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CD-Besprechung

Villa-Lobos Heitor: Sinfonie Nr. 10 (Amerindia, Oratorium in fünf Teilen für Solisten, Chor und Orchester)

cpo 1 CD 999 786-2

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 10

Klangqualität:
Klangqualität: 10

Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 10

Besprechung: 25.02.08

Klassik Heute
Empfehlung

cpo 999 786-2

1 CD • 74min • 1999

Mit der hier vorgelegten CD findet eine discographische Großtat ihren Abschluß: die erste Gesamteinspielung aller erhaltenen Sinfonien von Heitor Villa Lobos (1887–1959) kurz vor dem 50. Todesjahr des brasilianischen Komponisten. Leider fehlt von den zwölf Sinfonien die verschollene Fünfte (1920), deren Material trotz intensiver Recherchen bis heute nicht aufgefunden wurde. Die schon 1999 aufgenommene, hier nun endlich vorgelegte zehnte Sinfonie macht den Zyklus also hoffentlich nur vorläufig komplett. Es handelt sich um eine gigantische, fünfsätzige Chorsinfonie, in der Villa Lobos wieder einmal Brücken schlägt: Der Text kombiniert Auszüge südamerikanischer Dichtungen mit einem lateinischen Marienhymnus des Jesuitenpaters José de Anchieta von 1563. Das Werk entstand anläßlich der 400-Jahr-Feier der Stadt Sao Paolo im Jahr 1954, wurde aber erst 1957 unter Leitung des Komponisten in Paris uraufgeführt. Ähnlich wie später Mikis Theodorakis in seinem berühmten Canto General handelt die Sinfonie vom Konflikt zwischen Mensch und Natur und von dem Wunsch, dem Kriegs- und Eroberungsdrang durch die Liebe und eine Rückbesinnung auf ein Leben im Einklang mit der Natur Einhalt zu gebieten. Zu Beginn erklingt als Vorspiel Die Erde und ihre Geschöpfe, gefolgt von einem Kriegsruf in Art eines “Macht Euch die Erde untertan”. Im dritten Satz wird, ganz ähnlich wie im Dschungelbuch von Charles Koechlin, das Verhalten der Menschen mit denen von Affen verglichen, wobei die Indianerinnen die Ignoranz ihrer Männer beklagen. Erlösung bringt im vierten, halbstündigen Satz der Missionar de Anchieta – nichts anderes als eine vertonte, äußerst komplexe Predigt, die die Ordnung des Schöpfergottes verherrlicht und die menschliche Verderbtheit geißelt. Die Sinfonie endet mit einem gewaltigen Lobgesang und der Bekehrung des heiligen Paulus, dem Namensgeber der gefeierten Stadt.

Für die Produktion des ungeheuer schwierigen Werkes nahmen sich die Beteiligten zwölf Tage Zeit. Das Ergebnis spricht für sich und läßt keine Wünsche offen: Die Aufnahme vermittelt in jeder Minute die große Begeisterung aller Mitwirkenden, die hörbar mit Leib und Seele bei der Sache waren. Man muß dankbar sein, daß solche Produktionen heute immer noch möglich sind, um solche vergessenen Meisterwerke überhaupt kennenlernen zu dürfen. In unserem konservativen Veranstaltungsbetrieb dürfte die Sinfonia Amerindia leider nicht viele Aufführungschancen bekommen. Das ist schade, denn Villa-Lobos hat mit dieser Partitur sein vielleicht suggestivstes, wirkungsvollstes und größtes Werk vorgelegt.

Dr. Benjamin G. Cohrs [25.02.2008]

Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.KomponistWerkhh:mm:ss
1 H. Villa-Lobos Sinfonie Nr. 10 (Amerindia, Oratorium in fünf Teilen für Solisten, Chor und Orchester)

Interpreten der Einspielung

Interpret(en)Besetzung
Lothar Odinius Tenor
Henryk Böhm Bariton
Jürgen Linn Bariton
Staatsopernchor Stuttgart Chor
SWR Vokalensemble Stuttgart Chor
Radio-Sinfonieorchester des SWR Orchester
Carl St.Clair Dirigent
 
999 786-2;0761203978625

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