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CD-Besprechung

Nataša Veljković

Romance

Gramola 98827

1 CD • 78min • 2007

10.06.2008

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 10
Klangqualität:
Klangqualität: 9
Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 9

Das Traumpaar der Romantik? Die 21-jährige Clara Wieck war bereits eine international gefeierte Pianistin, als sie 1840 Robert Schumann heiratete. Seitdem sich ihr schwermütiger Ehemann durch allzu vehementes Üben die rechte Hand verdorben hatte, kam eine gemeinsame Virtuosenkarriere nicht mehr in Frage. Einem bloßen Tonsetzer – diese Ersatz-Laufbahn hat Schumann zur Freude der Nachwelt gewählt – wollte Vater Wieck sein umhegtes Töchterlein freilich nicht zur Frau geben. Anfeindungen von außen schweißen allerdings zusammen – und sie können manche partnerschaftlich-internen Zwistigkeiten überdecken… Zwei Flügel in einer Wohnung – auf dem einen wird komponiert, auf dem anderen für die anstehende Konzerttournee geübt. Wie haben die Zwei das nur ausgehalten?! Zudem folgte Robert dem althergebrachten männlichen Rollenbild, fungierte zwar als penibler Haushaltsvorstand, überließ die tatsächliche Sorge um die rasch auf sieben Kinder angewachsene Familie aber praktisch seiner Frau allein.

Trotz zahlreicher Bemühungen, Clara aus dem kompositorischen Schatten ihres Mannes hervorzuholen, kann es nach wie vor als eine Art von posthumer künstlerischer Emanzipation gelten, wenn die in Belgrad geborene und in Wien lebende Pianistin Natasa Veljkovic Klavierkompositionen beider Ehepartner einander gegenüberstellt. Gewiss, bei Claras hier eingespielten Romanzen op. 11, op. 21 und dem a-Moll-Einzelstück von 1853 handelt es sich um Gelegenheits-, bei Roberts Kinderszenen op. 15 und seinem Carnaval op. 9 um literarisch-poetisch inspirierte Meisterwerke. Über allem liegt jedoch eine schwer fassliche Sehnsucht bzw. Traurigkeit, wodurch sich der eigentliche Fokus ausdrückt, auf den das vorliegende CD-Programm gerichtet ist: die Romantik an sich, das Fühlen und Sehnen ganzer Generationen von einst bis heute.

Einen romantischen Schlüsselbegriff hat Veronika Beci in ihrer Doppel-Biografie Robert und Clara Schumann geliefert, wenn sie vom „Phantomschmerz der Seele“ spricht. Veljkovics Zugang scheint davon voll durchdrungen zu sein. Ihr Programm-Konzept wie ihr interpretatorischer Ansatz zielen auf eine Art später virtueller Verständigung des Künstlerpaares Schumann ab – wie schon im informativen Booklettext richtig vermutet wird. Ob diese beiden auf der Beziehungsebene einander brauchten, sei dahingestellt, aber in Hinsicht auf eine gemeinsame Kreativität, ein wechselseitig-geistiges Sich-Befruchten konnten sie nicht aufeinander verzichten. Sonst hätte ein Übermaß des schon zitierten „Phantomschmerzes der Seele“ gedroht, der sich – in wohldosierter Form – natürlich auch künstlerisch produktiv umsetzen ließ.

Natasa Veljkovic setzt – zu Recht – ganz auf ihre bezaubernde Anschlagskultur. Die von ihr gewählten generell langsamen Tempi wirken daher niemals überzogen, wie buchstabiert oder gar langweilig, sondern sinnhaft erfüllt. Sie hätte es sich bei einem ein wenig angezogenen Tempo häufig durchaus leichter machen können. Es spricht einerseits für die große Ernsthaftigkeit dieser Künstlerin, andererseits für ihren untrüglichen Instinkt, musikalische Tiefen total ausloten zu können, wenn sie – wie in Der Dichter spricht, dem letzten Stück der Kinderszenen (Track 16) – ein fast völliges Innehalten heraufbeschwört. Eine solche, von absolut konzentrierter Spannung erfüllte Interpretation, die zugleich spielerisch wirkt, nötigt Bewunderung ab.

Selbst die bekannte Träumerei (Track 10) wirkt wie neu: Durch Veljkovic erhält das oftmals süßlich-verkitschte Stück seinen wahren Charakter zurück – subtil reduziert, verinnerlicht, ohne an inwendiger romantischer oder gar klanglicher Substanz zu verlieren. Toll, wie auch ihr virtuoses Talent immer wieder aufblitzt. Dass sie furios „zulangen“ kann, ist bei manchen Stellen von Clara Wieck-Schumanns g-Moll-Romanze op. 11 (Track 19) oder von Liszts Klavierbearbeitung der „Widmung“ nicht zu überhören.

Auf der Rückseite des CD-Covers wird uns die Information nicht vorenthalten, auf welchem Bösendorfer-Flügel die Aufnahme entstanden ist: nicht – wie zu vermuten gewesen wäre – auf einem Imperial (dem größten Konzertflügel der Welt mit seinen schwarzen Subkontra-Tasten), sondern auf dem noch weicher und vor allem intimer klingenden Modell 225. Angesichts solcher Bösendorfer-Klang-Seligkeiten ist man sogar bereit, auf die noch unübertroffene Steinway-Brillanz zu verzichten.

Minimaler Wermutstropfen: Bisweilen hätten die dynamischen Abstufungen noch größer sein können, insbesondere angesichts der weitgehenden Verinnerlichung des klanglichen Geschehens. Was diese Einspielung auszeichnet, ist die exakte Umsetzung des musikalischen Gehalts. Und das romantische Melos hat Natasa Veljkovic derart hinreißend getroffen, dass es sich sogleich überträgt und den Hörer ins Schwelgen geraten lässt. Damit ist sie endgültig in die Liga der Pianisten vorgestoßen, die wirklich etwas zu sagen haben. Wer etwas Substantielles über die Epoche der Romantik erfahren möchte, sollte sich die seelisch durchbluteten Bilder von Caspar David Friedrich anschauen, sich diese CD zu Gemüte führen oder am besten beides.

Richard Eckstein [10.06.2008]

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Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.Komponist/Werkhh:mm:ss
CD/SACD 1
Clara Schumann
1Romanze op. 21 00:09:43
Robert Schumann
4Kinderszenen op. 15 00:19:02
Clara Schumann
17Romanze a minor 00:04:01
18Drei Romanzen op. 11 00:13:35
21Widmung op. 25 No. 1 (1840) 00:04:24
Robert Schumann
22Carnaval op. 9 (Scènes mignonnes sur quatre notes) 00:26:31

Interpreten der Einspielung

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