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CD-Besprechung

Antonio Vivaldi
Suonate da Camera a Tre, Due Violini e Violone o Cembalo op. 1

Antonio Vivaldi<br />Suonate da Camera a Tre, Due Violini e Violone o Cembalo op. 1

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 10

Klangqualität:
Klangqualität: 10

Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 10

Besprechung: 24.07.08

Klassik Heute
Empfehlung

Glossa GCD 921203

2 CD • 1h 39min • 2006

Das ist das Schöne – und doch zum Verzweifeln: In der Musik kennt niemand die Wahrheit. Bei aller kunstgeschichtlichen Beständigkeit über die Jahrhunderte hinweg findet sich in diesem rein akustischen Phänomen ein Flüchtigkeitscharakter ausgeprägt, der einerseits eine wohltuende Spontaneität beinhaltet, andererseits (fast) alles dem Interpretationsgespür zumeist Nachgeborener überlässt. Letztlich können sämtliche Überlegungen dieser Art auf die entscheidende Frage herunter gebrochen werden, ob die jeweilige musikalische Darbietung überzeugend wirkt bzw. gefällt oder nicht. Freilich mag dies von Rezipient zu Rezipient verschieden einer gewissen Variationsbreite unterworfen sein…

Warum diese Vorrede? Weil gerade bei Kompositionen aus Renaissance und Barock seit Aufkommen der historisch informierten Aufführungspraxis ein entdeckungsfreudiges Nachspüren und nicht mehr eine (falsch verstandene) historische Kontinuität zur Musiktradition des 19. Jahrhunderts gewollt ist. Und weil dieses forschende Suchen zu unterschiedlichsten Ergebnissen führen kann. Wurde vor einigen Jahrzehnten Schroffheit à la Harnoncourt als Mittel musikalisch-energetischer Intensivierung zur ästhetischen Doktrin erhoben, so erkennt man nun zunehmend wieder den Reiz, der von einem sinnlich-süßen Klang auszugehen vermag – paradoxerweise durchaus erneut im Sinn der aus Klassik und Romantik herrührenden Spielpraxis.

Der vorliegenden Aufnahme von Vivaldis 12 Suonate da camera a tre für zwei Violinen und Basso continuo glückt – mit sensationellem Erfolg – eine kaum für möglich gehaltene Gratwanderung: Enrico Gatti und sein Ensemble Aurora scheinen es den gegensätzlichen ideologischen Strömungen innerhalb der Alte-Musik-Szene gar nicht Recht machen zu wollen (was ohnehin bloß zu einem interpretatorischen Schlingerkurs geführt hätte), sondern setzen diesen eine eigenständige, am individuellen Kompositionsprofil der einzelnen Triosonaten orientierte Herangehensweise jenseits doktrinärer Überlegungen entgegen. Das Quintett weiß genau, wo sich vibratoarmes Spiel zum völligen Eintauchen in die Strukturen der Polyphonie am besten umsetzen lässt und wo Klangfarben für sich selbst sprechen.

Mit dem 1705 als Opus 1 veröffentlichten Sammelband gab Vivaldi quasi seine musikalische Visitenkarte ab. Er tat dies im Bewusstsein, der damals beliebtesten Instrumentalmusik-Gattung 12 weitere Werke hinzuzufügen. Herausforderung und Chance zugleich, denn ältere Kollegen wie Antonio Caldara, Arcangelo Corelli oder Tomaso Albinoni hatten hier bereits Beachtliches geleistet. Dem starren Triosonaten-Korsett entkam der „rote Priester" durch einen recht freizügigen Umgang mit den auf das einleitende Preludio folgenden Tanzsätzen Allemanda, Corrente, Sarabanda, Gavotta und Giga – sowohl was generelle Satzanzahl, Reihenfolge als auch Tempocharaktere betrifft.

Den abschließenden Knüller landet Vivaldi mit den als Sonate Nr. 12 dienenden „Follia"-Variationen, in denen er ein gleich bleibendes harmonisches Modell 20 Mal immer aufs Neue in verschiedener Form wiederholt. Bis dahin waren Rede und Gegenrede einzelner Stimmen durch das Ensemble Aurora in seltener Vollkommenheit zu vernehmen. Plötzlich geben Enrico Gatti und Rossella Croce das bis dahin vorherrschende Wechselspiel zwischen erster und zweiter Geige wie – besonders eindrucksvoll – im Preludio der 8. Sonate auf. Man erschrickt fast, wenn in den Variationen II, XIII, XVII und XIX der konzertierende Dialog der Oberstimmen einer homorhythmischen Führung der Violinen in Terzen weicht: Die Ensemblemitglieder setzen perfekt um, wie sich musikalische Rhetorik in (himmlischen) Gleichklang verwandelt. Dass dabei die generellen Gegensätze und Spannungsbögen des polyphonen Gesamtgefüges stets präsent bleiben, darf als Meisterleistung gelten.

Der 1955 in Perugia geborene Enrico Gatti, Professor für Barockvioline am Königlichen Konservatorium in Den Haag und in Novara, hat das Ensemble vor mehr als 20 Jahren aus der Taufe gehoben. Ihm und seinen Mitstreitern, zu denen noch die Cellistin Judith-Maria Becker, die Lautenisten Monica Pustilnik sowie der Cembalist und Organist Guido Morini zählen, ist eine immense instrumentale Souveränität, – um nicht zu sagen – musikalische Abgeklärtheit anzumerken. Dennoch klingen sie frisch wie am ersten Tag: Da stimmt die Mischung aus An- und Entspannung, Transparenz und emotionalem Melos… So wahr kann Musik sein.

Richard Eckstein [24.07.2008]

Komponisten und Werke der Einspielung

CD 1
Tr.KomponistWerkhh:mm:ss
1 A. Vivaldi Sonata a tre g-Moll op. 1 Nr. 1 00:08:51
6 Sonata a tre e-Moll op. 1 Nr. 2 00:09:39
10 Sonata a tre C-Dur op. 1 Nr. 3 00:06:17
14 Sonata a tre E-Dur op. 1 Nr. 4 00:07:44
20 Sonata a tre F-Dur op. 1 Nr. 5 00:06:48
24 Sonata a tre D-Dur op. 1 Nr. 6 00:06:53
CD 2
Tr.KomponistWerkhh:mm:ss
1 Sonata a tre Es-Dur op. 1 Nr. 7 00:09:15
5 Sonata a tre d-Moll op. 1 Nr. 8 00:09:26
9 Sonata a tre A-Dur op. 1 Nr. 9 00:07:07
13 Sonata a tre B-Dur op. 1 Nr. 10 00:06:46
16 Sonata a tre h-Moll op. 1 Nr. 11 00:10:02
20 Sonata a tre op. 1 Nr. 12 RV 63 (La Follia) 00:09:56

Interpreten der Einspielung

Interpret(en)Besetzung
Ensemble Aurora Ensemble
Enrico Gatti Leitung
 
GCD 921203;8424562012035

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