich gewünscht). Ivor Bolton fordert den von Daniel Harding in einem Interview vom Vorjahr durchaus mit Recht kritisierten, herkömmlichen “Bruckner-Modus”: Alles immer sostenuto, mit viel Vibrato, jedes Detail mit Gefühl aufgeladen, Phrasen immer auf ihr Ende hin entwickelt. Auf der Strecke bleiben dabei die Beredsamkeit der Gestaltung, das Deklamatorische in Bruckners Themen und vor allem das Schwingen in übergeordneten, leichten und schweren Takten, wie es für Bruckner so charakteristisch ist. Dadurch hat es ein Orchester ungemein schwer, arbeitet sich an jedem Detail ab und oft bleibt die Durchhörbarkeit auf der Strecke. Ein Beispiel: Im ersten Satz (Tr. 1, 4’45) hört man die Celli, die der Partitur zufolge mezzoforte ausdrucksvoll hervortreten sollen, kaum heraus, obwohl die Musiker sicher sehr daran arbeiten. Es ist für sie einfach nicht möglich, klanglich durchzukommen, wenn die Geigen ihre Achtelfigur und Violen und Kontrabässe ihre ruhige, “gezogene” Viertelbewegung mit viel Vibrato und Ausdruck spielen, anstatt wie von Bruckner gefordert diskret im piano zu begleiten.

Auch die Tempo-Verhältnisse sind bei Bolton nicht stimmig: Wie immer beginnt der Kopfsatz viel zu langsam; das Hauptthema ist daher nicht, wie in der Partitur, “Tempo Primo"; das dritte Thema wirkt schwerfällig und schwingt, wo erforderlich, nicht in Doppeltakten; die Überleitung zur Reprise (Tr. 1, 13’18) ist keineswegs "Langsamer", sondern schneller als früher das Gesangsthema, wodurch das dramatische "Accelerando" (ab 14’16) an Wirkung verliert und in ein viel zu schnelles Tempo hineinschießt (hier muß sich der Dirigent in ein kurzes ritardando vor dem "Tempo I" retten; das Zusammenspiel von Streichern und Bläsern ist daraufhin sehr wackelig. Das Scherzo schwingt ebenfalls nicht in Doppeltakten, wie aus Bruckners Metrik klar ersichtlich. Warum wird eigentlich in dem Pizzicato-Thema der Violinen zu Beginn (Tr. 2, ca. 0’05) immer ein Crescendo auf die Endnote hin gemacht, obwohl es sich um die Abschlussnote einer Phrase und die "eins" des leichten, rückschwingenden Taktes handelt? Auch ist das Grundtempo zu rasch, wodurch das "allmählich bewegter" im Mittelteil (Tr. 2, 2’12) praktisch nicht mehr ausführbar wird. Im Trio ereignet sich das herkömmliche Verlangsamen des zweiten Themas (Tr. 2, 4’11), das nicht in der Partitur steht. Das Adagio wird zwar erfreulicherweise in Vierteln statt wie sonst oft in Achteln dirigiert, wirkt jedoch seltsam nüchtern, wo immer Bruckner uns (wie zum Beispiel gleich am Anfang) quasi das Herz herausreißen möchte. Ärgerlich ist – kurz vor der großen Reprise des Seitenthemas (Tr. 3, ca. 15’32) – das nicht in der Partitur stehende Ritardando der Holzbläser, das der Stelle ihre Wirkung raubt und nur notwendig wurde, weil dem Dirigenten zuvor die Kontrolle über das Tempo entglitten war. Ausgerechnet kurz vor dem großen Höhepunkt (ca. 18’00) läuft dann den Blechbläsern leider noch die Intonation aus dem Ruder und der berühmte Zusammenbruch des Satzes im Siebentöne-Klang gerät dann doch nicht ganz so mark-erschütternd, wie man ihn sich wünschen würde. An solchen Stellen zeigt sich dann, dass das innere Feuer in Ivor Bolton nicht ganz so stark lodert wie beispielsweise in Stanislaw Skrowaczewski, Georg Tintner oder Kurt Sanderling (um einige Bruckner-Priester zu nennen, die in den letzten Jahren nachdrücklich auf sich aufmerksam gemacht haben).

Ausdrücklich zu loben ist das Orchester, das sich – abgesehen vom monierten "Bruckner-Modus" – mehr als wacker geschlagen hat; vorzüglich insbesondere die Wagner-Tuben und die vergleichsweise diskreten Posaunen mit Kontrabaßtuba, die den Holzbläsern auch im Tutti eine Chance lassen, durchzukommen. Es ist, wie gesagt, eine zwar weitgehend schön musizierte, doch in sich nicht stimmige, sehr konventionelle Aufführung, eher Proto-Mahler als Post-Beethoven (und ohne gegenübersitzende Geigengruppen wie zu Bruckners Zeiten in Wien üblich).

Dr. Benjamin G. Cohrs [08.10.2008]

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Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.Komponist/Werkhh:mm:ss
CD/SACD 1
Anton Bruckner
1Symphony No. 9 d minor WAB 109 (Dem lieben Gott)

Interpreten der Einspielung

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